Sunday 26. September 2021

Dabei sein oder nicht dabei sein, das ist hier die Frage

Das britische Referendum verspricht, eine grundlegende Debatte über Europa zu entfachen – und das ist eine gute Nachricht.

Der britische Premierminister David Cameron hat versprochen, im Frühsommer 2016 ein Referendum über die Frage abzuhalten, ob das Vereinigte Königreich in der EU verbleiben oder austreten soll. Diese Volksabstimmung wird nur wenige Monate nach dem 70. Jahrestag der Züricher Rede von Sir Winston Churchill stattfinden, in der zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg die Idee „Vereinigter Staaten von Europa” vorgebracht wurde.

 

Bereits während der dunkelsten Tage des Krieges im besetzten Frankreich hatte Robert Schuman ähnliche Überlegungen angestellt, doch Churchill kommt das Verdienst zu, den Stein ins Rollen gebracht zu haben, indem er die Idee eines europäischen Projekts in die Öffentlichkeit einbrachte. Gleichwohl nahm Sir Winston Churchill ein Geheimnis mit ins Grab: Obwohl er sich selbst und Großbritannien als „Freund und Förderer des neuen Europa” bezeichnete, bleibt die Frage offen, ob er jemals die Mitgliedschaft seines Landes in diesem neuen Europa wünschte.

 

Letztendlich unterschrieb das Vereinigte Königreich den Vertrag von Rom und trat, zusammen mit seinen Nachbarn Irland und Dänemark, am 1. Januar 1973 der EWG bei. Aber während sich Irland in der europäischen Staatengemeinschaft so wohl fühlte wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, tut sich Großbritannien bis heute schwer damit, sich rückhaltlos für den europäischen Traum zu engagieren. Für Großbritannien bleibt die Frage „Dabei sein oder nicht dabei sein?” von existentieller Bedeutung. David Cameron hofft nun, mit Hilfe des im Sommer stattfindenden Referendums dem Dilemma seiner Landsleute ein für allemal ein Ende zu setzen.

 

Es muss dem Vereinigten Königreich allerdings zugute gehalten werden, dass es den anderen Mitgliedstaaten gegenüber immer ein großartiger und konstruktiver Partner gewesen ist. Auch wenn die Briten in manchen wichtigen Fragen eigene Wege gegangen sind – man denke an Schengen, die Sozialcharta oder das metrische System –, so haben sie sich selbst in der Ära Margaret Thatchers ins Zeug gelegt und ihren europäischen Kollegen gezeigt, dass man gut mit ihnen arbeiten kann.

 

Die britische EU-Skepsis ist ein Thema der Boulevardpresse. Die Bewohner von „Little Britain“ in der gleichnamigen britischen Fernseh-Comedysendung lesen Boulevardzeitungen und wählen dann die UKIP. Welche Argumente auch immer von den EU-Skeptikern angeführt werden, sie sind ganz und gar fadenscheinig. Die City of London, der Verband der britischen Industrie, der Economist, die Financial Times und die anderen seriösen Zeitungen sprechen sich allesamt für einen Verbleib Großbritanniens in der EU aus. Doch in der britischen Mittelschicht wird das Thema der EU-Mitgliedschaft derart kontrovers diskutiert, dass ein Referendum politisch erforderlich wurde.

 

Das Gute an der angekündigten Volksabstimmung ist, dass sie eine grundlegende Debatte darüber entfachen wird, was es bedeutet, in der EU zu sein, und was heute, 70 Jahre nach Churchills Europa-Rede, Aufgabe, Zweck und Werte des europäischen Projekts sind. Diese britische EU-Debatte wird sich – auch angesichts des gewaltigen Einflusses der britischen Print-, auditiven und visuellen Medien – europaweit in Gesprächen und Diskussionen niederschlagen. Das ist gut für Großbritannien; das ist aber auch gut für uns alle, denen das europäische Projekt am Herzen liegt.

 

Unabhängig vom Ausgang der öffentlichen Debatte und mit dem gebührenden Respekt für eine von einem souveränen Staat getroffene Entscheidung ist davon auszugehen, dass sich selbst äußerst zurückhaltende Kommentatoren für den Verbleib Großbritanniens in der EU aussprechen werden, wenn sie das Thema im Lichte der Soziallehre der katholischen Kirche betrachten, – denn Großbritannien ist ein Mitglied unserer Familie! Daher lautet unser Appell an unsere britischen Leser: Stimmen Sie für den Verbleib in der EU, und überzeugen Sie auch all Ihre Freunde!

 

Wenn Sie, liebe britische Leser, Ihre Entscheidung getroffen haben, dann verbleiben Sie nicht widerwillig, nicht mürrisch in der EU. Seien Sie mit ganzem Herzen und Begeisterung dabei; seien Sie erfüllt von dem Wunsch, als Briten einen einzigartigen Beitrag zur Schaffung eines besseren und gerechteren Europa zu leisten – eines Europa, auf das Sir Winston Churchill stolz wäre.

 

Patrick H. Daly

Generalsekretär der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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