Samstag 24. Juni 2017
December issue #199

Barmherzigkeit in Zeiten moralischer Panik

Am 24. Oktober 2016 veranstaltete die Europäische Kommission unter dem Titel « Migration: Mapping and addressing fear» ihr jährliches Dialogseminar mit den christlichen Kirchen. Der ungarische Religionssoziologe András Máté-Tóth von der Universität Szeged hielt eines der beiden Einleitungsreferate. Wir geben hier den gekürzten und leicht bearbeiteten Text seines Vortrags wieder.

Von der Freiheit zur Sicherheit

Der leitende Wert, der heute von Politik verkündet wird, ist nicht die Freiheit, sondern die Sicherheit. Die Welt, das Wertesystem, die Gesellschaft, die Gesundheit, die Kultur, alles wird als verletzbar und angreifbar dargestellt und daher auch so empfunden.

 

Diese Wirklichkeit ist durch die Medien konstruiert, und die Medien haben ihre eigenen ökonomischen und politischen Interessen, zu denen die tägliche Portion Schrecken, Horror, Angst und Verletzbarkeit gehören.

 

Die großen Religionen der Welt verkünden allerdings eine Botschaft der Freiheit und nicht der Sicherheit, eine Vision des «dennoch Möglichen». Es ist diese Botschaft, die die Vertreter der Religionen zu verkünden haben - gelegen oder ungelegen.

 

Angst verstehen: Moralische Panik

Angst und Panik in der Öffentlichkeit gehören heute zu den Grunddynamiken der Öffentlichkeit. Um die fundamentalen Tendenzen der heutigen Gesellschaften verstehen zu können, bedarf es einer mutigen intellektuellen Akzeptanz der unüberschaubaren Komplexität (Armin Nassehi), der Flüchtigkeit («liquidity»), der Unterschiede (Zygmunt Bauman) und der Unbedingtheit der Grundwerte des Zusammenlebens in Pluralität (Ernst-Wolfgang Böckenförde, Chantal Mouffe).

 

«Moralische Panik» ist ein theoretischer Ansatz, der hilft, die Dynamik der Angst und Panik in der Gesellschaft zu verstehen.

 

Elemente moralischer Panik sind: erstens Sorge um eine mögliche Bedrohung; zweitens Feindseligkeit gegenüber realen oder bloß vermuteten Tätern; drittens Gruppenkonsens über die bestehende Gefahr; viertens Übertreibung allgemeiner Folgen anhand weniger Fälle; fünftens Flüchtigkeit der Panik, die plötzlich kommt, aber auch plötzlich verschwindet.

Es gibt verschiedene Ansätze dieser Theorie, die entweder «die Eliten», «die Interessensgruppen» oder Einzelpersonen, die ihre «Einzelängste» in gesellschaftliche Ängste zu übersetzen wissen, in den Fokus ihrer Arbeit stellen. Um eine moralische Panik auslösen zu können, müssen in der Gesellschaft bereits latente Ängste und die Bereitschaft der Institutionen, sich von diesen Ängsten treiben zu lassen, gegeben sein.

 

Eine fundierte Auseinandersetzung mit den Menschen und der Kultur heute muss diese Logik in den Blick nehmen, um von dort her zu versuchen, die «Zeichen der Zeit» zu verstehen.

 

Barmherzigkeit demgegenüber bedeutet: Räume öffnen, gerade dort, wo man meinen würde, es gibt keinen Platz, keine Anerkennung, kein Verzeihen. Barmherzigkeit wendet sich gegen jede Ausgrenzung und nimmt die Angst.

 

Nach Untersuchungen in Ost-Mitteleuropa werden von der Religion zu folgenden Fragen Stellungnahmen erwartet: Solidarität mit Schwachen und Ausgestoßenen, Anprangerung der Ungerechtigkeit und der Korruption. Kirchliche Stellungnahmen dazu müssen die gesellschaftliche Realität fest im Blick haben und auf dem Boden der Frohen Botschaft Jesu Christi stehen. Ohne Christus kein Christentum.

 

Religiöse Religion

Die Erfahrung lehrt, dass manche kirchliche Vertreter zu komplexen gesellschaftlichen Fragen manchmal naiv und gleichzeitig selbstbewusst ihre Meinung vertreten. Dann sind Ihre Aussagen selten sozialwissenschaftlich und oft auch nicht theologisch fundiert. Zu oft sind ihre Aussagen einfache und kritiklose Wiederholungen der politischen Position der präferierten Parteien. Dann sprechen sie eine Sprache der Religion ohne Religion und ohne seriöses (d. h. reflektiertes) Wissen über die Gesellschaft.

 

Diese Art von öffentlichen Stellungnahmen nimmt weder die Wissenschaft noch die eigene Religion ernst. Die Forderung nach «religiöser Religion» erscheint daher aktuell zu sein. Damit ist eine Religion gemeint, die die eigene religiöse Perspektive und Logik im vertieften Verständnis der kulturellen und gesellschaftlichen Vorgänge und Zusammenhänge vertritt.

 

Politische Politik

Eine andere Erfahrung zeigt – wieder vor allem in Mitteleuropa –, dass sich Politiker bei der Darstellung ihrer Politik immer öfter religiöser und spiritueller Elemente bedienen und auf die religiös geprägte Geschichte ihres Landes anspielen. Dabei instrumentalisieren sie immer die Religion der Mehrheit und beeinflussen damit das allgemeine Denken über Religion und Kirche. Religiöse Grundbegriffe werden Teil ihrer politischen Hermeneutik. Politiker tun dies ohne wirkliches Wissen über Religion oder Kirche. Religiöse Pluralität als echte Option wird von ihnen nicht wahrgenommen. Sie missachten den Eigenwert der Religion und unterwerfen Religion ihrer politischen Logik. Das ist zugleich Verkennung der Politik und Verachtung der Religion.

 

Daher die Forderung nach «politischer Politik», wo die politische Logik und die Klarstellung der eigenen politischen Ziele bestimmend sind, ohne religiöse Rhetorik und ohne Instrumentalisierung der Religionen.

 

Zeiten moralischer Panik bieten für die Vertreter von Kirchen und Religionen eine große Chance zur Vermittlung religiöser Werte und Weisheit. Sie bedeuten zugleich eine größere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Die Vermittlung muss dem Kontext angepasst sein. Dazu bedarf es nicht nur der vertieften Reflexion, sondern auch der Aus- und Weiterbildung derjenigen, die für die Kirche sprechen, und: es bedarf der Zusammenarbeit mit jenen Wissenschaften, die über fundiertes Wissen über gesellschaftliche Vorgänge verfügen. Die christliche Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes hat heute die große Möglichkeit, in einer phantasielosen und lethargischen Zeit diesen Gott mit Wort und Tat erfahrbar zu machen und so unserer Kultur eine neue Vision und ein neues Ziel zu bieten.

 

Prof. András Máté-Tóth

Religionssoziologe, Universität Szeged (Ungarn)

 

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