Samstag 26. Mai 2018
#213 - März 2018

Der Haager Kongress - Inspiration für ein Europa der Bürger

Ein Jahr vor den nächsten Europawahlen heizt sich die Debatte über die Bürgerbeteiligung auf: Wie kann man den Bürgerinnen und Bürgern die EU-Institutionen näher bringen?

 Die beste Inspiration bietet eine außerordentliche Zusammenkunft, die vor genau 70 Jahren stattfand. Im Mai 1948 kamen über 800 Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen in Den Haag zusammen. Die damalige Zivilgesellschaft übernahm das Ruder um den Lauf der Geschichte zu verändern. Unter ihnen waren berühmte Politiker wie der frühere britische Premierminister Winston Churchill oder der Franzose Paul Ramadier, ehemaliges aktives Mitglied der Résistance gegen den Nationalsozialismus. Der französische Premierminister  Robert Schuman konnte nicht persönlich teilnehmen, sandte aber an seiner Stelle den jungen François Mitterrand. Auch Italien war nicht durch seinen Staatschef Alcide De Gasperi vertreten, sondern schickte seinen Außenminister Carlo Sforza sowie Altiero Spinelli als Leiter der italienischen Delegation.

 

Teilnehmer aus allen Bereichen der Gesellschaft

 

Insgesamt machten die Politiker weniger als die Hälfte der Teilnehmer aus. Die anderen waren Geschäftsleute und Unternehmer wie die Olivetti-Brüder, Gewerkschafter, Vertreter aus Wirtschaft und Handwerk, Universitätsprofessoren und einige Studenten, Anwälte, Ärzte, Ingenieure, Musiker wie Sir Adrian Boult, Dirigent des BBC Symphony Orchestra, Philosophen wie Bertrand Russel, Schriftsteller und zahlreiche Journalisten.

 

Unter den Teilnehmern waren nur wenige Frauen, darunter Bodil Begtrup, die Vorsitzende des Dänischen Nationalen Frauenrats, und Violet Bonham-Carter, Vizepräsidentin der europäischen Einigungsbewegung. Zugegen waren auch Vertreter aus osteuropäischen Ländern, etwa aus Polen, Ungarn oder Jugoslawien, und aus nicht-europäischen Ländern, wie der aus den Komoren stammende Arzt und französische Parlamentsabgeordnete Saïd Mohamed Cheikh, sowie Beobachter aus den USA, Kanada und der Türkei. Alle fühlten sich betroffen. Alle fühlten sich für die Zukunft mitverantwortlich.

 

Der Mensch im Mittelpunkt

 

Nach den Grauen des Zweiten Weltkrieges strebten sie nach einer neuen Dynamik zwischen den Völkern Europas. Diese sollte auf den Grundsätzen der Brüderlichkeit und der uneingeschränkten Würde jedes einzelnen Menschen beruhen. Die Gaskammern hatten der Überzeugung, technologischer Fortschritt werde der Menschheit Glück bescheren, ein tragisches Ende bereitet. Nach dem Krieg bestand allgemein Einvernehmen darüber, dass Verstand ohne Seele entmenschlicht.

 

Beraten wurde in drei verschiedenen Ausschüssen: in einem politischen, einem wirtschaftlichen und einem kulturellen Ausschuss. Alle drei waren gleich wichtig. Vorsitzender des kulturellen Ausschusses, an dem einige der einflussreichsten Vertreter der Philosophie des sogenannten „Personalismus“ teilnahmen, war der spanische Schriftsteller und Diplomat Salvador de Madariaga. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Denkrichtung, die tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt ist, gehörten Hendrik Brugmans, Denis de Rougemont und Marc Alexandre. Alternativ zu den beiden materialistischen Gesellschaftsmodellen (dem kapitalistischen Individualismus und dem marxistischen Kollektivismus) schlugen sie einen „integralen Humanismus“ vor, in dem jeder Mensch als einzigartiges, für Transzendenz offenes Wesen gewürdigt wird. Die Gesellschaft sollte so organisiert sein, dass jeder Mensch sein volles Potenzial entwickeln kann, stets in Beziehung zu anderen, in einer Gemeinschaft, in der alle gleichberechtigt in ihrer Würde und doch unterschiedlich in ihrer Identität sind.

