Tuesday 19. October 2021
#187 - November 2015

Die Ärmsten zahlen die ökologische Schuld

Interview mit Sylvie Goulard, MdEP (ALDE, Frankreich), Präsidentin der interfraktionellen Arbeitsgruppe „Extreme Armut und Menschenrechte“ des Europäischen Parlaments

Frau Goulard, was ist Ihrer Meinung nach die Kernbotschaft der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus?

 

Papst Franziskus lädt die Menschen dazu ein, eine „ganzheitliche Ökologie“ zu leben, um das „gemeinsame Haus“, die Erde, zu bewahren. Der Schutz der Schöpfung bildet den Kern seiner Botschaft. Dies ist insofern wichtig, als das Alte Testament, insbesondere das Hohelied, unzählige Verweise auf die Schönheit der Schöpfung enthält.

 

Die Enzyklika stellt nicht nur einen ökologischen Ansatz im engeren Sinne dar, sondern bezieht auch wirtschaftliche und soziale Aspekte mit ein. So spricht der Papst den Klimawandel oder die Zerstörung der Biodiversität genauso an wie die Qualität des menschlichen Lebens oder das Problem der Ungleichheiten. Er sagt: „Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam.“ Es sind die Ärmsten, die einen hohen Preis für diese „ökologische Schuld“ der Menschheit zahlen. Dies sind die Kernbotschaften seiner Enzyklika.

 

Auf welche Aspekte Ihrer Arbeit als Europaabgeordnete kann sich diese Enzyklika auswirken?

 

Der Aufruf des Papstes richtet sich an alle verantwortlichen Menschen, unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht. Getreu dem Evangelium wendet sich der Papst an alle Menschen guten Willens.

 

Mit seinem universellen, grenzüberschreitenden Ansatz, der die Bewahrung des „gemeinsamen Hauses“ in den Vordergrund stellt, überwindet der Papst nationale Horizonte. Er schließt sich damit den Sorgen aller Europabefürworter, insbesondere der Abgeordneten des Europäischen Parlaments an, die ein Bewusstsein dafür wecken wollen, dass die nationale Ebene nicht mehr immer die relevante Ebene ist. Das rasante Aussterben zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, der Treibhauseffekt oder die andauernde Armut erfordern ein ehrgeiziges Engagement, welches ein Handeln über die Kontinente und über nationale oder politische Zugehörigkeiten hinweg erforderlich macht.

 

Fehlen Ihrer Meinung nach Elemente in der Enzyklika?

 

Der Papst formuliert keine genauen Vorschläge, es ist aber auch nicht seine Aufgabe, konkrete Maßnahmen zur Behebung der von ihm aufgezeigten Mängel zu nennen. Er äußert sich in seiner Funktion als Papst, als spiritueller Führer, moralische Instanz, nicht als Experte oder weltliches Oberhaupt. Sein Ansatz, der ebenso wichtig ist, besteht vielmehr darin, das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu schärfen, ihnen Mut zu machen, auf ihrem Niveau zu handeln, und Verantwortung im Alltag (Haus, Verkehr, Energieverbrauch etc.) zu übernehmen.

 

Papst Franziskus betont, dass seine Enzyklika als ein Beitrag zum Dialog zwischen Wissenschaft und Politik gesehen werden kann. Welche Themen sollten nach Ihrem Dafürhalten unbedingt in einem solchen Dialog angesprochen werden?

 

Ein Dialog zwischen Wissenschaft und Politik kann nicht losgelöst von einer ethischen Reflexion stattfinden. Als einer unter anderen kann der Beitrag des Papstes wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Entscheidungen Sinn geben. Die Kirche ist nicht dazu berufen, ein endgültiges Wort zu sprechen, vielmehr kann sie dazu beitragen, eine ehrliche Debatte zwischen Wissenschaftlern einerseits und Experten und Bürgern andererseits anzuregen.

 

Wissenschaft und Religion stehen auf unterschiedlichen Ebenen. Ethik und die moralische Reflexion über das menschliche Handeln in Bezug auf die Natur und die Gesellschaft können zu einer wahrhaft authentischen wissenschaftlichen Weitsicht beitragen, zumindest zu einem besseren Dialog zwischen Wissenschaftlern und Bürgern.

 

Welchen Beitrag erwarten Sie von Seiten der Kirchen und Religionsgemeinschaften bei der Schaffung einer neuen Weltordnung?

 

Die Kirchen können als solidarische Gemeinschaften und als Orte des Engagements eine nachhaltige Lebensweise oder zumindest Änderungen im Verhalten anregen, die der Menschheit und der Umwelt zugutekommen. Sie können ihre Mitglieder, gläubige Menschen guten Willens, mobilisieren und damit den Menschen ins Zentrum der gesellschaftlichen Belange rücken.

 

Diese neu auf die Botschaft der Güte und der Barmherzigkeit des Evangeliums ausgerichtete Ethik sollte durch die Verkündigung der Kirchen und die öffentliche Meinung sowohl im gesellschaftlichen Miteinander als auch in den Beziehungen zwischen den Staats- und Regierungschefs Eingang finden. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur Schaffung einer neuen Weltordnung.

 

 

Sylvie Goulard

Mitglied des Europäischen Parlaments

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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