Dienstag 26. September 2017

2018, ein ganzes Jahr für das europäische Kulturerbe

Viele Menschen zweifeln an der Sinnhaftigkeit des europäischen Binnenmarktes. Auch wenn die Europäer von erschwinglichen Preisen für Güter und Dienstleistungen profitieren, erhalten die Euroskeptiker, die die negativen Auswirkungen wie das Verblassen der kulturellen Unterschiede und die Ablehnung lokaler Besonderheiten kritisieren, vermehrt Zulauf.

 

Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission Ende August 2016 vorgeschlagen, für 2018 ein „Europäisches Jahr des Kulturerbes“ auszurufen. Sie möchte mit dieser Entscheidung zeigen, welch hohen Stellenwert die europäischen Institutionen der kulturellen Vielfalt einräumen und mit welchem Engagement sie sich dafür einsetzen, das Gedächtnis unseres Kontinents zu bewahren. Die Idee eines solchen Jahres hat der Rat der Europäischen Union 2014 erstmals in seinen Schlussfolgerungen vorgebracht.

 

Der Kommission geht es nicht nur darum, den Binnenmarkt zu schützen, sondern sie möchte „herausstellen, wie das kulturelle Erbe Europas zur Stärkung eines gemeinsamen Geschichtsbewusstseins und Identitätsgefühls beiträgt.“ Archäologie und Architektur, Brauchtum und Künste, Burgen und Kirchen schöpfen in ihrer lokalen und regionalen Vielfalt aus den gleichen Quellen und Inspirationen und geben dem Besucher aus Europa das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Man denke nur an die Benediktiner- oder Zisterzienserklöster, die romanischen, gotischen oder barocken Kirchen, aber auch an die Pilgerwege, die die Geographie unseres Kontinents gestaltet haben und sich als identitätsstiftend für Europa erweisen.

 

Die EU-Kommission wäre aber nicht sie selbst, hätte sie nicht auch die wirtschaftlichen Vorteile des europäischen Kulturerbes hervorgehoben. So weist sie darauf hin, dass über 300 000 Menschen unmittelbar im Bereich des europäischen Kulturerbes beschäftigt sind. Darüber hinaus hängen 7,8 Millionen Arbeitsplätze in Europa indirekt mit dem kulturellen Erbe zusammen, beispielsweise im Tourismus, im Bausektor oder im Bereich von Nebendienstleistungen wie im Transport, bei Übersetzungsdiensten, der Instandhaltung der Gebäude und der Sicherheit. Allein im Jahr 2011 erwirtschaftete der Kulturerbebereich allein in Frankreich einen Gesamtumsatz von 8,1 Mrd. Euro, und zwar durch Museen, Besichtigungen von historischen Stätten und Monumenten wie auch durch weiteren Besucherattraktionen sowie durch Bibliotheken und Archiven. Ganz praktisch könnte das Europäische Jahr somit auch einen Beitrag zum besseren Schutz und Erhalt sowie zur Förderung des Kulturerbes leisten.

 

Auf der Grundlage des ersten Vorschlags der Kommission erzielten der Rat und das Europäische Parlament am 9. Februar 2017 eine vorläufige Einigung mit Blick auf einen Beschluss über ein Europäisches Jahr des Kulturerbes. Für die Durchführung entsprechender Veranstaltungen wurden acht Millionen Euro bewilligt. Am 27. April 2017 verabschiedete das Europäische Parlament seinen Bericht über diesen Beschluss und betonte dabei: „Die im Kulturerbe Europas verankerten Ideale, Grundsätze und Werte stellen eine gemeinsame Quelle der Erinnerung, des Verständnisses, der Identität, des Dialogs, des Zusammenhalts und der Kreativität für Europa dar. Das Kulturerbe spielt in der Union eine wichtige Rolle und in der Präambel des Vertrags über die Europäische Union (EUV) heißt es, dass die Unterzeichner aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas schöpfen“.

 

Der endgültige Beschluss des Rates wurde Anfang Mai verabschiedet. Seitdem laufen die Vorbereitungen innerhalb der Europäischen Kommission und in den Ministerien der Mitgliedstaaten. Auf der Internetseite der Europäischen Kommission zum Europäischen Jahr ist es ab sofort möglich, sich zu informieren und einen Newsletter zu abonnieren.

Da die eigentliche Organisation der Aktivitäten in den Aufgabenbereich der Mitgliedstaaten fällt, ist vorgesehen, nationale Koordinatoren zu benennen, die sich regelmäßig auf EU-Ebene treffen sollen.

 

Für die Kirche in Europa, die Bischofskonferenzen, die Diözesen, Gemeinden und Klöster ist das Europäische Jahr des Kulturerbes 2018 eine gute Gelegenheit, das ihnen anvertraute geistig-religiöse Erbe hervorzuheben, das Teil des Kulturerbes ist. Man könnte sogar sagen, dass es sein Grundpfeiler ist. Aus diesem Grund plant die COMECE für Anfang nächsten Jahres eine europäische Konferenz, bei der sie die betroffenen Akteure der Bischofskonferenzen sowie europäische Verbände wie „Future for Religious Heritage“ um einen Tisch versammeln will.

 

Stefan Lunte

COMECE & Justitia et Pax Europa

 

Originalfassung des Textes: Französisch

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Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

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