Samstag 26. Mai 2018
#211 - Januar 2018

Europa: Der Frieden will erkämpft sein

Für Bernard Philippe ist es an der Zeit, die Religionen mit ins Boot zu nehmen und sie dazu zu bewegen, die besonderen Stärken ihrer Traditionen zur Lösung der Konflikte und zur Schaffung aktiverer Friedenskoalitionen einzusetzen.

Der Beschluss der USA, Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die amerikanische Botschaft dorthin zu verlegen, hat zumindest etwas Gutes: Er rüttelt uns wach und schärft unser Bewusstsein für den israelisch-palästinensischen Konflikt, der vielfach bagatellisiert und aus den Schlagzeilen gerückt, niemals in Vergessenheit geraten darf; spielt er doch mit seinem einzigartigen Symbolcharakter eine entscheidende Rolle im Unruheherd Naher Osten. Umso wichtiger ist es heute, alles daran zu setzen, dass dieser Konflikt nicht durch einen Religionskonflikt weiter geschürt und vertieft wird. Die Bereitschaft der betroffenen Völker zum Frieden erfordert einen – sicherlich neuartigen – religiösen Sprachgebrauch, der die bestehenden Spannungen entschärft und echte Friedenschancen birgt. Diese Situation verlangt auch von Europa ein Umdenken mit Blick auf die wahren Erfordernisse des Friedensprozesses im Nahen Osten.

 

Nachdem wir Europäer alles, was mit Religion zu tun hat, in die behagliche Privatsphäre verbannt haben, stehen wir nun mit leeren Händen da. Wir sind umso machtloser, als wir in direkter Konkurrenz, wenn nicht gar im Konflikt mit anderen menschlichen Gemeinschaften stehen – sei es der Islamische Staat, die Türkei, Amerika, Russland oder Israel – deren spirituelle Dimensionen und damit die ihr zugrundeliegenden Funktionsweisen verkannt werden.

 

Politik und Religion: den Autismus überwinden

 

Es gibt verschiedene Wege, den Autismus zu überwinden, der unsere politische Tätigkeit von unserer theologischen Arbeit abschirmt und damit unsere Fähigkeit, uns selbst und die Welt zu deuten, einschränkt.

 

Ein erster Weg ist falls notwendig die Dekonstruktion der Ideologien. Um besser einschätzen zu können, welche Herausforderungen der Nahe Osten für Europa darstellt, müssen wir ein besseres Verständnis für die jeweiligen religiösen Haltungen entwickeln. Dies gilt insbesondere für den islamischen religiösen Fundamentalismus, der zu einer modernen Form des Totalitarismus geworden ist und dessen Ideologie zutiefst religiös ist. Dies gilt auch für die Beziehungen zwischen Schiiten und Sunniten, deren unterschiedliche Glaubensrichtungen den gesamten Nahen Osten spalten. Auch die messianischen Ausdrucksweisen innerhalb des Judentums müssen wir besser begreifen lernen, denn sie werden dazu benutzt, die Besetzung der palästinensischen Nachbargebiete zu rechtfertigen. Gleiches gilt schließlich auch für die theologischen Fundamente der amerikanischen Evangelikalen, mit denen diese rechtfertigen, dass sich Israel das Heilige Land aneignet, um die Ankunft des Messias zu beschleunigen.

 

Gleichzeitig dürfen wir das Religiöse nicht ausschließlich durch das Prisma der Gewalt wahrnehmen. Trotz, aber auch wegen ihrer Missstände und Verhärtungen ist es an der Zeit, die Religionen mit ins Boot zu nehmen und sie dazu zu bewegen, die besonderen Stärken ihrer Traditionen zur Lösung der Konflikte und zur Schaffung aktiverer Friedenskoalitionen einzusetzen. Geschehen kann dies, indem wir der Einladung des Judentums folgen, die Welt wiedergutzumachen, das feine Gespür der Barmherzigkeit entwickeln, die wie ein roter Faden den gesamten Koran durchzieht oder das Verzeihen praktizieren, das im Herzen der christlichen Heilsbotschaft steht. Hannah Arendt vertritt die Auffassung, dass das Verzeihen, mag es auch einer bestimmten religiösen Tradition entspringen, doch ohne Unterschied für alle gelten muss, denn es ist ein wichtiger Schlüssel für unser Zusammenleben, wenn wir in unserem Handeln frei bleiben und Neues schaffen wollen. Hieraus resultiert die dringende Notwendigkeit, sich gemeinsam an den Wiederaufbau zu machen, damit die drei Traditionen zum gleichen wesentlichen Inhalt, dem Streben nach Frieden, zusammenfinden.

 

Dem zukünftigen Frieden Gestalt geben

Europa darf nicht vergessen, dass Frieden erkämpft sein will. Trotz vieler gemeinsamer Werte hat der Kontinent einen langen Weg zurücklegen müssen, um zum Frieden zu finden. Insbesondere die Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen, die sich als ewige Feinde sahen, ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Alter Hass musste überwunden werden, genauso wie die Überzeugung, Konflikte könnten nur durch Gewalt gelöst werden. Europa darf nie damit aufhören, einer anderen Zukunft Gestalt – und eine feste Zusage – zu geben, zumal auch die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, Symbolträger für die Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa, nach wie vor unvollendet ist. Auch in den Außenbeziehungen der EU, vor allem mit Syrien, dem Irak und Libyen, wird mehr Fantasie, mehr Engagement und mehr Mut von Seiten Europas erwartet.

 

Europas Suche nach Frieden ist nicht beendet und seine Politik wird um ein Vielfaches effizienter sein, wenn man die Stärke des Bandes zwischen den politischen Herausforderungen und ihrer geistigen Dimension in vollem Maße erfasst. Der Weg, den Europa einschlagen muss, ist – auch mit Blick auf die Überwindung der eigenen Krisen – somit fest vorgeschrieben. Es muss zum Kernpunkt seines Projekts zurückfinden, zum Gemeinwohl, das nicht anderes ist als das Streben nach Frieden. Nicht ohne Ironie kann man deshalb sagen: Die Zukunft Europas kann nur im Lichte seiner Vergangenheit gestaltet werden.

 

Bernard Philippe

Co-Autor mit dem Rabbiner David Meyer des Werks „Europe et Israël : deux destins inaccomplis - Regards croisés entre un diplomate et un rabbin“ (Europa und Israel: zwei unvollendete Schicksale – Austausch zwischen einem Diplomaten und einem Rabbiner) Hrsg: Editions jésuites Lessius, November 2017

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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