Dienstag 18. Dezember 2018
#210 - Dezember 2017

Auf dem Weg zu einer Familie von Völkern – Die Kirche und Europa

Die Kirche kann wertvolle Beiträge zur Erneuerung Europas als einer Gemeinschaft von Völkern leisten, so Weihbischof Jean Kockerols in der folgenden überarbeiteten Version seiner Ansprache bei einer Konferenz der Brüsseler Kapelle für Europa.

Wenn wir auf die Grundlagen der EU zurückblicken, dürfen wir nie vergessen, dass die EU nicht nur ein riesiges Gefüge von Institutionen ist. Ursprünglich war sie als eine Gemeinschaft angelegt. In seiner Rede an die Teilnehmer des Diskussionsforums (Re)Thinking Europe erinnerte Papst Franziskus daran, dass die EU zunächst als „Europäische Gemeinschaft“ gegründet worden war. Diese Bezeichnung unterstreicht den Ehrgeiz des europäischen Projekts und ist stärker als das Wort „Union“. Die EU ist zweifellos eine Gemeinschaft von Nationen, aber vor allem ist sie eine Gemeinschaft von Menschen, die dazu berufen sind, zusammen dem Gemeinwohl zu dienen.

 

Die Kirche und das europäische Projekt

 

Warum es für Christen (und die Kirche) fast eine natürliche Selbstverständlichkeit, das europäische Projekt zu unterstützen sowie das Leben und die Entwicklung Europas mitzugestalten?

 

Der christliche Glaube, der aus dem Glauben Israels hervorgegangen ist, misst Geschichte und Gedenken eine große Bedeutung bei. Um ihre eigene Identität und ihren eigenen Auftrag zu verstehen, muss sich die Kirche auf ihre eigenen Ursprünge, auf ihre Quellen besinnen. Europa kann nur dann als eine Union verstanden werden, wenn die Europäer wissen, woher sie kommen und warum sich Nationen vor 60 Jahren zusammengeschlossen haben. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass in vielen Ländern, und auch in den Ortskirchen, dieses Bewusstsein für Geschichte und Gedenken fehlt.

 

Das Christentum ist eine Religion des Friedens und der Versöhnung. Von daher kommen die Kirchen gar nicht umhin, das zu unterstützen, was kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann. In jedem Fall haben wir alle auch heute noch den Auftrag und die Aufgabe, Frieden zu schaffen.

 

Einander zuhören, den anderen in seiner Andersartigkeit achten und sich für Einheit einsetzen, oder vielmehr die vom Heiligen Geist gewirkte Einheit annehmen – all dies macht den Kern christlichen Lebens aus. Darin spiegelt sich auch die Katholizität der Kirche wider; ohne dieses Wesensmerkmal wäre sie dem Evangelium nicht treu. Christen wissen nur allzu gut, was es bedeutet, „in Vielfalt geeint” zu sein. Sie vermitteln uns auch einen Eindruck davon, was es heißt, Grenzen zu überschreiten und Brücken – statt Mauern – zu bauen.

 

Christen werden in ihrem Alltag nicht nur durch ihren Glauben, sondern auch durch ihre Hoffnung genährt. Diese Dimension fehlt unserem Kontinent so oft. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, dass Europäer an Trägheit (acedia) leiden. Wenn wir heute Europa neu denken, so erfordert dies jede Menge Hoffnung, Mut und Vertrauen, und Christen können all dies beitragen. Sie haben sogar den Auftrag, diese Gaben des Heiligen Geistes weitergeben.

 

Welche Einblicke kann die Kirche über die derzeitige Europa-Krise vermitteln?

 

In einer seiner Reden bezeichnete Papst Franziskus Europa als eine „Großmutter”, die alt, müde, kraft- und antriebslos ist. Dieser Vergleich ist zwar interessant, aber mich erinnert die EU – trotz ihres fortgeschrittenen Alters von 60 Jahren – eher an einen Jugendlichen, der die Freiheit entdeckt und erkennt, was es wirklich bedeutet, frei zu sein. Er muss – ebenso wie die EU – durch Erfahrungen von Erfolg und Fehlschlag lernen, was diese Freiheit alles mit einschließt. Er muss einen Weg finden, mit dieser Freiheit in Bezug auf sich und andere umzugehen, und das verlangt Verantwortungsbewusstsein. In den meisten EU-Ländern sind die Bürger emanzipiert und genießen immer noch ein sehr hohes Maß an individueller Freiheit. Die Kirche muss ihnen helfen zu verstehen, welche Verantwortung der ganzen Welt gegenüber diese Freiheit einschließt.

 

Jugendliche leiden oft unter Ängsten, sind besorgt und zögerlich. Genauso ängstlich oder zumindest besorgt sind derzeit fast alle Europäer. Sie machen sich Sorgen um zahlreiche politische, wirtschaftliche oder ökologische Belange. Für viele scheint „Brüssel” weit weg von den Bürgern zu sein. Die Kirche muss ihnen helfen, Zutrauen zu entwickeln und nicht ihre Ängste als bequeme Rechtfertigung für ihren mangelnden Ehrgeiz zu benutzen. Papst Franziskus ruft uns dazu auf, über unsere ersten Eindrücke hinauszuschauen und keine Angst zu haben.

 

Die Suche nach der eigenen Identität und nach einer Antwort auf die Frage, zu welchen Gemeinschaften wir gehören, ist eine zentrale Herausforderung für Jugendliche wie auch für heutigen Europäer. Sind wir Katalanen? Oder Spanier? Oder Europäer? Wir alle haben multiple Identitäten. Die Frage, welche Konsequenzen sich daraus ergeben, kann auf sehr unterschiedliche Weise beantwortet werden.

 

Die Kirche muss helfen, unsere multiplen Identitäten als Chance zu begreifen. Die europäische Bürgerschaft ist kein Detail unserer Zukunft. Sie hilft uns, ein gemeinsames Schicksal zu begrüßen, ohne dabei unsere anderen Identitäten zu verleugnen.

 

Jean Kockerols

Weihbischof in Mecheln-Brüssel, Vizepräsident der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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