Freitag 20. Oktober 2017
December issue #199

Chanukka und Opferfest in der Schule?

Wie kann es uns gelingen, religiöse Feiern so zu gestalten, dass wir mehr Kinder miteinbeziehen? Eine orthodoxe Christin spricht über ihre Initiative in Finnland.

Ein kleines Mädchen steht vor dem Flurspiegel. Es setzt eine rote Weihnachtsmannmütze auf. Sich selbst im Spiegel betrachtend, fängt es einen Blick seines Vaters auf. Dieser sagt nichts. Er schaut sein Kind nur an. Das Mädchen geht zur Schule, die Weihnachtsmannmütze in der Tasche. Unterwegs spricht es mit Gott. An der Schule angekommen, ist seine Entscheidung gefallen: Es geht schnurstracks zu seinem Lehrer und erklärt ihm, es werde nicht wie seine Klassenkameraden ein kleiner Weihnachtsmann sein. Verärgert fragt der Lehrer: „Aber warum das denn nicht?“

 

Das Mädchen antwortet nicht, sondern setzt sich einfach zwischen die anderen Kinder in die Aula. Alle tragen Weihnachtsmannmützen. Sie beginnen zu singen, und das kleine Mädchen hat beschlossen mitzusingen. Doch als das Wort ‚Jesus‘ fällt, kneift es seine Lippen fest zusammen und schweigt. Das Wort „Gott“ ist für die Schülerin in Ordnung, nicht aber „Jesus“. Denn sie ist Jüdin. Drei weitere Klassenkameraden bleiben der Weihnachtsfeier fern – muslimische Jungen aus einem strenggläubigen Elternhaus.

 

In unseren Schulen sitzen Kinder, die einen ganz unterschiedlichen religiösen Hintergrund haben und mit verschiedenartigen Traditionen aufwachsen. Es kann also problematisch sein, nur christliche Feste zu feiern. Was sollen wir also tun? Auf diese Frage gibt es eine ganz einfache Antwort: ein wichtiges Fest jedes Kindes feiern und daraus eine Schultradition machen; jedem einzelnen Kind Wertschätzung entgegenbringen.

 

In Helsinki haben über 19 Schulen ein Multikulturelles Jahr gefeiert; dort ist die ganze Schulgemeinde zusammengekommen, um alles vom islamischen Opferfest Eid al-Adha über das hinduistische Lichterfest Diwali und das jüdische Purimfest bis hin zum Weihnachtsfest der westlichen Christenheit und dem Osterfest nach christlich-orthodoxer Tradition vorzubereiten und zu feiern.

 

Schon seit langem unterstütze ich Schulen bei der Gestaltung von Feiern, und doch ist jedes einzelne Fest immer wieder etwas ganz Besonderes. Als einem achtjährigen muslimischen Jungen klar geworden ist, dass sein eigenes Fest, das zu Hause eine so wichtige Rolle spielt, nun einen festen Platz im Schulleben hat, kam er zu mir und fragte: „Darf ich beim Fest meine Opferfestkleidung anziehen, mein schönes langes Gewand?“ „Aber selbstverständlich“, antwortete ich.

 

Dann wandte sich ein finnisches Mädchen mit christlichem Hintergrund an mich und fragte: „Darf ich mein Kleid aus Kolumbien anziehen? Ich habe mir gedacht, dass es doch gut passen würde, weil es aus dem Ausland kommt.“ „Aber natürlich“, war auch hier meine Antwort.

 

Unsere Feste sind immer auf eine ganz besondere Weise fröhlich. Kinder und Lehrer, Eltern und Großeltern, Brüder und Schwestern – alle kommen zusammen, um miteinander zu feiern. Es herrscht eine herzliche, von Lachen und Heiterkeit geprägte Atmosphäre.