 

Die spirituelle Dimension

 

Anders als bei den dem Nationalsozialismus, dem Faschismus und dem Kommunismus zugrundeliegenden Ideologien galt die spirituelle Dimension dieser neuen Gesellschaft als entscheidend. Genauso wichtig war Vergebung, galt es doch die Wunden des Krieges zu überwinden. Es bedurfte einer gehörigen Portion Mut vonseiten der Organisatoren, die Verlierer des Krieges, der vor gerade einmal drei Jahren zu Ende gegangen war, einzuladen. Und es war das erste europäische Ereignis, zu dem eine deutsche Delegation als gleichberechtigter Partner eingeladen wurde. Konrad Adenauer, Vorsitzender der neu gegründeten CDU, war Teil dieser Delegation, ebenso wie Pfarrer Brandes von der evangelischen Kirche Hamburg. Tatsächlich entstand die CDU als politische Partei, die im gemeinsamen Bemühen um eine spirituelle Erneuerung der christlichen Werte die – vor dem Zweiten Weltkrieg noch entzweiten und widerstreitenden – Katholiken und Protestanten Deutschlands zusammenbringen sollte.

 

Auch unter den anderen Delegationen waren Kirchenvertreter, wie etwa Bischof Joseph Wellington Hunkin von der Church of England sowie mehrere Priester. Einer von ihnen war Pater Verleye aus Brügge, der beschloss, ein Kolleg zu gründen, in dem junge Europäer lernen sollten, als „Gemeinschaft“ zu leben. Papst Pius XII., der ein starkes Interesse an einem erfolgreichen Abschluss dieser Konferenz hatte, war durch seinen Nuntius, Erzbischof Paolo Giobbe, vertreten.

 

Europa als Vorbild für eine humane globale Gesellschaft

 

Zur französischen Delegation gehörte u. a. Jacques Augarde, den Robert Schuman kurz zuvor zum stellvertretenden Staatssekretär für Islamische Angelegenheiten ernannt hatte. Schuman war besorgt angesichts der Ausbeutung der muslimischen Arbeiter in Europa und der wachsenden Spannungen zwischen dem metropolitanen Frankreich und seinen Kolonien im Maghreb. Europa sollte nicht isoliert vom Rest der Welt vereint sein, sondern zum Vorbild für diese neue Art der menschlichen globalen Gesellschaft werden. „Ein vereintes Europa ist der Vorbote zukünftiger universeller Solidarität“, schrieb Schuman (Pour l’Europe, 1964).

 

So hieß es in der Abschlusserklärung des Haager Kongresses: „Die menschliche Würde ist Europas größte Errungenschaft, Freiheit seine wahre Stärke. Um beides geht es in unserem Kampf. Wir brauchen einen vereinigten Kontinent, nicht nur, um die Freiheiten, die wir gewonnen haben, zu verteidigen, sondern auch, damit die ganze Menschheit von den Vorteilen dieser Freiheiten profitieren kann.“

 

Heute befindet sich Europa erneut an einem Scheideweg. Angesichts der Herausforderungen der Globalisierung, wachsender Ungleichheiten, des Zustroms von Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsmigranten, der Auswirkungen der Erderwärmung und der mit Einführung der neuen Technologien einhergehenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt hat die EU zwei Optionen: Sie kann sich ängstlich verbarrikadieren oder den Solidaritätssinn stärken. Wenn wir „die Gemeinschaft“ wiederbeleben wollen, werden institutionelle Änderungen nicht ausreichen. Benötigt wird vielmehr neues Engagement seitens der europäischen Bürgerinnen und Bürger. 

 

Victoria Martín de la Torre

Autorin von „Europa, ein Sprung ins Ungewisse“ Pi.I.E. Peter Lang, Brüssel 2014

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

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