Donnerstag 14. Dezember 2017

Bewahrung des religiösen Erbes in Europa

Future for Religious Heritage (FRH, zu deutsch: „Zukunft für religiöses Erbe”) ist ein gemeinnütziger und überkonfessioneller Verband. Er ist das einzige europäische Netzwerk von staatlichen und religiösen Organisationen, Fördervereinen, Verbänden, Stiftungen, Denkmalpflegern, Universitätsinstituten und anderen Fachleuten, die für den Erhalt religiöser Gebäude und ihrer Ausstattung in ganz Europa zusammenarbeiten. Interview mit Lilian Grootswagers, der ehrenamtlichen Schriftführerin des Vorstands von FRH.

Frau Grootswagers, welchen Stellenwert genießt das religiöse Erbe ganz allgemein in der Bevölkerung?

 

Die Menschen schätzen es sehr, und zwar aus vielerlei Gründen. Die Ergebnisse einer Umfrage, die wir 2014 in acht europäischen Ländern durchgeführt haben, zeigen, dass sich der überwiegende Teil der Europäer – egal, ob mit oder ohne religiöse Bindung – eng mit seinem religiösen Erbe verbunden fühlt und es für zukünftige Generationen erhalten sehen möchte. So betrachten 84 % der Europäer Kirchen und andere Sakralbauten als Teil ihres kulturellen Erbes; 79 % sind der Auffassung, dass die Bewahrung und der Schutz von Kirchen und anderen Sakralbauten eine zentrale Rolle für das derzeitige und zukünftige Leben ihrer Gesellschaft spielt. Darüber hinaus vertreten 87 % die Ansicht, dass Kirchen und andere Sakralbauten, die architektonische oder kunsthistorische Schätze enthalten, für Besucher geöffnet sein sollten.

 

Was ist religiöses Erbe?

 

Das religiöse Erbe Europas bildet einen der Grundpfeiler der kulturellen Identität Europas. Es gibt hier 400.000 Sakralbauten (Kathedralen, Kirchen, Kapellen, Klöster, Stifte, Synagogen, Moscheen) mit ihrer entsprechenden Einrichtung und Ausstattung (Mobiliar, Denkmäler, Skulpturen, Gemälde, Fresken, Silberobjekte, liturgische Gewänder, Bibliotheken); unzählige Architekten, Künstler und Musiker haben sich im Laufe der Jahrhunderte durch diese Gebäude inspirieren lassen. Dieses mehr als tausendjährige Erbe mit all seinen nationalen, lokalen und individuellen Geschichten stellt einen einzigartigen und maßgeblichen Teil der kulturellen Identität Europas dar.

 

Das Europäische Parlament verabschiedete 2015 eine Entschließung, in der es bekräftigt, „dass das religiöse Erbe ein immaterieller Teil des europäischen Kulturerbes ist“, und vertritt den Standpunkt, „dass das religiöse Geschichtserbe […], ungeachtet der Glaubensrichtung, die es hervorgebracht hat, aufgrund seines kulturellen Werts zu bewahren ist“. Wir brauchen nun einen echten Plan für die Bewahrung des religiösen Erbes auf europäischer Ebene, damit diese historischen Gebäude und ihre Ausstattung als Teil unserer Zukunft erhalten bleiben.

 

Was macht Ihnen in Bezug auf das religiöse Erbe die größten Sorgen?

 

Aufgrund der zunehmenden Säkularisierung und fehlender finanzieller Unterstützung durch den Staat leiden heutzutage viele Gotteshäuser in Europa unter Vernachlässigung oder werden gar komplett aufgegeben. Eine sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern, Finanzengpässe und mangelndes Fachwissen in Bezug auf den Erhalt von Gebäuden und ihrer Schätze – all dies trägt dazu bei, dass eine bedeutende Sammlung von Zeugnissen der europäischen Geschichte und ihr immaterielles Erbe drohen, verloren zu gehen. Wenn dieses – durch sinkende Gottesdienstbesucher und staatliche Kürzungen bereits bedrohte – Erbe erfolgreich an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden soll, müssen einige zentrale Strukturveränderungen vollzogen werden.

 

Was kann die EU für das religiöse Erbe tun?

 

Die Herausforderungen in Bezug auf das religiöse Erbe sind komplex, die beteiligten Akteure verfolgen sehr unterschiedliche Ziele, und es besteht ein allgemeiner Mangel an glaubwürdigen Informationen, auf denen eine zukunftsweisende Politik in diesem Bereich basieren könnte. In Anbetracht all dessen sehen wir den Bedarf für eine Forschungsstudie, dank derer man die kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung dieses Erbes herausstellen und, was noch wichtiger ist, ermitteln kann, welche organisatorischen Veränderungen vorgenommen werden müssen, um dieses reiche Erbe erfolgreich an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anzupassen.

 

Die Schaffung eines Bewusstseins für diese Fragen ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Das für 2018 geplante Europäische Kulturerbejahr bietet uns die Chance, die Aufmerksamkeit auf die soziale und wirtschaftliche Bedeutung des religiösen Erbes und auch auf die Gefahren, denen es derzeit ausgesetzt ist, zu lenken. Wir und unsere FRH-Mitglieder überall in Europa freuen uns darauf, diese Initiative aktiv zu unterstützen.

 

Welche Rolle spielt die Technik für das religiöse Erbe und den Tourismus?

 

 

Neue technische Mittel sind in der Tat eine starke treibende Kraft, die die Möglichkeiten im Bereich des religiösen Erbes ausweitet. Dank digitalisierter Ressourcen, die pädagogische Materialien, Dokumentationen und Tourismus-Apps anbieten, können Interessierte noch stärker von der Besichtigung von Gotteshäusern profitieren. Auf eigene Initiative hin hat FRH Religiana entwickelt, ein Online-Werkzeug, das praktische Hilfe und Hintergrundinformationen zu Sakralbauten für ein breites Publikum anbietet. Die Bedienung ist sehr einfach und entspricht internationalen Standards. Es hilft den Betreibern dieser Gebäude dabei, ihre Verwendung in der Gemeinde und religiösen Tourismus insgesamt zu fördern. Derzeit läuft ein Pilotprojekt zum Einsatz von Religiana im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Wir stehen kurz vor der Einführung in anderen Ländern und Regionen.

 

 

Sind Wallfahrten Teil des religiösen Erbes?

 

Ja, auf jeden Fall. Unsere bevorstehende Konferenz „Tourists, Travellers and Pilgrims: Encountering Religious Heritage in Today’s Europe“ (zu deutsch: „Touristen, Reisende und Pilger: Begegnungen mit dem religiösen Erbe im heutigen Europa“), die vom 9. bis zum 11. November in Vicenza stattfinden wird, wird sich dem Thema der Wallfahrt im traditionellen wie auch im modernen Sinn widmen. Dieses Treffen wird auch aufzeigen, wie Menschen für das religiöse Erbe interessiert und in dessen Erhaltung involviert werden können. Wir sind sehr stolz auf das hochkarätige Programm, das wir auf die Beine gestellt haben und für das wir Referenten aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten gewinnen konnten. Es wird auch Raum geben für einen offenen Austausch der Teilnehmer und Workshops vor Ort, in denen Fallbeispiele aus Vicenza, Verona und Venedig vorgestellt werden. Ich lade unsere Leserinnen und Leser ganz herzlich ein, an dieser Konferenz teilzunehmen!

 

Das Interview führte Johanna Touzel

COMECE

 

Der Verband „Future for Religious Heritage” hat seinen Sitz in Brüssel und zählt derzeit 133 Mitglieder in 37 Ländern.

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.

 

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