 

Unsere Organisation Ad Astra unterstützt seit nunmehr neun Jahren Schulen, die unterschiedliche multikulturelle Feste feiern möchten. Wir vermitteln den Kindern Wissen über die Feste und machen sie – durch Tanz, Theater, Gesang, Musik und Poesie – mit Religionen und Kulturen vertraut. Dabei wird die Vielfalt innerhalb jeder Religion betont. Wir haben festgestellt, wie wichtig es ist, auch den Kindern der Mehrheitsgesellschaft Kenntnisse über ihre eigenen Feste zu vermitteln, denn es ist nicht selbstverständlich, dass christliche Kinder auch wirklich die Bedeutung von Weihnachten kennen.

 

Multikulturalität bedeutet, dass viele unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. Wir alle sollten uns nach Kräften bemühen, mehr über jede einzelne Kultur zu lernen, denn Integration ist ein Prozess, der in beide Richtungen verläuft und jeden betrifft.

 

Die Aufgabe eines Lehrers ist es, allen Kindern eine Stimme zu geben, d. h. sie so zu unterstützen, dass sie von ihrer Religion erzählen können und wahrgenommen werden. Es ist ganz normal, dass sich viele Lehrer mit bestimmten religiösen Traditionen nicht auskennen; daher wird über Religion häufig gar nicht erst gesprochen. Aber wenn man den Kindern einer Minderheit die Möglichkeit verwehrt, ihre Verbundenheit mit ihren eigenen kulturellen und religiösen Traditionen zum Ausdruck zu bringen, kann dies dazu führen, dass die betroffenen Schüler stumm und unsichtbar werden. Sie wachsen ohne Richtschnur und Leitlinien auf.

 

In vielen europäischen Ländern spielt das Weihnachtsfest eine große Rolle, wobei die Feierlichkeiten oft mehrere Wochen andauern. Für muslimische, jüdische und andere nichtchristliche Familien ist es schwer, ihre Kinder in ihren eigenen Traditionen großzuziehen. Daher es ist äußerst wichtig, dass die Schulen irgendeine Art von Unterstützung leisten.

 

Ein eintägiges Opfer- oder Diwali-Fest in der Schule ist wirklich nichts Großes im Vergleich zu den sich einen Monat lang hinziehenden Advents- und Weihnachtsfeierlichkeiten in der Gesellschaft, aber es kommt auf die Geste an. Dies hat in den vergangenen neun Jahren, in denen wir uns in diesem Bereich engagieren, sehr gut funktioniert. Im vergangenen Jahr haben wir auch damit begonnen, mit jungen Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen zusammenzuarbeiten; im Rahmen unseres Projekts „Together For Finland“ (TFF) bilden wir sie im interreligiösen Dialog und in der Methode des Storytelling aus.

 

Diese jungen Menschen werden darin geschult, Normen zu analysieren, geschützte Räume zu schaffen, die Einhaltung der Menschenrechte zu gewährleisten und andere methodische Konzepte, die ihren Ursprung in der Antirassismus-Arbeit haben, anzuwenden. Dieses Training ist auch hervorragend für den interreligiösen Dialog geeignet. Darüber hinaus erlernen unsere jungen Lehrgangsteilnehmer Storytelling auf künstlerischem Niveau.

 

Dank dieser Erfahrung war es mir vergönnt, unzähligen Geschichten darüber zu lauschen, was es heißt, als Katholik, Moslem, Jude oder Bahai in Finnland aufzuwachsen. Dadurch ist mir bewusst geworden, dass unsere Arbeit – das Sichtbarmachen religiöser und kultureller Traditionen von Kindern an der Schule – sogar noch wichtiger ist, als ich zunächst angenommen hatte. Ich habe entdeckt, dass Kinder sehr schnell verletzt sind, wenn man ihr eigenes kulturelles und religiöses Erbe nicht wahrnimmt, und dass Kinder darunter sehr leiden können. Kinder beobachten genau; sie merken, wenn ein Lehrer ihnen kein Interesse entgegenbringt, und sie ziehen daraus ihre eigenen Schlüsse. Aber ich habe auch gelernt, dass es möglich und sogar einfach ist, ein Kind – durch Gesten wie auch durch Worte – zu unterstützen, und dass ein Interesse am Glauben des Kindes nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Traditionen und Feste sind wichtig. Lasst uns mehr feiern!

 

 Milena Parland

Ad Astra, Finnland

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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