Donnerstag 14. Dezember 2017
#193 - Mai 2016

Das Europa von Papst Franziskus

Papst Franziskus wird am 6. Mai in Rom der Internationale Karlspreis 2016 verliehen. In einem Gespräch mit einer Gruppe französischer Katholiken gibt das Kirchenoberhaupt Einblicke in seine Vision von Europa.

Mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen werden jedes Jahr besondere Beiträge zur europäischen Einigung gewürdigt. Papst Franziskus wurde aufgrund seiner „Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung“ an die Menschen in Europa ausgewählt. Die offizielle Verleihung des Preises findet am 6. Mai in Rom statt.

 

Die Ansprache von Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament am 25. November 2014 hat bei den Abgeordneten und Beobachtern bleibenden Eindruck hinterlassen. Unlängst erklärte Papst Franziskus in einem Gespräch mit Journalisten, er möge die Idee der Neubegründung der Europäischen Union. „Wir müssen alles tun, damit die Europäische Union die Kraft und die Inspiration hat, weiter voranzukommen.“

 

Am 1. März empfing der Papst eine Gruppe von rund 30 Vertretern aus den unterschiedlichsten Bereichen des französischen sozialen Katholizismus zu einem vertraulichen und freundschaftlichen Gespräch. Im Rahmen dieser sehr langen Unterredung beantwortete er Fragen zu seiner Sicht von Europa.

 

Persönliche Sichtweise von Europa

„Seit Magellan“, so erinnerte der Papst mit einem amüsierten Lächeln, schaut man aus der Ferne auf Europa, vom Süden her, von der Peripherie aus, aus einer Distanz, die eine Analyse möglich macht. Wenn man ihn dann sagen hört: „Ich verstehe meinen Glauben besser von der Peripherie aus“, zeigt dies, dass Distanz keineswegs Gleichgültigkeit schafft. Es ist eine Sichtweise, aus der die Unterscheidung erwächst und die es erlaubt, Mahnungen auszusprechen und auf Pflichten aufmerksam zu machen. Unser Gespräch, so wurde klar, war keine höfliche Antwort auf ein Audienzgesuch. Für Franziskus war es vielmehr Gelegenheit, uns seine kritische Sicht der Dinge darzulegen und einen Weg zu weisen, uns, einer Gruppe engagierter Christen, bestehend aus einer politischen Strömung, der französischen Sozialbewegung Les Poissons Roses (die rosa Fische), einem Thinktank „Esprit civique“ (Bürgersinn), drei Parlamentariern, Lokalpolitikern sowie dem Sozialchristentum verschriebenen Verbandsaktivisten wie Jérôme Vignon, Präsident der katholischen Laienbewegung Semaines Sociales de France.

 

Im Gespräch kamen wir auf die personalistischen Philosophen zu sprechen, die uns verbinden. Der Papst ging insbesondere auf Emmanuel Levinas ein. Eine paradoxe Referenz für einen Papst? Oder vielmehr ein Weg, der den Europäerinnen und Europäern zu denken geben sollte? Der in Litauen geborene, in die Ukraine emigrierte französische Philosoph lebte später in Straßburg, Freiburg und Paris. Seine Inspiration schöpfte er aus dem Talmud, der russischen Literatur und der deutschen Phänomenologie. Levinas war auch bekannt mit Gabriel Marcel. Er ist einen dramatischen und langen Weg durch Europa gegangen und hat dabei in herausragender Weise europäische Kulturen und Denkweisen integriert. Als der Papst darauf verwies, dass die Aufnahme des Ausgeschlossenen Treue gegenüber unseren Wurzeln bedeute, nahm die Ethik Levinas‘ Gestalt an: Um ein gastfreundliches Haus zu haben, muss man dort selbst innere Einkehr halten und verweilen können, um dann dem anderen die Tür zu öffnen.

 

Ein offenes Europa

Franziskus wurde konkret: Die Ankunft von Flüchtlingen in Not ist ein soziale Gegebenheit, über die Europa nichthinweggehen kann. Europa war offen gegenüber der Welt durch das, was es erhalten und das, was es vermittelt hat. Heute muss es fähig bleiben, sich im Austausch mit anderen Kulturen zu erweitern. Dieses Europa wird die unterschiedlichen Wege, Geschichten und Kulturen respektieren. Europa kann nicht für sich in Anspruch nehmen, die am höchsten entwickelte Kultur zu haben. China könnte uns diesen Titel streitig machen. Was Europa jedoch einzigartig macht, ist sein Streben nach Einheit in der Vielfalt. Die Welt braucht ein solches Modell, als Gegenstück zur Banalisierung in einer Zeit der Globalisierung, in der das Interesse des Einzelnen im Mittelpunkt steht.

 

Ein besseres Verständnis dieser notwendigen Spannung zwischen Heterogenität der Kulturen und der Suche nach Einheit setzt voraus, dass wir von einer rein geografischen Lesart abkommen und zeitbezogen denken. Der von Papst Franziskus vorgeschlagene Maßstab ist die Länge eines Lebens. Europa, das der Papst liebevoll, aber nicht respektlos „abuela“, Großmutter, nennt, ist gealtert und nicht mehr sehr fruchtbar: Um die anderen zu integrieren müssen wir zu der Dynamik zurückfinden, die Veränderung und Integration ermöglicht. Sich wieder auf den Weg machen trotz Terror und – Franziskus scheute nicht vor diesem furchtbaren Wort zurück – Krieg, der Ungleichheit und allen Arten von illegalen Machenschaften, angefangen beim Waffenhandel, Vorschub leistet.

 

Mir schien, sein Bezug auf die Gründerväter sollte nicht als Nachtrauern einer vergangenen Zeit verstanden werden, in der Europa personalistisch war. Vielmehr war es das Denken eines Mannes, der daran erinnert, was möglich war, und der auf den Ernst der Stunde hinweist, auf die Dringlichkeit eines europäischen politischen Sich-Neufindens. Die geistige Auseinandersetzung muss im Dienst der Ärmsten stehen, wirtschaftlich gesehen durch eine Art republikanischer Brüderlichkeit und spirituell gesehen durch die Barmherzigkeit. Die Antwort muss sich aber auch in Taten umsetzen, wie der Besuch von Papst Franziskus auf Lesbos zeigt.

 

Philippe Segretain

Vorstandsmitglied von Semaines Sociales de France

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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