Samstag 10. Dezember 2016

Dialog – eine Lebensfrage für die Kirche und für Europa

Die Kirche kann nur dann glaubwürdig einen Dialog nach außen führen, wenn sie nach innen einer Kultur des Dialogs verpflichtet ist.

In Artikel 17 des Lissabon-Vertrags verpflichtet sich die Europäische Union zu einem „offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog“ mit den Kirchen und religiösen Gemeinschaften. In diesen Dialog, der auf vielen Ebenen geführt wird, schreibt sich auch EuropeInfos ein. Aus christlicher Perspektive wird in dieser Zeitschrift Stellung genommen zu aktuellen Fragen der Europäischen Union. Dies geschieht im Geist des Dialogs.

 

Dialog heißt dabei nicht unverbindliches Sprechen mit allen, sondern es geht um gemeinsame Wahrheits- und Entscheidungssuche. Dialog setzt die Offenheit auf beiden Seiten voraus, sich aufeinander zuzubewegen. Wenn nur eine Seite lernbereit ist, kann Dialog nicht gelingen.

 

Einer der großen Fortschritte des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Entwicklung eines dialogischen Kirchenverständnisses, und zwar sowohl nach außen wie nach innen. Vor allem mit der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes trat die Kirche in einen offenen Dialog mit der modernen Welt. Die Kirchenkonstitution Lumen Gentium schuf auf der Grundlage der gleichen Würde und des Glaubenssinns aller Glieder des Volkes Gottes neue Voraussetzungen für einen innerkirchlichen Dialog. Ausdrücklich erkannte das Konzil an, dass es innerhalb der Kirche eine legitime Vielfalt von Meinungen gibt. Damit verabschiedete sich die katholische Kirche von einem pyramidal-autoritären Selbstverständnis.

 

Papst Paul VI. vertiefte in seiner Enzyklika „Ecclesiam suam“ (1964) die Bedeutung des Dialogs für die Kirche. In ihm sah er ein Wesensmerkmal der Kirche, das in der Offenbarung selbst als Dialog zwischen Gott und den Menschen begründet ist. Für den Verkündigungsauftrag der Kirche heißt das: „Bevor man die Welt bekehrt oder vielmehr um sie zu bekehren, muß man sich ihr nahen und mit ihr sprechen.“

 

Für eine Institutionalisierung des innerkirchlichen Dialogs sorgte das Konzil mit der Bischofssynode als ständiger Einrichtung, die Papst Franziskus als Orte gemeinsamer geistlicher Unterscheidung aufwertete. In seiner zur Eröffnungrede der Bischofssynode 2014 nannte er als eine Grundbedingung für Synodalität, „offen zu sprechen“. Unterschiedliche Meinungen und Diskussionen sind für den Papst notwendig im Prozeß der Unterscheidung der Geister. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gilt auch in der Kirche.

 

Dialogbereitschaft ist ein Kriterium der Glaubwürdigkeit der Kirche. Eine Kirche, die den Dialog verweigert, widerlegt sich selbst. Besonders junge Menschen sind empfindlich für die Unstimmigkeit zwischen Sprechen und Handeln derer, die es als ihre Aufgabe ansehen, den Glauben und die christliche Gesinnung zu verbreiten. Christen müßten eigentlich dialogfähiger sein, da sie nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf den anderen setzen und sogar das Risiko des Scheiterns eingehen. Die Bereitschaft zum ehrlichen Dialog hat Verkündigungsqualität.

 

Der Dialog ist auch eine wesentliche Dimension im politischen Prozess der europäischen Union. Dialogisch waren die Anfänge der europäischen Einigung, als Staatsmänner der zuvor verfeindeten europäischen Staaten sich gemeinsam an einen Tisch setzten. Auch die gemeinsame politische Entscheidungsfindung unter den 28 Mitgliedstaaten geschieht dialogisch. Mit religiöser Konnotation hat sich zur Beschreibung von Politikerdialogen in Krisensituationen das „Beichtstuhlverfahren“ eingebürgert.

 

Dialog ist keine Stilfrage, sondern eine Lebensfrage für die Kirche und Europa. Auf diesem Hintergrund sind die Eingriffe in die Februarnummer von EuropeInfos in hohem Maß problematisch und widersprechen einer Kultur des Dialogs. Ohne Angabe von nachvollziehbaren Gründen wurde die Zeitschrift von der polnischen und ungarischen Bischofskonferenz gezwungen, zwei Artikel zurückzuziehen. Dialog sollte auch das Medium zur Lösung von Meinungsunterschieden und Konflikten gerade unter Christen sein. Entscheidend dabei muß die Autorität von Argumenten und nicht das Argument der Autorität sein.

 

Martin Maier SJ

JESC

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