Sunday 12. July 2020
#186 - Oktober 2015

Die Europäische Union aus dem Blickwinkel Indiens

Europäische Union

Denzil Fernandes SJ ist indischer Jesuit und im Indian Social Institute in Neu-Delhi tätig. Er hat einige Zeit in Brüssel verbracht und beobachtet Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der EU und Indien.

Indien und Europa blicken auf eine ganz unterschiedliche Geschichte zurück, aber der Weg, den mehrere europäische Nationen gegangen sind, um gemeinsam die Europäische Union (EU) zu gründen, hat Europa näher an die indische Wirklichkeit herangebracht. Mehr als jemals zuvor lassen sich heute einige verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Indien und der EU feststellen.

 

Die Anfänge der EU gehen auf das Jahr 1952 zurück, als die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit ihren sechs Gründerstaaten ins Leben gerufen wurde. Etwa zur selben Zeit – 1947 – löste sich Indien von der britischen Kolonialherrschaft; 1950 trat eine Verfassung in Kraft, die Indien zu einer föderalen Republik machte und unter der 1952 die ersten demokratischen Wahlen stattfanden. Inspiriert von viel älteren europäischen Demokratien hat sich Indien hin zu einer der weltweit bevölkerungsreichsten Demokratien entwickelt. Heute teilen die EU und Indien gemeinsame demokratische Werte, die sie so eng wie nie zuvor aneinander binden. Derzeit umfasst die EU 28 souveräne Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von 508 Mio. Menschen, die sich auf eine Fläche von 4,38 Mio. km² verteilen – verglichen mit Indien, das sich aus 29 Bundesstaaten zusammensetzt und eine Bevölkerung von 1,276 Mrd. Menschen, verteilt auf 3,29 Mio. km², aufweist.

 

In Verschiedenheit verbunden

Die indische Demokratie ist eine Antithese zum Modell des hinsichtlich Religion, Kultur und Sprache homogenen Nationalstaats, das sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Das enge Verständnis von Nationalstaat war die Quelle von Spannungen und Konflikten in Europa und führte letztlich zu mehreren Kriegen, einschließlich zweier Weltkriege.

 

Als am Ende des Zweiten Weltkriegs weite Teile Europas zerstört waren, überdachten die Europäer ihr Konzept der Nationalstaatlichkeit und bewegten sich von einer konfrontativen hin zu einer kooperativen Haltung; in diesem Sinne schlug Robert Schuman 1950 die Schaffung der Montanunion vor, der zunächst sechs Länder angehörten und aus der sich schließlich die EU der 28 entwickelte. Der Fall der Berliner Mauer und das Schengen-Abkommen, das die Grenzkontrollen abschaffte und die Visapolitik harmonisierte, um einen freien Güter-, Dienstleistungs- und Personenverkehr zwischen den europäischen Nationen zu ermöglichen, beschleunigten das Wachstum und die Entwicklung der EU.

 

Die Entwicklung Europas aus Nationen mit einer jeweils homogenen kulturellen und sprachlichen Identität hin zu einer multikulturellen und vielsprachigen Europäischen Union hat dazu geführt, dass Europa der indischen Wirklichkeit nun noch stärker als zuvor ähnelt. So gibt es beispielsweise in der EU 24 Amtssprachen – genauso viele wie in der 8. Fassung der Indischen Verfassung aufgeführt sind. Während in der EU alle Amtssprachen gleichberechtigt sind, sieht es in Indien so aus, dass Englisch und Hindi die offiziellen Landessprachen sind und 22 weitere regionale Sprachen für offizielle Zwecke anerkannt werden.

 

Indien ist die Heimat von Menschen ganz unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Dort gibt es 645 indigene Ethnien, die als eigenständige Volksgruppen anerkannt werden und von denen viele ihre eigene Sprache und Kultur sowie ihr eigenes Glaubenssystem haben. Auch in Europa leben 87 unterschiedliche ethnische Gruppen, darunter 54 ethnische Minderheiten. Somit ist Europa – ebenso wie Indien – eine multiethnische Gesellschaft, auch wenn der ursprüngliche Gedanke des Nationalstaats dazu führt, dass manche ethnische Minderheiten innerhalb der EU immer wieder Forderungen nach Unabhängigkeit erheben.

 

Eine pluralistische, multireligiöse Gesellschaft

Indien ist die Wiege tiefer spiritueller Traditionen, da vier Religionen, nämlich der Hinduismus, der Buddhismus, der Jainismus und der Sikhismus ihren Ursprung in diesem Land haben. Daneben existieren mehrere Glaubenssysteme indigener Volksgruppen, wie die Sarna-Religion, die vom Staat nicht offiziell anerkannt, sondern als Teil des Hinduismus betrachtet wird. Und schließlich werden in Indien der Zoroastrismus und die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam bereits seit dem ersten Jahrhundert ihrer Existenz praktiziert.

 

Während man in Indien bereits seit Jahrhunderten einer Vielzahl von Religionen begegnet, ist Europa tief in den christlichen Traditionen verwurzelt. Mit dem Vatikanstaat in Rom als dem Zentrum des Katholizismus und anderen christlichen Konfessionen, einschließlich der protestantischen und orthodoxen Kirchen, die ebenfalls ihren Hauptsitz in Europa haben, durchdringt der christliche Einfluss alle Lebensbereiche in Europa. Doch angesichts des verstärkten Zustroms andersgläubiger Migranten muss sich Europa nun der Realität einer multireligiösen Gesellschaft stellen, in der Anhänger des Islam, Hinduismus, Sikhismus und Buddhismus in einer christlich geprägten Umgebung leben. Die indische Erfahrung einer pluralistischen, multireligiösen Gesellschaft kann eine Quelle der Inspiration für die sich wandelnde religiöse Demografie in Europa sein.

 

Die Europäische Union ist zu einer Antithese des Konzepts von Nationalstaat geworden, denn sie entwickelt sich hin zu einer politischen Gemeinschaft, in der wie in Indien Vielfalt gelebt wird.

 

Denzil Fernandes SJ

Indian Social Institute, Neu- Delhi

Teilen |
europeinfos

Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Editors-in-Chief: Martin Maier SJ

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of the Jesuit European Office and COMECE.
Display:
http://www.europe-infos.eu/