Freitag 15. Dezember 2017
November Ausgabe #209

Die religiöse Landschaft in Europa

Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann Stiftung beleuchtet in einem europaweiten Überblick das Thema Religion.

 Obwohl Europa als der Kontinent mit der am weitesten fortgeschrittenen Säkularisierung gilt, ist Religion hier inzwischen wieder ein Streitthema. Und es mehren sich die Hinweise dafür, dass abseits der Abkehr von den staatlich anerkannten Kirchen religiöse Einstellungen in Europa zurzeit erstarken. Der Religionssoziologe Martin Riesebrodt hat diese Entwicklung auf den Punkt gebracht: „Als staatstragende Kraft hat die Religion ausgedient, aber als gesellschaftliche Kraft kommt den Religionen eine durchaus für Europa tragende Rolle zu.“

 

Unsichere Datenlage

Angesichts der Debatten um die Rolle der Religion in Europa überrascht es, wie unsicher und schwankend die Datenlage ist. Aktuelle und verlässliche Daten zur Religionszugehörigkeit sind bislang für viele europäische Länder nicht verfügbar, wie die Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE) zeigt. Zudem widersprechen sich viele Religionsstatistiken, etwa weil das eine Mal die objektive, ein anderes Mal die subjektiver Religionszugehörigkeit erhoben wird.

 

So kommt der Eurobarometer in einer Umfrage 2015 zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Christen in den EU-Ländern derzeit bei 72% liegt (45% Katholiken, 11% Protestanten, 10% Orthodoxe, 6% Andere), der Anteil der Religionslosen bei 24% (10% Atheisten, 14% Agnostiker). Der Anteil der Muslime wird mit 1,8% angegeben, der der Juden mit 0,3%, der der Buddhisten mit 0,4% und der der Hindus mit 0,3%. 13 der 28 EU-Länder können als dominant katholisch (mit einem Anteil von über 60%) klassifiziert werden, drei als dominant orthodox und zwei als dominant protestantisch. In Tschechien dominieren mit 64,4% die Religionslosen.

 

Religiöse Selbsteinschätzung

In einer Umfrage des Berliner Marktforschungsunternehmens Dalia Research im Dezember 2016 wurde ausdrücklich nach der religiösen Selbsteinschätzung gefragt. 50% der EU-Bürger bezeichnen sich demnach selbst als Christen (42% als Katholiken, 8% als Protestanten). 38% der Befragten sagen, sie seien nicht religiös. 3% bekennen sich als Muslime, 1% als Juden, 1% als Buddhisten; und 8% gehören anderen Glaubensrichtungen an.

 

Betrachtet man die sechs größten EU-Länder leben die meisten bekennenden Katholiken in Italien (73%), Polen (71%) und Spanien (53%). In Frankreich (58%) und Großbritannien (54%) bezeichnet sich die Bevölkerungsmehrheit als religionslos. In Deutschland wiederum leben überdurchschnittlich viele Protestanten (26%), etwa so viele wie Katholiken (25%). Frankreich beherbergt den höchsten Anteil an Muslimen (7%), gefolgt von Deutschland (5%) und Großbritannien (4%).

 

Die gesamteuropäische Perspektive

Fokussiert man nicht nur auf die 28 EU-Länder (507 Millionen Einwohner), sondern betrachtet alle europäischen Länder (820 Millionen Einwohner), ergeben sich Verschiebungen, nicht zuletzt mit Blick auf die Frage nach der Zugehörigkeit des Islams zu Europa. Nach der 2008 European Values Study (EVS) dominieren in den 47 untersuchten europäischen Ländern zwar die Katholiken (37%) und orthodoxen Christen (31%); zahlenmäßig folgen aber die Muslime (15%) noch vor den Protestanten (14,5%). Fünf europäische Länder weisen eine muslimische Mehrheit auf.

 

In die Zukunft projiziert wird sich das Christentum nach Berechnungen des Pew Research Center zwar auch in Zukunft als die größte Religion in Europa behaupten, jedoch wird die Zahl der Christen bis zum Jahr 2050 um rund 100 Millionen auf 454 Millionen sinken. Das entspricht einem Anteil von noch 65,2% gegenüber 74,5% heute. Im Gegenzug wird der Anteil der Muslime an der europäischen Bevölkerung von 5,9% auf 10,2% steigen, der der Religionslosen von 18,8% auf 23,3%. Die Zahl der Juden in Europa wird von 1,4 Millionen (0,2 Prozent) auf 1,2 Millionen leicht sinken.

 

Neue Relevanz von Religion

Die Zahlen belegen, dass die Religion in Europa keineswegs auf dem Rückzug ist. Vielmehr verändert sich gegenwärtig die religiöse Landschaft in Europa. Da sind zum einen die rasanten Transformationsprozesse, die der Islam in Europa zurzeit erlebt und die auch das Nachdenken über christliche Identität neu anstoßen. Rechtsautoritäre christliche Gemeinschaften und Gruppen artikulieren sich stärker, aber auch religionsferne Gruppen. Zum anderen beschleunigt die Migration die religiöse Pluralisierung und führt zu einem Wachstum insbesonders von christlich-evangelikalen Gemeinschaften. 2012 waren 42% der außereuropäischen Migranten in die EU Christen; 39% waren Muslime.

 

Das Thema der Religion hat somit eine neue gesellschaftliche und politische Relevanz gewonnen und macht es notwendig, die Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft neu zu verhandeln. Das verlangt aber nach präziseren Kenntnissen der religiösen Landschaft Europas als sie bislang zur Verfügung stehen.

 

Yasemin El-Menouar

Bertelsmann Stiftung

 

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