Mittwoch 19. September 2018
#211 - Januar 2018

Antimikrobielle Resistenz – eine Bedrohung für die Menschheit

Die antimikrobielle Resistenz (AMR), die Resistenz gegen das, was wir gemeinhin als „Antibiotika“ bezeichnen, ist ein weltweit wachsendes Problem, das jährlich rund 25.000 Menschen in der EU und 700.000 Menschen weltweit das Leben kostet. Auch die COMECE engagiert sich im Kampf gegen AMR.

Zu den Hauptursachen der antimikrobiellen Resistenz gehört der übermäßige und unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin sowie in der Tier- und Pflanzenzucht, aber auch mangelnde Hygiene in Krankenhäusern und bei der Gesundheitsfürsorge.

 

Ein weiterer Anstieg der AMR könnte zu einer ernsthaften Bedrohung für die medizinische Behandlung von Menschen allgemein werden und eine sachgerechte Behandlung in schweren Krankheitsfällen (Operationen, Chemotherapie etc.) wenn nicht ganz unmöglich, so doch zumindest extrem schwierig und kostspielig machen. Sowohl die G7 als auch die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen haben sich die globale Bekämpfung von AMR auf die Fahnen geschrieben.

 

Was tut die EU zur Bekämpfung von AMR?

Die EU begann ihren Kampf gegen AMR im Jahr 2006, indem sie den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer in Futtermitteln verbot. Über die Jahre folgten weitere Maßnahmen. Am 29. Juni 2017 hat die Europäische Kommission ihren neuen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen verabschiedet.

 

Vor der Veröffentlichung dieses Aktionsplans hatte das Europäische Parlament am 28. Juni eine Konferenz über die sozio-ökonomischen Aspekte von AMR veranstaltet. Der für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zuständige EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis stellte bei dieser Konferenz den Aktionsplan vor. Es folgten weitere Vorträge zu den Themen Humanmedizin und Gesundheitsfürsorge, Pharmaindustrie, Landwirtschaft, Veterinärmedizin, Futtermittellieferanten und Gesundheitsbehörden. Am ergreifendsten war das Zeugnis einer Mutter, deren Tochter aufgrund von AMR gestorben war.

 

Auch die COMECE nahm an dieser Konferenz teil, um aus christlicher Sicht über die ethischen Auswirkungen der Resistenzen gegen antimikrobielle Wirkstoffe zu berichten. Ohne bestehende Interessenskonflikte zu leugnen, unterstrich die COMECE die grundlegende Verpflichtung, die Gesundheit und die Sicherheit des Menschen, darunter auch der zukünftigen Generationen zu schützen. Ihr Wohlergehen, so die COMECE, dürfe nicht gefährdet und fahrlässig um des Profits und des finanziellen Gewinns willen aufs Spiel gesetzt werden.

 

Ethische und strukturelle Dimensionen von AMR

In seiner Enzyklika „Laudato Si“ ruft Papst Franziskus dazu auf, uns nicht nur mit den zahlreichen Facetten eines besonders komplexen Problems auseinanderzusetzen, sondern dieses zielgerichtet anzugehen und entsprechend zu handeln. Das Problem der antimikrobiellen Resistenz und ihrer Bekämpfung ist in der Tat sehr vielschichtig. Die tieferen Ursachen von AMR liegen in unserem Gesundheitssystem sowie in den landwirtschaftlichen Praktiken und deren Auswirkungen auf die Lebensmittelherstellung, die Tierhaltung, die Tiergesundheit und auch die Gesundheit jedes einzelnen Menschen. Was wir somit brauchen, sind Entschlossenheit und konkrete Maßnahmen, um das Verständnis der Menschen für dieses Problem sowie ihre Denkhaltung und Einstellung zu ändern. Dies beginnt mit dem Bewusstsein für den korrekten (und begrenzten) Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin, berührt aber auch unser hoch industrialisiertes Agrarsystem, allem voran die Tierhaltung, konkret die Herstellung von Fleisch und Milchprodukten. Gigantische Ställe und eine riesige Anzahl an Tieren, die auf begrenztem Raum aufgezogen werden, veranlassen die Landwirte dazu, prophylaktisch Antibiotika einzusetzen, um zu vermeiden, dass die Tiere aufgrund von Stress und Überbelegung erkranken.

 

Zudem profitieren die Landwirte von der für sie erfreulichen Nebenwirkung von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger (seit 2006 ist es allerdings verboten, Antibiotika als reines Mastmittel einzusetzen). Die einfache Anwendung des Verursacherprinzipswürde aber nicht ausreichen, sondern die Verzerrungen zwischen kleinbäuerlichen und industriellen Betrieben nur vergrößern.

 

Neue Denkmuster und Lebensweisen sind erforderlich

Was wie eine recht technische Angelegenheit erscheint und zweifelsohne ist eine angemessene Gesundheitsversorgung von Mensch und Tier eine technische Angelegenheit , ist auch ein Problem, das drängende gesellschaftliche Fragen aufwirft und das uns vor radikale Entscheidungen stellt, die sich stark auf unsere derzeitige Lebensweise auswirken: Welche Art von Lebensmittelkonsum ist nachhaltig, gesund, respektiert das Wohl der Tiere und sieht Letztere nicht als Massenware, sondern als Lebewesen und Teil der Schöpfung?

 

Wie gehen wir mit unserer eigenen Gesundheit um? Können wir unseren Hausarzt dazu zwingen, uns ein Antibiotikum zu verschreiben, auch wenn dies nicht angebracht und de facto nutzlos ist, nur weil wir meinen/glauben, dass es helfen könnte und am Ende zahlen wir den Preis dafür? Glauben wir immer noch, dass es für jede Krankheit ein (schnelles) Heilmittel gibt?

 

Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Europäischen Parlaments, die sich der Bekämpfung von AMR verschrieben haben, darunter die litauische Abgeordnete Laima Andrikienė, Organisationen der Zivilgesellschaft und anderen wichtigen Akteuren in diesem Bereich wie das Beratungsunternehmen Consultancy PA International, wird sich das COMECE-Sekretariat zukünftig eingehend mit dieser Frage (in all ihren Facetten) auseinandersetzen und versuchen, mehr Bewusstsein für dieses Problem und für die Notwendigkeit zu schaffen, es auch innerhalb der katholischen Kirche, insbesondere des Vatikans anzugehen.

 

Michael Kuhn

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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