Dienstag 23. Mai 2017

Den Traum eines neuen Europas wagen

Anlässlich der Entgegennahme des Karlspreises am 6. Mai 2016 hat Papst Franziskus dazu aufgerufen, den Traum eines neuen Europas zu wagen. Für ihn impliziert dies den Übergang von einer „verflüssigten“ zu einer sozialen Wirtschaft - ein Projekt, das die Jugend begeistern könnte und zu dem die Kirche, so der Wunsch des Papstes, ihren Beitrag leisten sollte. Eine Utopie oder ein realistisches Vorhaben?

Nicht jeder findet es selbstverständlich, dass sich die katholische Kirche mit Europa auseinandersetzt. Dabei hat sie das europäische Aufbauwerk von Anfang an unterstützt und alle Glocken in Rom läuteten am 25. März 1957, dem Gründungstag der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Die Kirche sah im europäischen Aufbauwerk ein Friedensprojekt, mehr noch, ein Projekt des Verzeihens und der Versöhnung, das die Möglichkeit bot, die von den Wunden der Kriege gezeichneten Länder neu zu beleben. Papst Pius XII. und Papst Paul VI. unterstützten das Vorhaben. Papst Johannes Paul II. setzte sich später dann intensiv für die Wiedervereinigung Europas ein, damit es, so seine Worte, seine wirkliche Identität wiederfinden könne.

 

Darüber, welchen Platz die Kirchen in diesem europäischen Aufbauwerk einnehmen sollten, wurde jedoch nie nachgedacht noch diskutiert. 1980 gründeten die Bischofskonferenzen der Mitgliedstaaten der EWG die COMECE, die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft mit dem Ziel, die europäischen Angelegenheiten in Brüssel zu verfolgen. Nach und nach fand die COMECE, die weder Lobbyistin noch eine NGO war, ihren Platz in diesem europäischen Gefüge und setzte sich gemeinsam mit anderen christlichen Kirchen für die Anerkennung ihres besonderen Beitrags ein. Die Kirchen treten nicht für die Interessen bestimmter Gruppen oder Bereiche ein, sondern für das Gemeinwohl und die Achtung jedes einzelnen Menschen im unfassenden Sinn. In Artikel 17 des Vertrags von Lissabon schließlich wurde der besondere Beitrag der Kirchen von der EU offiziell anerkannt und ein offener, transparenter und regelmäßiger Dialog mit ihnen institutionalisiert.

 

Der Dialog zwischen den Kirchen und Europa

Dieser lange Weg verlangte von der Kirche ein Umdenken. Da sie im europäischen Gefüge nicht über die historische Legitimität verfügte, die ihr in den Mitgliedstaaten zustehen mochte, musste sie erst die Achtung ihrer Gesprächspartner gewinnen. Hierfür lernte sie, ihre Anliegen in die Sprache des „europäischen Stammes“ zu „übersetzen“ und Gespräche zu führen, was bedeutet, dass sie zu einer selbstkritischen Haltung finden und lernen musste, positive Elemente aus den Vorschlägen anderer anzunehmen, um mit ihnen im Sinne des Gemeinwohls zusammenzuarbeiten.

 

Auf Seiten der europäischen Institutionen war es Jacques Delors, der den entscheidenden Impuls zum Dialog mit den Religionen gab. 1992 erklärte er: „Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tieferen Bedeutung zu versehen, dann wird es um die europäische Einigung geschehen sein“. Welchen Weitblick er besaß, zeigt sich 25 Jahre später. Viele Europäerinnen und Europäer erkennen heute keinen Sinn mehr in Europa, sie sehen weder seine Errungenschaften noch seine mögliche Zukunft. Umso wichtiger ist es, sich nun an eine Erneuerung Europas zu machen und mit den jungen Menschen den Traum eines neuen Europas zu träumen.

 

Die Wirtschaft menschlicher gestalten

In seiner bereits zitierten Rede fordert Papst Franziskus die Europäer zu einer „Transfusion des Gedächtnisses“ auf, um aus der Vergangenheit die Inspiration zu schöpfen, die uns dazu befähigt, uns den Herausforderungen der komplexen und multipolaren Welt von heute zu stellen. In den 1950er Jahren bestand die Herausforderung darin, einen weiteren Krieg zu verhindern. Hierfür mussten die Staaten an den Verhandlungstisch gebracht und eine ganz neue Form der gemeinsamen Souveränität zum Wohle aller gefunden werden.

 

Heute liegt das Problem in erster Linie in den sozialen Ungleichheiten, die durch eine globalisierte Wirtschaft, die unsere Erde ausbeutet und den Menschen zum Konsumenten reduziert, verschärft werden. Die Staaten haben jedoch weitgehend die Kontrolle über die Wirtschaft verloren. Es reicht somit nicht mehr, die Staaten an den Verhandlungstisch zu holen, es müssen auch die Wirtschaftsakteure und Wissenschaftler eingeladen werden. Gemeinsam mit ihnen muss ein neues Wirtschaftsmodell erarbeitet werden, das dem Menschen und der Schöpfung mehr Respekt zollt. Zudem wird man Zugeständnisse im Sinne des Allgemeinwohls machen müssen.

 

In seiner Enzyklika Laudato Si’ ruft uns der Papst zu einer mutigen kulturellen Revolution und zu einer radikal neuen Lebensweise auf. Er ermutigt zu diesem multipolaren Dialog. Wenn es der EU gelingt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und eine wirklich neue Initiative mit Blick auf eine Wirtschaft mit einem menschlichen Gesicht zu ergreifen, wird sich mit Sicherheit auch die Jugend dafür interessieren und sich daran beteiligen. Ein utopisches Vorhaben? Mag sein, doch nicht weniger utopisch als das des nachhaltigen Friedens. Ein Vorhaben, das Europa zur Ehre und der ganzen Welt zum Guten gereichen würde.

 

 

Monique Baujard

Ehemalige Direktorin des Service National Famille et Société der französischen Bischofskonferenz

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

DE- Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.

 

Monique Baujard ist Autorin von „La COMECE, le dialogue entre les Églises et l’Europe“ (Die COMECE, der Dialog zwischen den Kirchen und Europa), Documents Episcopat Nr. 8, 2016, veröffentlicht vom Generalsekretariat der französischen Bischofskonferenz

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