Montag 20. November 2017
Juni Ausgabe #205

Der Papst ruft Ägypten dazu auf, sich zu öffnen

Rückblick auf den pastoralen und politischen Besuch von Papst Franziskus in Ägypten am 28. und 29. April 2017.

Mit seinem Besuch in Ägypten verband PapstFranziskus verschiedene Ziele: Zum einen handelte es sich um einen Pastoralbesuch bei den Katholiken, die lediglich eine kleine Minderheit in der christlichen Gemeinschaft Ägyptens darstellen. Neben den koptischen Katholiken gibt es in Ägypten Gemeinschaften der östlichen Kirchen, etwa die armenisch-katholische Kirche, die Maroniten, die griechisch-katholische Kirche, die syrisch-katholische Kirche, die chaldäisch-katholische Kirche und schließlich die römisch-katholische Kirche. Die außergewöhnliche Reise erfolgte vor dem Hintergrund der vielfach bekundeten Entschlossenheit, die christlichen Gemeinschaften in der Region zu unterstützen.

 

Die Reise war zudem als Zeichen des Willens zur Annäherung an die koptische Kirche zu verstehen - ein Anliegen, das seinen Höhepunkt in der Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe fand und mit der sich die Parteien dazu verpflichteten, in aller Aufrichtigkeit die Taufe nicht zu wiederholen.Dabei ist zu bemerkn, dass diese Erklärung vor allem die „koptisch-orthodoxe“ Kirche betrifft, da die Katholiken die orthodoxe Taufe bereits anerkennen.

 

Auf politischer Ebene ermöglichte der Besuch eine Begegnung mit Präsident Abd al-Fattah as-Sisi mit dem Ziel, die bereits bestehenden Beziehungen zu festigen.

 

Und schließlich brachte der Besuch eine Annäherung an den Großimam der Al-Azhar Universität, Ahmed Mohammed al-Tayyeb.

 

Botschaft an die Kopten und Christen in der Region

Seit der Amtszeit Anwar Sadats sind die Kopten in regelmäßigen Abständen Ziel von Angriffen islamistischer Gruppierungen. In der jüngsten Zeit hat sich die Lage der Kopten erneut verschärft: Angriffe auf koptische Kirchen im August 2013 durch Sympathisanten des abgesetzten Präsidenten Mohamed Mursi, Ermordung von 20 Kopten durch den Islamischen Staat (IS) im Februar 2015 in Libyen, jüngste Erklärungen des IS in Ägypten, in denen Kopten als besondere Zielscheibe erscheinen, mehrere Attentate auf Kirchen in Kairo, Alexandria und im Nildelta, Ermordung von Kopten in der im Norden der Sinai-Halbinsel gelegenen Stadt Al Arish, mit der Folge, dass christliche Familien zur Flucht gewzungen sind usw..

 

Marschall al-Sisi

Der von der koptischen Hierarchie befürwortete Sturz von Präsident Mursi wirft ein Problem auf, das sich für die gesamte Region stellt: Die Christen in der arabischen Welt sind zwischen die Mühlsteine der herrschenden Macht einerseits und den Oppositionskräften (in der Mehrzahl der Fälle Djihadisten) andererseits geraten. Letztere setzen bewusst auf die Minderheitenfrage, um den Machthabern die Legitimation abzusprechen und sie auf diese Weise in die Rolle des Beschützers zu drängen.

 

Diskriminierungen

Zu diesen (sicherheits-)politischen Spannungen gesellen sich institutionalisierte Diskriminierungen (z. B. mit Blick auf den Bau christlicher Kirchen oder den Zugang zu bestimmten öffentlichen Ämtern) bzw. andere Formen der Diskriminierung (herabwürdigende, aggressive und beleidigende Reden bzw. Lehrinhalte gegen Nichtmuslime, wiederkehrende Aggressionen aufgrund der Konfession, eingeschränkter Zugang zu Beschäftigung usw..).

 

Bürgerrechte

Die Frage, die sich heute in der arabischen Welt allgemein stellt, ist die nach den Bürgerrechten. Haben bereits ihre muslimischen Mitbürger in der arabischen Welt einen schwierigen Stand, so ist der der Christen noch schwieriger..

Die Gefahr ist, dass die Christen, mehr noch als alle anderen, aus der Region fliehen. Ein Ausbluten der christlichen Gemeinschaften, so wie es bereits in Syrien und im Irak der Fall ist, wäre dramatisch. Die Region läuft Gefahr, sich in einen konfessionell totalitären Monolithen zu verwandeln.

 

Lösungsansätze

Welche Lösungsansätze gibt es angesichts dieser großen Herausforderungen für Ägypten, in dem noch die meisten Christen der Region leben?

In seiner Ansprache an der Al-Azhar-Universität erklärte der Papst: „ Ohne eine angemessene Bildung der jungen Generationen wird es keinen Frieden geben.. Und es wird keine angemessene Bildung für die jungen Menschen von heute geben, wenn das Bildungsangebot nicht der Natur des Menschen als offenes und auf Beziehungen ausgerichtetes Wesen entspricht. [...] Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit. […]“

 

Die Universität Al-Azhar steht insbesondere nach ihren halbherzigen Stellungnahmen gegen den IS und den wiederholten und nicht erwiderten Appellen von Präsident Al-Sisi, den religiösen Dialog wiederaufzunehmen, in der Kritik. Die sowohl von Seiten des Staatsoberhaupts als auch von zahlreichen ägyptischen Medien geäußerte Kritik an der altehrwürdigen Institution, sie sei zu einer Brutstätte des Terrorismus geworden, hat nach den beiden Attentaten vom Palmsonntag noch an Schärfe gewonnen.

 

Der Papst verweist auf die Bedeutung von Bildung, einer angemessenen Bildung, aus der Beziehungen der Brüderlichkeit und des Friedens erwachsen können. Die Fragen der Achtung vor dem anderen, der Gleichheit bzw. der Bürgerrechte und wohlgemerkt auch die Frage nach der Wiederaufnahme des religiösen Dialogs verlangen zwangsläufig eine Überarbeitung der Schulbücher und Lehrinhalte. Wichtig ist, die von der Muslimbrüderschaft nahezu ein Jahrhundert lang beharrlich betriebene Radikalisierung der Gesellschaft über die Bildung zu überwinden.

Eva Saenz-Diez 

Mitglied des Akademischen Rates des European Neighbourhood Council

und Wissenschaftlerin am GERMAC (Universitätvon Louvain-La-Neuve)

 

 Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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