Dienstag 23. Mai 2017

Die Burkadebatte und das Antlitz des Menschen

Die in verschiedenen Ländern europäischen Ländern geführte Debatte um das Burkaverbot spaltet die öffentliche Meinung. Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, stellt grundlegende Überlegungen über die Bedeutung religiöser Symbole an.

Die politische Debatte um das Burkaverbot wegen öffentlicher Sicherheit hat etwas Lächerliches an sich. Das Sicherheitsrisiko einer vollverschleierten Frau ist im Verhältnis zu gewaltbereiten, ideologisierten Männern minim. Die seit Jahren anhaltende Diskussion über das von Musliminnen getragene Kopftuch und über religiöse Zeichen wie das christliche Kreuz im öffentlichen Raum weist auf Grundlegenderes. Symbole in der Öffentlichkeit sind umstritten, denn sie sind Erinnerungszeichen, die kollektive Werte und Sinndeutungen vor Augen führen.

 

Symbole in der Spätmoderne

Die Moderne hat mit ihren Symbolen wie Flaggen, Uniformen usw. die öffentlichen Zeichen des Christentums verdrängt. Auch Denkmäler wurden aufgestellt, die an relevante gesellschaftliche Ereignisse erinnern oder technische Fortschritte feiern. In der Spätmoderne nehmen nun aber die Symbole von Wirtschaft und Markt überhand. Banken und Konzerne leisten sich spektakuläre Architektur. Unternehmen inszenieren sich mit Marken-Logos, die zu Heilszeichen mutiert sind. Werbungen versprechen umfassendes Glück.

 

Symbole am menschlichen Körper lösen aber seit jeher die emotionalsten Debatten aus: Das Tragen von Hosen durch Frauen war auch in unserer Gesellschaft ein Tabubruch und ist in ultraorthodox-jüdischen Kreisen bis heute eine Unmöglichkeit. Die langen Haare der Männer der Hippie-Bewegung waren ein schreiender Protest gegen die verbürgerlichte Kleinkariertheit ihrer Elterngeneration. Ausgesprochen kontrovers ist zudem durch alle Jahrhunderte hindurch die Beschneidung in Judentum und Islam.

 

Heftig geht es bei Auseinandersetzung um Kleidung, Haartracht und Körpergestaltung zu und her, obwohl die aufreizend-zerschlissene Hose und Tätowierungen sich still und kontinuierlich ausgebreitet haben. Der Selbstinszenierung scheinen in einer individualistisch-egozentrischen Gesellschaft kaum mehr Grenzen gesetzt. Nur das Nacktwandern, gleichsam das extreme Gegenstück zur Gesamtkörperverhüllung, musste rechtlich eingegrenzt werden.

 

Religiöse Symbole in der Öffentlichkeit

Die Auseinandersetzung um religiöse Symbole in der Öffentlichkeit zwischen aufgeklärt-säkularer Kultur und Kirche hat seit dem 19. Jahrhundert die christliche Symbolwelt verändert. Sie ist wesentlicher geworden. Ein ähnlicher Prozess wird der Islam im Westen zu durchlaufen haben. Dabei helfen weder pauschale linksliberale Positionen, die jede religiös-islamische Ausdrucksform begrüssen, noch rechtskonservative, die alles Islamische als Unvereinbar mit Europa verdammen. Solange nackt-gepiercte Bauchnabel in der Öffentlichkeit zugelassen werden, gibt es keinen Grund, nicht auch das muslimische Kopftuch zuzulassen.

 

Die Ganzverhüllung einer Frau in der Öffentlichkeit abzulehnen, kann aber durchaus Sinn machen, denn die Demokratie baut auf Bürgerinnen und Bürgern auf, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Sie treten in den Diskurs ein und setzen sich der Debatte aus, die es braucht, um kollektive Werte und Normen auszuhandeln. Dafür muss der Mensch aus der Anonymität treten. Auch anonyme Telefonanrufe, E-Mails und Briefe sind im Grunde demokratieverletzend. Dass der Mensch sein Angesicht zeigt, dabei Verantwortung übernimmt und ansprechbar wird, seine Würde erhält und zu seiner Verletzlichkeit steht, ist ein Grundwert säkularer Kultur. Keine Zivilgesellschaft ohne identifizierbare Personen.

 

Von Angesicht zu Angesicht

Dieser unveräusserliche Wert des Humanismus geht zutiefst aus der biblischen Tradition hervor, in der das Schauen von Angesicht zu Angesicht Ausdruck der Fülle des Lebens ist. Auf dem Antlitz erscheint auch das Göttliche. Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas hat zudem vom Antlitz als dem «nacktesten Teil» des Menschen gesprochen, aus dem der ethische Imperativ spricht: «Bitte bring mich nicht um!»

 

Der gesichtslose Mensch wird zur Projektionsfläche. Ohne angeblickt zu werden und ohne Ansehen verkümmert der Mensch. Ganzverhüllung nein und Kopftuch ja stellt eine differenzierte Position dar, die gesellschaftlich und religiös vertretbar ist. Schliesslich muss bei der Wahrung von Religionsfreiheit für den Islam abgewogen werden, wie wesentlich die Gesamtverhüllung für muslimische Identität ist. Dass muslimischer Glaube in voller Integrität ohne sie gelebt werden kann, beweisen Millionen von Muslimen.

 

Eine kritische Auseinandersetzung über Symbole in der Öffentlichkeit tut der säkular-liberalen Gesellschaft gut. Die laufende Debatte wird für sie aber nur fruchtbar, wenn Religionen – auch der Islam – nicht nur als Problem, sondern auch als konstruktiv-kritische Diskussionspartner gesehen werden. Denn nicht nur visuelle Verhüllung, sondern auch die auditive Abschottung durch Kopfhörer, so dass jeder zu einer in sich gekehrten und isolierten Monade wird, stellt ein Problem für den Zusammenhalt der Gesellschaft dar. Der Verwahrlosung der gesellschaftlichen Kommunikation gilt es auch hier Einhalt zu gebieten. Eine Welt, in der die Menschen einander nur noch anschweigen und im besten Fall einander die Abfälle achtlos zuwerfen oder sie liegenlassen, kann vom Islam und auch anderen religiösen Traditionen einiges lernen.

 

 Christian Rutishauser SJ

 

Judaist und Delegationsmitglied der vatikanischen Kommission für die Beziehung mit dem Judentum

 

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