Tuesday 19. October 2021
#187 - November 2015

Die revolutionäre Botschaft von Laudato si’

Andrea Tilche, Wissenschaftler, Wissenschaftsmanager und Referatsleiter „Klimawandel und Naturgefahren” im Themengebiet Umwelt der Generaldirektion Forschung & Innovation der EU-Kommission, und Antonello Nociti, Schriftsteller und Philosoph, nehmen Stellung zur Enzyklika.

Mit der Enzyklika Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus befasst sich erstmalig in der Geschichte des Christentums ein päpstliches Lehrschreiben mit der Thematik des Umweltschutzes angesichts der vom Klimawandel und der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen ausgehenden Gefahren. Dabei verknüpft die Enzyklika die ökologische mit der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Dimension dieser Krise, widmet sich insbesondere den Problemen von Armut und sozialer Ungerechtigkeit und fügt auch eine spirituelle Dimension hinzu, eine „Mystik“, die uns beseelt und uns zu individuellem und kollektivem Handeln bewegt.

 

In den letzten Jahren haben viele hochrangige Führungspersönlichkeiten Vorschläge für ein verbindliches Klimaschutzabkommen im Rahmen der UN-Klimakonferenz COP21 und zur Festlegung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung für die Zeit nach 2015 gemacht; doch von all diesen ist die jüngste Enzyklika zweifellos der innovativste.

 

Eine universelle Botschaft

Papst Franziskus hat die Diskussion auf eine neue Ebene gehoben, und nun müssen es ihm die weltlichen Verantwortungsträger gleichtun. Die Enzyklika hat über die Konfessionsgrenzen hinweg großen Anklang gefunden; ihr Erscheinen wurde von Politik und Zivilgesellschaft gleichermaßen gewürdigt.

 

Die Botschaft des Papstes, der höchsten Autorität einer Religionsgemeinschaft mit mehr als einer Milliarde Gläubigen, hat das Potenzial, weltweit eine bahnbrechende Wirkung zu entfalten. Sie richtet sich an alle Menschen auf der Welt, und dank der moralischen Autorität und der kommunikativen Fähigkeiten des Papstes wird sie nicht nur von Katholiken, sondern von unzähligen Menschen weltweit – Gläubigen unterschiedlicher Religionen und Ungläubigen – gehört.

 

Papst Franziskus hat seine Führungsstärke unter Beweis gestellt, und es ist ihm gelungen, den Menschen eine neuartige und starke Botschaft zu vermitteln. Er hat die Schönheit der vor uns liegenden Herausforderung bekräftigt – einer Herausforderung, die eine einzigartige Chance für die Menschheit darstellt, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die Menschheit hat in den Bereichen Wissenschaft und Technik – und ebenso im Hinblick auf gesellschaftliche und institutionelle Strukturen – herausragende Kompetenzen entwickelt, und nun kann sie ihre außerordentlichen Fähigkeiten zum Dienst an der guten Sache und zur Heilung unseres Planeten einsetzen und als „Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk“ wirken.

 

Begeisterung und Ermutigung

Dieser Ansatz ist eine Abkehr von gängigen Sichtweisen, beispielsweise von den Katastrophenszenarien, die von einigen Umweltorganisationen propagiert werden und zu Resignation führen können. Er stellt zweifelsohne eine gewaltige ökonomische und ökologische Herausforderung dar – so Papst Franziskus, aber es ist gut, dass die Menschheit auf einem solch hohen Niveau herausgefordert werden kann, ihr Bestes zu geben. Durch den Bruch mit herkömmlichen Denkweisen kann der Papst die Menschen mitreißen und ermutigen.

 

In unseren Diskussionen geht es nun nicht mehr darum, ob und, falls ja, in welchem Ausmaß Klimawandel und Ressourcenerschöpfung auf menschliche Aktivität zurückzuführen sind – dies ist von der Wissenschaft bereits gründlich untersucht worden (und die Anerkennung dieses wissenschaftlichen Konsenses durch den Papst ist ein weiteres Novum dieses Lehrschreibens). Wir müssen die Dekarbonisierung unseres Planeten meistern, und zwar schnell. Wir müssen die Zerstörung des natürlichen Kapitals unseres Planeten beenden. Lasst uns diese Aufgabe freudig und im Bewußtsein anpacken, dass dies eine wunderbare Anstrengung sein wird, dank derer wir nicht nur unser gemeinsames Haus schützen, sondern auch zu besseren Menschen werden können.

 

Da die ökologische Krise zugleich eine soziale Krise und eine Werte-Krise ist, kann ein Ausweg daraus nur dann gelingen, wenn Verantwortung übernommen wird – eine Verantwortung, die zu einem tiefgreifenden Wandel unserer Beziehung zur Natur führen wird, sich aber auch auf unsere sozialen Beziehungen, unsere Solidarität mit den weniger Begüterten und schließlich auf das Bewusstsein für den Sinn unseres Lebens auswirken wird.

 

Ein moralischer Impuls für die Menschen

Eine kritische Anmerkung, die in einigen Kommentaren zur jüngst veröffentlichten Enzyklika vorgebracht wurde, lautet, dass das mächtige und beherrschende technokratische Paradigma nicht allein durch einen kulturellen Wandel überwunden werden kann. Doch dieser Einwand trifft nur bedingt zu. Zunächst einmal kann sich die Enzyklika mit ihrem Potenzial, Milliarden von Menschen auf jeder Ebene der Entscheidungsbefugnis zu erreichen, sowohl direkt als auch indirekt auf die Gestaltung von Politik auswirken. Darüber hinaus haben geschichtliche Veränderungen ihren Ursprung in Ideen, und Ideen verbreiten sich im digitalen Zeitalter schneller als früher und sind ein sehr wirkungsvolles Mittel, um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.

 

Diese Enzyklika trägt dazu bei, Wissenschaft und Politik einander anzunähern, indem sie den Bürgerinnen und Bürgern Argumente liefert und ihnen den moralischen Anstoß gibt, zu Akteuren des Wandels zu werden.

 

Religiöse Gemeinschaften können die Überzeugungen der Menschen beeinflussen; sie haben nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Verpflichtung dazu. Auch heute noch stellt Religion einen der wichtigsten Kanäle für die ethische Bildung und die Vermittlung von Werten dar. Papst Franziskus‘ Enzyklika ist ein entscheidender Schritt hin auf dieses Ziel, und darüber hinaus, da sie als universelle Botschaft gilt.

 

In unserer heutigen technokratischen Gesellschaft ist ein spirituelles und ethisches Vakuum, ein Mangel an Tiefgang zu beklagen. Die Enzyklika Laudato si’ hat dazu beigetragen, dieses Vakuum auszufüllen.

 

Andrea Tilche - Antonello Nociti

EU-Kommission - Schriftsteller und Philosoph

 

Hinweis: Dieser Artikel gibt ausschließlich die Meinung der Autoren wieder und gibt nicht den Standpunkt der EU-Institutionen und –Gremien wieder; diese zeichnen in keiner Weise für die Inhalte verantwortlich.           

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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