Montag 20. November 2017
November Ausgabe #209

Aserbaidschan als Modell für kulturelle Vielfalt?

Könnte das aserbaidschanische Multikulturalismus-Modell, bei dem sich ein starkes Eingreifen des Staates und zivilgesellschaftliches Engagement ergänzen, Europa zeigen, wie Minderheiten geschützt werden, ohne die Werte der Mehrheitsbevölkerung zu gefährden?

Weltweit gibt es sehr unterschiedliche Multikulturalismus-Ansätze und entsprechende politische Strategien; sie reichen vom Eintreten für die gleiche Anerkennung verschiedener Kulturen innerhalb der Gesellschaft über politische Maßnahmen, die den Erhalt der kulturellen Vielfalt fördern, bis hin zu einer Politik, bei der der Umgang des Staates mit Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gruppen über die Gruppenzugehörigkeit definiert wird.

 

Wie Camilla Habsburg-Lothringen vor kurzem dargelegte, lassen sich zwei verschiedene Multikulturalismus-Ansätze unterscheiden, die sich durch unterschiedliche gesellschaftspolitische Grundsätze und Strategien herausgebildet haben. Der erste, oft als Interkulturalität bezeichnete Ansatz geht von einem Interaktionsverhältnis zwischen verschiedenen Kulturen aus und legt seinen Fokus auf die interkulturelle Kommunikation. Der zweite Ansatz, die multikulturelle Koexistenz, impliziert ein Nebeneinanderleben verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft und stellt Vielfalt und kulturelle Einzigartigkeit in den Mittelpunkt; diesem Ansatz zufolge dient kulturelle Abgrenzung dem Schutz der Einzigartigkeit der einheimischen Kultur einer Nation oder Gegend und trägt gleichzeitig zur globalen kulturellen Vielfalt bei.

 

Aserbaidschans „dritter Weg”

Eine Art „dritter Weg” neben diesen beiden Multikulturalismus-Ansätzen wurde von einigen vorder- und zentralasiatischen Staaten, beispielsweise Aserbaidschan, entwickelt, wo die staatliche Politik das Engagement zwischengeschalteter Stellen (Zivilgesellschaft, Universitäten, Denkfabriken) begleitet und ergänzt.

 

Multikulturalismus ist in Aserbaidschan offizielle Staatspolitik und in dieser Republik zu einer Lebensart geworden, die wechselseitiges Verstehen und die Achtung aller kulturellen Identitäten sichern will. Dank seiner besonderen Lage zwischen Osteuropa und Zentralasien und seinem sozio-politischen Kontext konnte Aserbaidschan seiner Außenpolitik eine multikulturell geprägte Agenda als strategisches Werkzeug zugrundelegen. Ein Blick in die Geschichte des Landes zeigt, dass bereits seit der Ära des Safawidenreichs und während des 19. und 20. Jahrhunderts zahlreiche ethnische und religiöse Gruppen zusammenlebten. Heutzutage gibt es in Aserbaidschan mehr als 649 registrierte Religionsgemeinschaften, von denen 37 nicht zum Islam gehören. Das Land hat 13 tatsächlich genutzte Kirchen. Die römisch-katholische Gemeinde wurde 1999 registriert. Gemäß dem Abkommen zwischen der aserbaidschanischen Regierung und dem Heiligen Stuhl wurde 2007 eine römisch-katholische Kirche in der Landeshauptstadt Baku errichtet.

 

Besondere staatliche Maßnahmen zur Förderung von Multikulturalismus

In Aserbaidschan gründet sich der Wille zur staatlichen Förderung von Multikulturalismus und Toleranz auf die historische Erfahrung von Staatlichkeit sowie auf die Entwicklung dieser Traditionen im Land. Aufgrund der Bemühungen der Regierung ist dieses politische Handeln heutzutage gewissermaßen zu einer Ideologie der Staatlichkeit und der politischen Praxis (Staatspolitik) geworden. Gleichzeitig schlägt sich die politische Grundlage dieser Konzepte in relevanten Klauseln von Verfassungsartikeln, Rechtsakten, Verordnungen und Erlassen nieder. Religionsfreiheit wird insbesondere durch Art. 48 der aserbaidschanischen Verfassung garantiert.

