Samstag 26. Mai 2018
#213 - März 2018

Die nächste Finanzkrise: Nebel und Kristallkugel

Zehn Jahre nach den ersten Erschütterungen, die die internationalen Finanzmärkte im Sommer 2007 bis ins Mark trafen, und nur wenige Tage nach den Börseneinbrüchen Anfang Februar 2018 ist Vorsicht geboten, wenn man von der „nächsten Finanzkrise“ spricht.

Man spricht von Finanzkrise einerseits, wenn es zu einem plötzlichen Wertverlust bestimmter Vermögensaktiva (finanzielle oder reale) kommt, und andererseits, wenn die Verluste so weit auf andere Marktsegmente übergreifen, dass die Stabilität, wenn nicht gar das Überleben der Finanzinstitutionen gefährdet ist.

 

Fortschritte im Euroraum

In den vergangenen zehn Jahren konnten sowohl weltweit als auch innerhalb des Euroraums deutliche Fortschritte erzielt werden. So wurde global das Bankenkapital erhöht, damit einhergehend wurden verschärfte Stresstests eingeführt sowie der Finanzstabilitätsrat ins Leben gerufen. Parallel hierzu wurden im Euroraum drei sich gegenseitig ergänzende Maßnahmen getroffen: Neben einem System der Einlagensicherung wurde die Europäische Bankenaufsichtsbehörde eingerichtet, deren Aufgabe es ist, die transnationalen Akteure zuüberwachen, einschließlich im Falle eines Bankenbankrotts. Zudem wurde der Europäische Stabilitätsmechanismus geschaffen, der die notwendigen Mittel bereitstellen soll, um krisengeschwächten Banken von gewisser Bedeutung finanziell unter die Arme zu greifen.

 

Risikofaktoren bestehen fort

Doch nach wie vor gibt es drei potenzielle Risikofaktoren für die Weltwirtschaft. Der erste betrifft die Wechselkurse. Auf diesem Markt werden Mengen von mehr als dem Dreißigfachen des Weltwirtschaftsprodukts gehandelt. Welche Folgen sich für die Volkswirtschaften ergeben, wenn es zu plötzlichen Kursschwankungen kommt, kann man sich unschwer ausmalen. Hiervon besonders betroffen ist der Euro-Dollar-Wechselkurs. Noch weigern sich die wichtigsten Zentralbanken, in eine Spirale der Konfrontation einzusteigen, doch die Gefahren sind da. Sie lauern im seit über 40 Jahren bestehenden chronischen Handelsdefizit der USA sowie im erklärten Willen von US-Präsident Trump, die amerikanischen Exporte zu subventionieren.

 

Historisch niedrige Zinssätze

Der zweite Risikofaktor hängt mit den historisch niedrigen Zinssätzen zusammen, auf die sich die Zentralbanken geeinigt haben, um die durch die Krise von 2007 ins Stottern geratene Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Es folgte ein Jahrzehnt „unkonventioneller“ Währungspolitik, in deren Rahmen die Märkte mit billigem Geld überschwemmt wurden. Dies wiederum führte zu extrem aufgeblähten Bilanzen der Zentralbanken, die dadurch in Zukunft weniger flexibel sind. Für die Sparer (und ihre Versicherungen und Pensionskassen) bedeutet ein niedriger Zinssatz, dass ihr Kapital keinen oder nur einen geringfügigen Gewinn einbringt.

 

Um dies aufzufangen, investieren diese Akteure in risikoreichere Anlagen. Im Falle eines rapiden Anstiegs der Zinssätze können diese Anlagen jedoch abrupt an Wert verlieren. Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass die Nerven blank liegen. Das Dilemma ist, dass die Zentralbanken durch ihre übervorsichtige Zinspolitik eine ungesunde Situation aufrechterhalten.

 

Das pathologische Verhältnis zwischen Verschuldung und Wachstum

Der dritte Risikofaktor schließlich besteht darin, dass die Krise das pathologische Verhältnis zwischen Verschuldung und Wachstum nicht grundlegend verändert hat. Sowohl in den USA als auch im Euroraum war Wachstum lange Zeit nur dank eines überproportionalen Schuldenanstiegs möglich. Dieser Trend mag sich zwar seit 2010 etwas verlangsamt haben, ist jedoch weiterhin besorgniserregend. So erhöht sich im Verhältnis zu einer zusätzlich generierten Einheit Bruttoinlandsprodukt (Wachstum) das Bruttovolumen sämtlicher Schulden (Privathaushalte, Unternehmen außerhalb des Finanzsektors und öffentliche Hand) um drei oder sogar vier Einheiten. Die Geschichte zeigt, dass das Risiko eines Crashs zunimmt, je höher die Bewertungen steigen.

 

Wo bleibt das Gemeinwohl?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Euroraum zwar aus der Krise gelernt hat und seine Banken nun solider aufgestellt sind, das aktuelle Kreditvolumen und die Preise für riskante Anlagen wie Aktien jedoch darauf hindeuten, dass die Weltwirtschaft nur durch eine deutliche Reduzierung des Finanzkapitals wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann. Es bleibt die Frage, ob diese Reduzierung in der brutalen Form einer Finanzkrise erfolgen wird oder ob es den privaten und öffentlichen Akteuren gelingen wird, gemeinsam die Korrekturen vorzunehmen, die notwendig sind, um die sich ankündigende Krise zu verhindern.

 

Die Weltwirtschaft findet zunehmend Gefallen an der Liquidität und damit an der Möglichkeit, sich jederzeit zurückzuziehen, was der Weigerung gleichkommt, sich mittel- oder langfristig festzulegen. Die Überschwemmung der Märkte mit Finanzkapital auf der Suche nach höheren Renditen ist ein eindeutiger Beleg hierfür. Diese Entwicklung birgt nicht nur die Gefahr einer Finanzkrise in sich, sondern sie ist vor allem Auslöser einer anthropologischen Krise. Ohne die Finanzwelt zu verteufeln, sollte sich der Christ mit ihren Versprechungen vor dem Hintergrund der Frage „Cui bono?“ auseinandersetzen. Geht es um das Gemeinwohl oder nur um das Wohl derjenigen, die in der Lage sind, sich als erste auf die besten Stücke zu stürzen? Nur selten profitieren die Kleinen von der Krise.

 

 

Paul H. Dembinski

Professor an der Universität Freiburg (Schweiz), Direktor des Observatoire de la Finance

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Le bien commun par-delà les impasses“ (Das Allgemeinwohl jenseits der Ausweglosigkeit), veröffentlicht unter der Leitung von Paul H. Dembinski und Jean-Claude Huot; Vorwort von Mgr. Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg; Nachwort von Mgr. Justin Welby, Erzbischof von Canterbury und Primas von England.

 

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