Samstag 21. Oktober 2017

Das Erfahrene, das Zukünftige und das Religiöse

Manfred Prisching, Professor für Soziologie an der Universität Graz, sucht nach Wegen aus der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise Europas.

Seinerzeit, als es um Schritte zur Europäischen Union ging, gab es eine ganze Reihe von Versprechungen. Die Vereinigung würde den Frieden sichern, die Union ausweiten. Es würden durch die Regionalförderung benachteiligte Gebiete profitieren. Man könnte die Durchlässigkeit der Grenzen erhöhen, damit den Handel fördern und Produkte günstiger machen. Man würde die Bürokratie reduzieren, Impulse für das Wirtschaftswachstum setzen und damit die Arbeitsmarktbedingungen verbessern. Die Menschen könnten frei durch Europa reisen, ohne Hemmnisse an den Grenzen und ohne den Aufwand steten Geldwechsels.

 

Das alles waren die Versprechungen. Und was ist geschehen? Alles das ist eingetreten. Das lässt sich mit empirischen Daten belegen. Und es ist die halbe Wahrheit. Wir sind in der Luxusecke der Welt. Doch die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass diese Errungenschaften nun zu bröckeln beginnen, gar nicht so sehr durch das Verschulden Brüssels, sondern durch Eigensucht und Leichtsinn von Personen, Gruppen und Staaten.

 

Ordnungsverlust

Die alte (teils romantisch imaginierte) Ordnung der Völker, Gruppen und Staaten ist zerbrochen, eine neue geistige Ordnung ist noch nicht an ihre Stelle getreten: „Interregnum“, Fragilität, Liquidität, Ambivalenz. In dieses Vakuum dringen autoritäre Bewegungen vor.

 

Erstens: Die Menschen sind durch die Auflösung des „Baldachins“ der gemeinsamen Werte verunsichert. Sie suchen das Kosmion: eine einheitliche und konsistente Wertekonstellation. Es braucht irgendeine Sinnstiftungsquelle: Normative Einheit wurde lange Zeit durch die Religion hergestellt, dann durch Nationalismus, schließlich durch Vernunftglauben und moderne Ideologien wie den Marxismus. Das Schwächeln solcher Sinnstiftungssysteme kann eine Zeitlang durch Wohlstand und Konsum überbrückt werden: Menschen, die kaufen, schießen nicht. Aber auf Dauer scheint das nicht zu genügen, besonders wenn es mit dem versprochenen Wohlstandszuwachs zu hapern beginnt. – Die Autoritären versprechen die Wiederherstellung der „richtigen“ Werte, auf Wegen, die üblicherweise in Regionen weit jenseits dieser Werte liegen. Aber in einer pluralisierten und individualisierten Gesellschaft kann es keinen gemeinsamen Wertehimmel geben, keine umfassende Leitkultur oder gesellschaftliche Gesinnungslehre.

 

Zweitens: Menschen hegen tribalistische Gefühle: Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat, Nation. Sie suchen nach einem Gemeinschaftsgefühl, dessen Quellen versiegt sind, sie streben Einbindung und Einbettung an; aber da sind nur noch fluktuierende Gruppen. Auch der Nationalismus ist nichts anderes als eine groß geratene Form von „Stammesdenken“, vielleicht die größtmögliche (so dass Europa als Identifikationsobjekt nicht mehr möglich wäre). – Autoritäre versprechen die Wiederherstellung des „Stammes“, den Abschluss nach außen, die Rekonstruktion staatlicher Container, die Eliminierung alles Fremden.

 

Drittens: Die Menschen kennen sich nicht mehr aus. Die Unüberschaubarkeit in allen Lebensbereichen ist belastend geworden: Stress und Überforderung. Die Welt ist fremd, an allen Ecken. Was zu tun wäre, scheint sich allemal in der Komplexität zu verheddern. – Die Autoritären versprechen die einfachen Lösungen: Die Führungsgestalt, die ja aus der „Substanz des Volkes“ kommt, zerschlägt den gordischen Knoten. Doch es gibt keine gordischen Knoten mehr; wenn es welche gäbe, würden die Akteure sie nicht finden; wenn sie sie fänden, hätten sie keine Schwerter.

 

Viertens: Alles kumuliert sich zu einer Szenerie der Angst. Alles wird unsicher, vom persönlichen Lebensbereich bis zur ganzen Welt. Angst ist die universelle Reaktion, besonders dann, wenn selbst die materiellen Grundlagen ins Wanken kommen. – Nur die Autoritären versprechen Sicherheit. Da gibt es keine Probleme, wenn man nur die Schuldigen benennen kann. ... Alles ließe sich wieder gut machen: Gemeinschaft durch Feinderzeugung. Folgebereitschaft im Mob. Angst in Hass transformieren.

 

Was ist zu tun?

Man macht kein Steuergesetz mit der Bibel in der Hand, aber man macht es als verantwortliche Person, als Europäer, als Christ. Man tue das Nötige, mit Anstand.

 

Erstens den gesunden Menschenverstand nicht verlieren. Ebenso wenig in Euphorie wie in Panik verfallen. Ebenso wenig sich narzisstisch in den Mittelpunkt spielen wie komplexhaft in die Ecke verkriechen. Eine gute Portion Gelassenheit pflegen.

 

Zweitens am Glauben festhalten, dass jeder Mensch die Freiheit zum Handeln hat, dass er nicht einfach ein Bündel gesellschaftlicher Einflussfaktoren ist, dass er deshalb auch eine Verantwortung im Dasein hat. Sein Leben nicht „herunterleben“, als stilisiertes Opfer oder als Spaßhaber, sondern sein Leben „führen“.

 

Drittens sich um die eigene Religion, aber auch um die „Nachbarn“ kümmern, die doch zum größeren Teil aus denselben geistigen Wurzeln kommen. Glaubenslehren sind interpretierbar, und sie sind an gesellschaftliche Konfigurationen anschlussbedürftig. Nicht immer muss es gleich um Dogmenfragen gehen, wenn man mit Vertretern oder Anhängern anderer Religionen spricht.

 

Viertens Dimensionen der Machbarkeit abschätzen können. Man kann sich allemal etwas wünschen oder einfordern, aber das ist ein billiges Geschäft. Viel schwieriger ist es, die Zähigkeit aufzubringen, mit Sachverstand und Kompromissbereitschaft, mit Augenmaß und Nachhaltigkeit den Raum des Machbaren auszuweiten, hinein in den Raum des Erwünschten.

 

Fünftens keine Angst haben. Christentum, Judentum und Islam verweisen auf das Vertrauen Gottes zum Menschen. Was immer auf dieser Welt geschieht, man sollte sich nicht fürchten müssen.

Manfred Prisching

 

Univ.Prof. Dr. Manfred Prisching ist Professor für Soziologie an der Karl-Franzensuniversität Graz.

 

Redaktionelle Bearbeitung des Artikels: Michael Kuhn

 

Ursprünglich veröffentlicht in: Denken+Glauben 182. Graz 2016, S. 3-5. Wir danken der Redaktion für die Erlaubnis der auszugsweisen Veröffentlichung.

 

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