 

Das staatliche Engagement zeigt sich in materiellen und finanziellen Hilfen aus dem Staatshaushalt und der Stiftung des Staatspräsidenten, die Dutzenden national-kulturellen Zentren, Zeitungen und Zeitschriften, Radio- und Fernsehprogrammen zugutekommen und somit der Förderung der Minderheitensprachen und der verschiedenen Kulturen dienen.

Die Bekanntgabe, dass 2016 zum Jahr des Multikulturalismus in Aserbaidschan erklärt werden soll, fand vor dem Hintergrund religiös motivierter ethnischer Konflikte im Nahen Osten statt. Dabei läßt sich fragen, ob ein solcher staatlich gelenkter Multikulturalismus, der als eine Form sanfter Einflussnahme betrachtet werden kann, als Multikulturalismus-Modell auch anderenorts dienen könnte, insbesondere in Staaten und Gesellschaften des Nahen Ostens, wo sich seit etwa zwanzig Jahren radikale Strömungen stark verbreiten.

 

In den vergangenen Jahren war Baku Schauplatz zahlreicher internationaler Veranstaltungen; hier wurden das III. Internationale Humanitäre Forum abgehalten, das Internationale Forum für interreligiösen Dialog (in Zusammenarbeit mit der UN-Allianz der Zivilisationen, der UNESCO, der UN-Welttourismusorganisation, dem Europarat und der Islamischen Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur), die Europaspiele 2015, die Islamischen Spiele der Solidarität 2017 und das VII. Globale Forum der Allianz der Zivilisationen der Vereinten Nationen (25. – 28. April 2016). 2014 wurde das multikulturelle Institut der Regierung in Baku (Baku International Multiculturalism Centre) geschaffen, das ebenfalls dem Schutz der ethnischen, religiösen und kulturellen Vielfalt des Landes dienen und Aserbaidschan zu einem weltweiten Zentrum des Multikulturalismus machen soll.

 

Lehren für Europa?

Während seines Besuchs in Baku im Oktober 2016 lobte Papst Franziskus nach seinem Treffen mit Staatspräsident Ilham Aliyev Aserbaidschan als Ort der religiösen Toleranz. Zuvor war der Papst dem Großmufti der Region, Scheich-ul-Islam Allahschukür Paschazade, in einer privaten Unterredung begegnet; anschließend hielten die beiden Männer ein interreligiöses Treffen in der größten Moschee des Landes mit christlichen, muslimischen und jüdischen Würdenträgern ab.

 

Welche Lehren könnten aus dem aserbaidschanischen Modell für Europa abgeleitet werden? Die Auseinandersetzung mit Themen der kulturellen Vielfalt und die Entwicklung von Multikulturalismus-Strategien erfordert einen Ansatz, der staatliches Engagement mit dem Einfallsreichtum der Zivilgesellschaft und zwischengeschalteter Stellen kombiniert. Ein solcher Ansatz möchte Minderheiten respektieren, verhindert Assimilationismus und zielt auf den Abschluss eines neuen “foedus” (Pakt, Allianz) ab, das die Rechte und die Kultur von Minderheiten bewahrt, während es zugleich die Werte der Mehrheitsgesellschaft schützt.

 

Die eigentliche Herausforderung bei diesem Multikulturalismus-Modell besteht darin, dem friedlichen Zusammenleben von unterschiedlichen ethnischen, sprachlichen und religiösen Gruppen Bestand zu geben; dies ist umso wichtiger in einer Welt, die von wachsenden Tendenzen hin zum identitären Partikularismus geprägt ist, und wo im makro-regionalen Kontext konfessionalistische und ethno-linguistische Auseinandersetzungen alle Akteure in der Umgebung zu polarisieren drohen.

 

Dr. Alessio Stilo

wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geopolitischen Institut (Istituto di Alti Studi in Geopolitica e Scienze Ausiliare, IsAG) in Rom und Forscher an der Universität Padua

 

Dies ist die überarbeitete Version eines längeren Artikels, der am 5. November 2016 in Modern Diplomacy erschien: http://moderndiplomacy.eu/index.php?option=com_k2&view=item&id=1866:multiculturalism-is-dead-not-quite-yet&Itemid=133

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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