Wednesday 25. May 2016
#188 - Dezember 2015

Als Franzose und Christ konfrontiert mit dem Front National

Der Front National (FN) hat bei den französischen Regionalwahlen einen historischen Erfolg verbucht. Mit diesem Rechtsruck folgt Frankreich einem Trend, der sich seit einigen Jahren bereits in vielen anderen europäischen Ländern bemerkbar macht. Analyse von Jérôme Vignon, Präsident der Semaines Sociales de France.

Ballots for a candidate for France's far-right National Front political party in the first round of local elections are seen as election officials count ballots at a polling station in Illkirch Graffenstaden near Strasbourg March 20, 2011. REUTERS/Vi

Es waren überraschend viele französische Katholiken, die am 6. Dezember 2015 im ersten Wahlgang der Regionalwahlen für die Partei von Marine Le Pen gestimmt haben. Laut einer Umfrage bezeichneten sich 32 % der Befragten, die für den FN gestimmt haben, als katholisch, womit ihr Anteil über dem französischen Durchschnitt (28,4 %) lag.

 

Staatsbürgerliches Bewusstsein

Was traurig macht angesichts des von Wahl zu Wahl zu beobachtenden, scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs des Front National, gilt aber nicht nur für die Christen. Was vielen Franzosen, die sich heute zweifellos viel klarer zu den Werten der Republik bekennen, großes Unbehagen bereitet, hat mit Nationalbewusstsein zu tun.

 

Es ist das historische Gedächtnis jener dramatischen Zeiten, in denen das französische Volk den Gewaltversuchungen erlag und Frustrationen und Ressentiments in den Bürgerkrieg führten. Ohne bis zu den Religionskriegen zurückgehen zu wollen, wissen wir doch, dass unser „Zusammenleben“ eine zerbrechliche Angelegenheit ist. Erst ganz allmählich ist es der Republik gelungen, die auf Klassenkampf, Judenhass und Verachtung der „Araber“ gründenden Auseinandersetzungen in politischen Debatten auszutragen. So kritisch man diese Politik und die Parteien, die für sie stehen, auch sehen mag, so wahr ist auch, dass sie Verwahrer dieses Gedächtnisses sind, welches wir staatsbürgerliches Bewusstsein, republikanisches Bewusstsein bzw. Bewusstsein, eine Nation zu bilden, nennen.

 

Abneigung gegenüber den anderen

Nichts lässt allerdings darauf schließen, dass die Führung des Front National mit der Tradition der Abneigung gegenüber den anderen gebrochen hätte. Diese „anderen“, diese Ausländer, illegale Einwanderer, die einem gesellschaftlichen „Krebsgeschwür“ gleichkommen, oder diese Personen, die Anspruch auf staatliche medizinische Versorgung haben, die aber doch eigentlich demaskiert gehören, um der „bakteriellen Einwanderung“ Einhalt zu gebieten.

 

Neben den eindeutigen Ungereimtheiten im Programm des Front National gibt es zwei Aspekte in seiner Strategie, die Sorge bereiten und politisch mit aller Kraft bekämpft werden sollten: der Aufruf zur Umgehung der Institutionen sowie die Neigung „Sündenböcke“ anzuprangern, die anstelle einer Analyse der Ursachen für unsere Probleme herhalten müssen.

 

Angesichts dieser akuten Bedrohungen für die Zukunft unseres Landes zu einem Zeitpunkt, an dem es mehr denn je eine Vereinigung aller Kräfte nötig hätte, sehen sich das soziale Christentum und die Semaines sociales de France dazu veranlasst, gegen die Ursachen der Ungerechtigkeit anzugehen und sich klar gegen den Front National zu positionieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um eine grundsätzliche Unvereinbarkeit mit dem religiösen Glauben.

 

Erneuerung des politischen Handelns

Diese Gefahren und spürbaren Bedrohungen sind vielmehr auf politischer Ebene zu finden. Sie sind ein weiteres Zeichen dafür, dass das politische Handeln in Frankreich grundsaniert und erneuert werden muss, wie es auf einem kürzlich in Paris von der französischen Bischofskonferenz einberufenen Treffen hieß. Hier kann sich eine Art Christsein manifestieren, eine Art als Christ zu reagieren, gemäß der nach wie vor aktuellen Unterscheidung des französischen Philosophen Jacques Maritain.

 

Statt unablässig und zu Unrecht die allgemeine Mittelmäßigkeit der politischen Klasse anzuprangern, sollten wir lieber treu dem Geist der Christen bleiben, die der bekannte Diognetbrief beschreibt, jener Christen, die die Gesetze respektieren, sie jedoch anders leben. Das heißt, wir sollten uns beständig fragen, welche Verantwortung wir selbst dafür tragen, dass sich so viele Franzosen in der politischen Debatte von heute weder anerkannt noch vertreten fühlen.

 

Das heißt, sich selbst als Akteur eines Bildungswesens zu sehen, in dem insbesondere jungen Menschen mit Migrationshintergrund der Aufstieg verwehrt bleibt, statt die Schuld hierfür immer nur dem staatlichen Bildungssystem zu geben. Das heißt eingestehen, dass die Unternehmer und die Sozialpartner allgemein einen inklusiveren Arbeitsmarkt anbieten könnten.

 

Das heißt auch anspruchsvoller und proaktiver zu werden mit Blick auf ein politisches Projekt für Europa, indem wir zugeben, dass die Missstände auch von uns rühren, nicht nur von den Technokraten in Brüssel. Das heißt letztendlich sich politisch engagieren, um nicht nur das Schlechte anzuprangern, sondern auch das Gute zu gestalten und anzustreben.

 

Jérôme Vignon

Präsident der Semaines sociales de France

 

 Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Die Semaines sociales de France (SSF) sind eine unabhängige Beobachtungsstelle für das soziale Leben in Frankreich. Sie gilt als eine der ältesten Einrichtungen für soziale Reflexionen und Vorschläge. Ziel von Semaines sociales de France, die sich als „laizistische Forschungs- und Bildungsvereinigung“ definieren, ist die Verbreitung der christlichen Soziallehre und die Teilhabe an der sozialen Debatte.

Teilen |
Agenda

> 9. Mai

Europatag: 66. Geburtstag der Schuman Erklärung

 

> 9.-12. Mai

Plenarversammlung des EU Parlaments in Straßburg

 

> 25.-26. Mai

Plenarversammlung des EU Parlaments in Brüssel

 

 

 

europeinfos

Monthly newsletter, 11 issues per year
Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Publication director: Fr Patrick Daly
Editors-in-Chief: Johanna Touzel and Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of COMECE and the Jesuit European Office.
Display:
http://www.europe-infos.eu/