Montag 20. November 2017
Oktober Ausgabe #208

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in Europa

Niemand kann die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in vollem Ausmaß vorhersehen. Politikberater Martin Ulbrich zufolge sollte sich die EU auf die Entwicklung von Fertigkeiten zur Bewältigung des digitalen Zeitalters konzentrieren.

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in Europa

Niemand kann die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in vollem Ausmaß vorhersehen. Politikberater Martin Ulbrich zufolge sollte sich die EU auf die Entwicklung von Fertigkeiten zur Bewältigung des digitalen Zeitalters konzentrieren.

 

In einer aktuellen Umfrage geben drei Viertel der Europäer an, die Digitalisierung sei gut für die Wirtschaft und die Gesellschaft. Gleichzeitig gehen genauso viele davon aus, dass durch die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen werden. Dieses offensichtlich paradoxe Ergebnis spiegelt die zunehmend ambivalente Haltung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber der Digitalisierung wider. Lange freuten sich die Menschen einfach nur über all die neuen Geräte und Angebote. Seit drei oder vier Jahren stellen sie sich allerdings verstärkt die Frage, wie sich die Digitalisierung auf die Beschäftigung auswirken wird. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass in den Zeitungen oder im Fernsehen davor gewarnt wird, dass in naher Zukunft viele Arbeitsplätze automatisiert sein werden.

 

Digitalisierung und Arbeitsplätze: Die Zukunft ist unsicher

Wird der Mensch wirklich von Robotern von seinem Arbeitsplatz verdrängt? Dies ist eine Befürchtung, die sogar einige hegen, die in der Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche arbeiten. Anfang des Jahres schlug Bill Gates vor, eine Steuer auf Roboter einzuführen, um deren Einführung zu verlangsamen. Es ist sicherlich richtig, dass viele Arbeitsplätze in ihrer derzeitigen Form in 20 Jahren nicht mehr existieren werden. Allerdings ist dies eine Entwicklung, die wir schon seit Beginn der industriellen Revolution vor 250 Jahren beobachten können. So verschwand der Beruf des Schmieds, Telefonisten kamen und gingen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Dies ist auch kein Problem, solange neue Arbeitsplätze entstehen. Man denke nur an die Computerspezialisten, deren Zahl in den vergangenen zehn Jahren um mehr als zwei Millionen gestiegen ist. Es gibt aber auch viele andere, die von der Digitalisierung profitieren, ohne selbst Experten in diesem Bereich zu sein, wie etwa die Betreiber von Online-Shops.

 

Heutzutage lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Vernichtung oder die Entstehung von Arbeitsplätzen überwiegen wird, da beide Entwicklungen unter anderem von den damit einhergehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängen. In der Vergangenheit war es immer so, dass die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze zumindest ausgeglichen wurde, was aber keine Garantie dafür ist, dass dies in auch Zukunft so sein wird. In jedem Fall wird dieser Nettosaldo nur die Spitze des Eisbergs sein, der echte Wandel wird sich unterhalb der Oberfläche abspielen.

 

Der Übergang muss gesteuert werden

Die Politik muss zur Kenntnis nehmen, dass diese Entwicklung beunruhigende Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen haben könnte. Selbst wenn insgesamt mehr Arbeitsplätze entstehen als wegfallen werden, kann dieser Wandel zu Reibungen führen, da einige ihren Job verlieren werden und sich einen neuen suchen müssen. Was noch wichtiger ist: Die Gesellschaft insgesamt mag zwar von dieser Entwicklung profitieren, doch gilt dies nicht für jeden Einzelnen. Die neuen Arbeitsplätze werden nicht unbedingt an diejenigen gehen, die sie zuvor verloren haben, und auch nicht unbedingt dort geschaffen, wo sie vernichtet wurden. In Europa zum Beispiel versuchen viele der Städte, die in den 1950er-Jahren in der Blütezeit von Kohle und Stahl florierten, seit 50 Jahren, sich neu auszurichten, kommen aber auf keinen grünen Zweig. Es wird darauf zu achten sein, dass sich diese Entwicklung in den „Boomtowns“ von heute nicht wiederholt.

 

Der Wandel der Arbeitswelt beschränkt sich natürlich nicht nur auf den Verlust oder die Entstehung von Arbeitsplätzen. In einem weit größeren Umfang wird er dazu führen, dass sich derzeitig bestehende Arbeitsplätze weiterentwickeln werden. Ein Teil der Aufgaben wird von Robotern übernommen werden, im Gegenzug werden aber neue Aufgaben hinzukommen. Als in den 1980er-Jahren die Geldausgabeautomaten eingeführt wurden, hatten die Bankangestellten plötzlich mehr Zeit, um die Kunden zu beraten. Gleiches gilt für die Einführung digitaler Technologien im Klassenzimmer: Die Lehrer werden dadurch nicht ersetzt, sondern verbringen mehr Zeit mit anderen Dingen. Allerdings benötigen sie hierzu die Kenntnisse, die es ihnen erlauben, mit den digitalen Technologien umzugehen. Hier hat Europa noch viel Nachholbedarf: 2016 mangelte es 44 % der EU-Bürgerinnen und -Bürgern an digitalen Grundkenntnissen, d. h. sie verfügten nicht über die erforderlichen Fertigkeiten, um den derzeitigen Anforderungen zu genügen. Eine der vorrangigen Aufgaben der Politik ist es daher, dafür zu sorgen, dass die Bürger besser auf das digitale Zeitalter vorbereitet werden.

 

Entwicklung von Fertigkeiten zur Bewältigung des digitalen Zeitalters

Es sei betont, dass wir Fertigkeiten zur Bewältigung des digitalen Zeitalters und nicht einfach nur digitale Kenntnisse brauchen. Letztere werden mit Sicherheit benötigt, damit Arbeitnehmer die ihnen zur Verfügung gestellte Soft- und Hardware bedienen können. Sie brauchen aber auch Fähigkeiten, die Maschinen nicht haben: soziale Intelligenz und Empathie, d. h. die Fähigkeit, menschlich mit anderen Menschen umzugehen, sowie Kreativität, d. h. die Fähigkeit, aus bewährten Denkmustern auszubrechen. In einer Welt, die vom rationalen Denken in Form von digitalen Technologien beherrscht wird, werden andere Formen der Intelligenz unverzichtbar sein – ein weiteres Paradox. Wie aus der oben genannten Umfrage ersichtlich, haben die Menschen zum Glück nichts gegen solche Widersprüche.

 

Martin Ulbrich

Politikberater, GD CONNECT, Abteilung Digitale Wirtschaft und Fertigkeiten

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

Die Ansichten dieses Autors sind seine persönlichen Ansichten und stellen nicht die Position der Europäischen Kommission oder Teile davon dar. Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Social Centre dar.

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