Donnerstag 14. Dezember 2017
#189 - Januar 2016

Christenverfolgung: Der Völkermord geht weiter bzw. bahnt sich gerade an

Es verdichten sich zunehmend die Anzeichen dafür, dass der so genannte „Islamische Staat“ („IS“) Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Völkermord an Christen und anderen religiösen Minderheiten wie den Jesiden in dem von ihm beherrschten Gebiet begeht.

Das Europäische Parlament stellte in seiner Entschließung vom 30. April 2015 fest, dass das Christentum die weltweit am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft ist und pro Jahr über 150.000 Christen getötet werden. Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, vertrat die Ansicht, die Verfolgung von Christen sei bislang „unterschätzt” und „nicht adäquat angegangen worden“. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wird die neuzeitliche Christenverfolgung in den europäischen Medien kaum thematisiert und stößt selbst bei großen Teilen des politischen Establishments auf allenfalls geringes Interesse.

 

Besonders besorgniserregend ist die Lage der Christen im Nahen Osten, wo ihre Zahl dramatisch gesunken ist, z.B. im Irak von 1,4 Mio. im Jahre 2003 auf derzeit etwa 300.000 und in Syrien von 1,25 Mio. im Jahre 2011 auf gerade einmal 500.000. Möglicherweise wird das Christentum innerhalb der nächsten fünf Jahre komplett aus dem Irak verschwinden, und das gleiche Schicksal droht ihm auch in den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens. So hob der belgische Weihbischof Jean Kockerols bei der Ad-hoc-Konferenz im EU-Parlament am 1. Dezember 2015 hervor: „Christen tragen beträchtlich zum Leben und Wohlergehen von Gesellschaften wie beispielsweise denen des Nahen Ostens bei. Je mehr Christen es in einem Gebiet gibt, umso geringer ist dort das Risiko einer Radikalisierung. […] Schulen, Krankenhäuser und Kliniken, die von Christen geleitet werden und in denen christliche Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte und Pflegekräfte arbeiten, existieren nicht mehr oder sind zumindest in ihrem Fortbestand gefährdet.“ Das Ende der christlichen Präsenz im Nahen Osten würde nicht nur einen enormen historischen und kulturellen Verlust darstellen, sondern auch die Sicherheit und Stabilität innerhalb der Region sowie den internationalen Frieden gefährden.

 

Vom so genannten „Islamischen Staat“ begangene Verbrechen

Christen gehören zu den am stärksten gefährdeten Gruppen im Irak und in Syrien. Sie werden permanent und systematisch vom so genannten „Islamischen Staat“ („IS“), der ihre komplette physische und kulturelle Vernichtung in den von ihm kontrollierten Gebieten anstrebt, ins Visier genommen. Christen werden getötet, niedergemetzelt, geschlagen, verschleppt und gefoltert oder erpresst, sie werden versklavt (insbesondere Frauen und Mädchen, die darüber hinaus noch anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt sind) und zum Islam zwangskonvertiert, sie werden Opfer von Zwangsheirat und Menschenhandel; Kinder werden gewaltsam für den Islam rekrutiert. Christliche Kirchen sowie religiöse und kulturelle Stätten werden verwüstet. Diese Verbrechen gegen Christen und andere religiöse und ethnische Minderheiten wie beispielsweise die Jesiden wurden von den Vereinten Nationen und auch anderen als Kriegsverbrechen, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sogar als Völkermord bezeichnet.

 

Beginnender und andauernder Völkermord

Artikel II der UN-Völkermordkonvention aus dem Jahre 1948 definiert Völkermord als „eine der fol­gen­den Hand­lun­gen, die in der Absicht began­gen wird, eine […] religiöse Gruppe als solche ganz oder teil­weise zu zerstören“: die Tötung von Mit­gliedern der Gruppe und die Verur­sachung von schw­eren kör­per­lichen oder seel­is­chen Schäden bei ihnen; die absichtliche Schaffung von Lebens­be­din­gun­gen, die zur kompletten oder partiellen physischen Vernichtung der Gruppe führen sollen; die Ver­hän­gung von Maß­nah­men, die auf die Ver­hin­derung von Geburten inner­halb der Gruppe abzielen, sowie die gewalt­same Über­führung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

 

Der Bericht des UN-Hochkommissars für Menschenrechte vom 27. März 2015 zur Situation der Menschenrechte im Irak angesichts der Verbrechen, die vom so genannten „Islamischen Staat” und von ihm nahestehenden Gruppen im Irak und im Nahen Osten begangen wurden, stellt fest, dass einige der „Gewalttaten, die gegen die Zivilbevölkerung aufgrund der tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Gruppe begangen wurden, als Völkermord bezeichnet werden können“. Eine ähnliche Ansicht vertritt der UN-Bericht zum Schutz der Zivilbevölkerung im bewaffneten Konflikt im Irak (11. Dezember 2014 - 30. April 2015). Eben dieses Phänomen erleben derzeit Christen und Jesiden im Irak und in Syrien in Gebieten, die in der Hand des „IS“ sind, nämlich einen Völkermord, der entweder unvermindert weitergeht oder sich gerade anbahnt. Auch das Europäische Parlament erklärte dezidiert in seiner Entschließung vom 12. März 2015 zu insbesondere gegen Assyrer gerichteten Angriffen und Entführungen durch ISIS/Da'ish in jüngster Zeit im Nahen Osten, dass die vom so genannten „Islamischen Staat” begangenen „ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen [...] darstellen, [...] als Völkermord bezeichnet werden könnten".

 

Die internationale Gemeinschaft und ihre Mitglieder sind moralisch und rechtlich verpflichtet, Völkermord zu verhindern, bereits begonnenen Völkermord mittels gemeinsamer Maßnahmen zu beenden und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen; d.h. sie müssen all jene verfolgen, die ein Komplott zum Völkermord schmieden, die einen Völkermord planen, begehen bzw. zu begehen versuchen, die zum Völkermord aufrufen, an ihm beteiligt sind und ihn unterstützen.

 

José Luis Bazán

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

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