Samstag 27. Mai 2017

Briten im Ausland: Junge Katholiken erleben den Brexit aus europäischer Perspektive

Praktikanten der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales besuchten Brüssel und setzten sich mit den Auswirkungen des Brexit auf ihre Arbeit und die katholische Kirche im Vereinigten Königreich auseinander.

Vom 5. bis zum 8. Februar 2017 wagte sich eine Gruppe junger Briten ins Herz der Europäischen Union in Brüssel vor, um sich mit Vertretern von EU-Institutionen und europaweit tätigen kirchlichen Organisationen auszutauschen. Diese Gruppe bestand aus Praktikanten der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales, die am Catholic Parliamentary and Public Affairs Internship Scheme teilnahmen, einem Praktikumsprogramm, das graduierten Katholiken Erfahrung in im politischen und sozialen Bereich vor dem Hintergrund persönlicher spiritueller Entwicklung ermöglicht.

 

Einige dieser jungen Erwachsenen arbeiten mit katholischen Parlamentsabgeordneten zusammen, manche sind in Wohlfahrtsorganisationen tätig, und zwei von ihnen absolvieren ihr Praktikum in der Bischofskonferenz selbst. Während ihres Besuchs wurden sie von Michael Kuhn, dem stellvertretenen Generalsekretär der COMECE, betreut und konnten mit einer ganzen Reihe von Gesprächspartnern über die zukünftige Beziehung zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich, die Interessenwahrnehmung kirchlicher Organisationen und das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft diskutieren.

 

Auch wenn laut Umfragen etwa 73 % der 18- bis 24-Jährigen für den Verbleib in der EU stimmten, waren die Ansichten innerhalb der Gruppe gespalten; so hatte einer von ihnen für den Austritt gestimmt, während sich ein anderer tatkräftig für den Verbleib in der EU engagiert hatte. Dies führte zu interessanten Diskussionen, sowohl gruppenintern als auch bei Begegnungen mit Mitarbeitern der Europäischen Kommission, des Rates der EU und des Europaparlaments. Der EU-Apparat wirkte zwar zeitweilig ein Stück weit befremdlich auf die jungen Briten, doch die Gespräche, die sie in Brüssel, insbesondere mit Vertretern kirchlicher Organisationen, führten, ließen sie auf gute zukünftige Beziehungen zwischen Europa und britischen Bürgern hoffen.

 

Ein herzliches Willkommen?

William, der den Austritt Großbritanniens aus der EU befürwortet hatte, erklärte: „Mein Aufenthalt in Brüssel hat mir zum ersten Mal die Augen für den Wert der von der EU geleisteten Arbeit geöffnet, nichtsdestotrotz habe ich meine Entscheidung, für den Austritt gestimmt zu haben, nicht wirklich bereut.“ Der Brexit-Gegnerin Charlotte fiel es hingegen „schwer, optimistisch angesichts der Unsicherheit zu sein, die es im Zusammenhang mit den anstehenden Brexit-Verhandlungen gibt”. Eine solche Divergenz zeigte sich auch in den Meinungsäußerungen von EU-Beamten, mit denen sich die Gruppe austauschte.

 

Die Aussagen der von der EU-Kommission eingesetzten Task Force zur Vorbereitung und Durchführung der Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich schienen darauf hinzudeuten, dass sich die Brexit-Verhandlungen als schwierig erweisen und nicht mit besonderem Wohlwollen gegenüber Großbritannien geführt werden. Dem gegenüber hielt die Ständige Vertretung des Vereinigten Königreichs bei der EU am unerschüttlichen Motto Großbritanniens „Keep calm and carry on” („Bleib ruhig und mach weiter“) fest und erweckte den Eindruck, sie genieße sogar die Herausforderung. Die kirchlichen Organisationen ihrerseits betrachteten Europa als Kraft, die für eine gute Sache eintritt. Für Charlotte waren „die Begegnungen mit länderübergreifend tätigen Organisationen, die sich überall in der Welt für die Belange der Ärmsten und Hilfsbedürftigsten einsetzen, wie der CIDSE, Caritas Europa und dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst, ganz besonders ermutigend“.

 

Liebe deinen Nächsten

Angesichts der nur dreistündigen Bahnreise ab London ist man geneigt, Europa – und Brüssel – als enge Nachbarn des Vereinigten Königreichs zu betrachten. Aber wird die Freundschaft Bestand haben? Laura, die in Schottland aufwuchs, nimmt wahr, wie diese Spannung auch in die einzelnen Teile des Vereinigten Königreichs vordringt. „Als Schottin bin ich von ganzem Herzen überzeugt, dass das Vereinigte Königreich Teil der EU bleiben soll (Schottland stimmte mehrheitlich für den Verbleib), daher kann ich den Frust, den meine Landsleute in Bezug auf den Brexit empfinden, gut nachvollziehen“, so Laura. Das schottische Parlament sei natürlich unglücklich über den Ablauf der Verhandlungen; dennoch „sollte der Graben jetzt nicht noch vertieft werden; vielmehr ist es an der Zeit, zusammenzuarbeiten und die Beziehungen zu stärken“. Laura hofft, dass „Schottland auch in Zukunft noch eine Rolle spielen und sowohl für die EU als auch für das Vereinigte Königreich Freund und Bündnispartner sein wird“.

 

Auch für William liegt der Nutzen der EU in der „Zusammenarbeit von Nationen, die die friedliche Koexistenz aller verfolgen”. Seines Erachtens könne ein positives Ergebnis der Verhandlungen darin bestehen, dass „Großbritannien nach dem Brexit sein Selbstverständnis und seine Rolle in der Welt neu definiert und gleichzeitig weiterhin enge Freundschaften mit seinen europäischen Nachbarn pflegt; diese könnten vielleicht sogar derart gestaltet sein, dass Großbritannien und die EU kooperieren und sich gegenseitig inspirieren und beflügeln, um Größeres zu erreichen.“

 

Bei ihrer Rückkehr nach London waren sich alle einig: Es habe in Brüssel zuversichtliche Stimmen und hoffnungsvolle Gespräche gegeben. Mögen das Vereinigte Königreich und die Europäische Union nun einen steinigen Weg zu erwarten haben oder nicht – diese jungen Briten hoffen, dass alle Seiten ihre Zusammenarbeit fortsetzen und sich weiterhin für das Gemeinwohl einsetzen werden können.

Nina Mattiello Azadeh

 

Medienreferentin der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales,

                                                                                                                                                                                                                                                  

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

Dieser Artikel gibt ausschließlich die Meinung der Autorin wieder und stellt nicht unbedingt die Auffassung der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales und ihrer Einrichtungen dar.

 

DE- Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Social Centre dar.

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/