Wednesday 27. January 2021

Die Krise Europa: Umbruch oder Aufbruch?

In einer Reihe von Beiträgen möchte EuropeInfos in den kommenden Monaten die neuen Brüche zwischen West und Osteuropa verstehen.

Auf Europa bezogen sind die Krisen des letzten Jahres – Ukraine, Griechenland, Flüchtlinge und Terror – wie eine Lupe, unter der die Verwerfungen, Risse, Gräben und Abgründe auf dem Kontinent sichtbar werden. Alte Sicherheiten scheinen plötzlich wertlos. Ihr Verschwinden löst Angst und Unsicherheit aus.

Neues zeichnet sich ab, aber dessen Konturen sind noch vage.

 

In einer Reihe von Beiträgen möchte EuropeInfos in den kommenden Monaten diesen Entwicklungen nachgehen. Verschiedene Autoren wurden gebeten, ihre Positionen konturiert und kantig darzustellen; Diskussion ist erwünscht.

 

Brüche zwischen West und Ost verstehen

Schmerzhaft deutlich wird ein Riss zwischen den alten und den neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union wohl am deutlichsten durch die Aufkündigung der Solidarität der Visegradstaaten anlässlich der Verteilung der Flüchtlinge über die Mitgliedsstaaten. Vor allem jene Ländern, die während des Kalten Krieges Flüchtlinge aus Ungarn (1956), aus der Tschechoslowakei (1968) und aus Polen (1981) aufgenommen hatten, konnten die grundsätzliche Ablehnung von Flüchtlingen nicht verstehen. Hatte man die eigene Geschichte vergessen? Woher diese Undankbarkeit?

 

In einem kurzen, aber prägnanten Essay nennt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev einige Gründe für diese kategorische Ablehnung: Es ist das Gefühl, im Vergleich zu den alten Mitgliedsstaaten selbst unterprivilegiert und zu kurz gekommen zu sein. Das vorrangige Ziel der EU-Mitgliedschaft ist es, nach Jahren der Entbehrung denselben Lebensstandard wie Westeuropa zu erreichen.

 

Es ist das « demographische Defizit » – die Tatsache, dass viele junge Menschen die neuen Mitgliedsstaaten verlassen und woanders Arbeit und Heimat gefunden haben – und die damit verbundene Angst, über kurz oder lang die eigene Identität zu verlieren bzw. aus der Geschichte zu verschwinden.

 

Die Ablehnung der Fremden ist auch das Ergebnis von fehlender Neugier: im Gegensatz zu den Ländern Westeuropas hatte man keine Kolonien, war nach innen und nicht nach außen gerichtet, und danach war man 40 Jahre hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt. Fremdlinge kamen als Studenten oder als Arbeiter ins Land, aber als Zeichen des «brüderlichen Internationalismus» des kommunistischen Regimes und daher nicht sonderlich beliebt. Die Integration in die Europäische Union unter den Bedingungen der (fast ausschließlich marktwirtschaftlich-liberal orientierten) Globalisierung überfordert die Menschen.

 

Eine ungeteilte Geschichte

Im Zug der Erweiterung ist es nicht gelungen, die gemeinsame und ungeteilte Geschichte zu thematisieren. Für viele neue Mitgliedsstaaten bleibt die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, die wiedergewonnene (nationale oder staatliche) Selbständigkeit und die Rückversicherung durch die NATO von größerer Bedeutung als die Zugehörigkeit zur Europäischen Union. Gleichzeitig weiss man in Westeuropa fast nichts über die Geschichte Mittel- und Osteuropas. Die politischen und historischen Ereignisse seit Ende des 1. Weltkriegs werden in Ost und West unterschiedlich bewertet. Der Untergang der « Alten Welt » für die einen bedeutete die nationale (Wieder-)Geburt für die anderen. Die Befreiung des Jahres 1945 für die einen kennzeichnet den Beginn einer mehr als 40 Jahre dauernden Unterdrückung für die anderen. Dieses (Selbst-) Verständnis ist noch immer in den Köpfen und beherrscht das (gegenseitige) Bild und Denken.

 

Es wäre unfair, diesen Riss nur den neuen Mitgliedsstaaten anzulasten. Das Interesse in den alten Mitgliedsstaaten an den neuen Mitgliedern war oft ausschließlich wirtschaftlich und galt nicht den Menschen, sondern möglichen Absatzmärkten. Ihre Bürger waren willkommen als unterbezahlte Erntehelfer, als billige Pflegekräfte, als Ersatz in Berufen, in denen man keine geeigneten Fachkräfte mehr finden konnte. Gleichzeitig entstanden aber Ressentiments gegen den « polnischen Klempner » und all diejenigen, die oft schneller, zuverlässiger und billiger arbeiteten als entsprechende Handwerker aus dem eigenen Land.

 

Diese Entwicklungen, im Lauf von 75 Jahren gewachsen, werden mehrerer Generationen bedürfen, um neu gesehen, bewertet und verstanden zu werden. Mit dieser Artikelreihe und der Diskussion möchte EuropeInfos seinen Beitrag zu diesem notwendigen Prozess leisten.

 

Michael Kuhn

COMECE

 

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