Samstag 24. Juni 2017

Die Römischen Verträge - eine Erfolgsgeschichte von Freundschaft und Beharrlichkeit

Welche Form sollte damals, im Jahre 1957, das vereinte Europa annehmen? Und welche Geisteshaltung kennzeichnete die führenden Politiker Europas jener Zeit?

Wir werden bald den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge begehen, und die aktuellen Spitzenpolitiker der EU werden voll des Lobes für jene Männer sein, die einst diese Verträge möglich machten. Unter dem Druck einer wachsenden Europaskepsis werden sie vielleicht versucht sein, die klare und präzise politische Vision, die Europa durch die Wirtschaftsgemeinschaft und Euratom dauerhaften Frieden brachte, zu verklären. Die Realität sieht allerdings so aus, dass jene Verträge nicht den eigentlichen Plan widerspiegelten, sondern ein Versuch waren, eine dahinsiechende Gemeinschaft mit etwas Sauerstoff zu revitalisieren. So waren die Römischen Verträge tatsächlich das Ergebnis von Flexibilität, Beharrlichkeit und einer Freundschaft, die bei der Suche nach dem Gemeinwohl aufblühte.

 

Eine friedliche Revolution

All dies begann sieben Jahre zuvor, als der französische Außenminister Robert Schuman dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer einen kompletten Neubeginn vorschlug. Nach dem Zweiten Weltkrieg – und all den vorherigen Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich – träumte Schuman von einer neuen Beziehung auf der Basis von Vergebung, Respekt und Brüderlichkeit statt Vergeltung und Macht. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen wussten diese beiden christlich geprägten Männer, dass sie einander vertrauen konnten, und sie waren sich sicher, dass die Fügung ihnen den Auftrag anvertraut hatte, diese friedliche Revolution herbeizuführen.

 

Der ganz konkrete Plan kam von Jean Monnet, nach dessen Auffassung eine gemeinsame Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion – einer wichtigen Grundlage der Rüstungsindustrie – den Ausbruch eines erneuten Krieges zwischen den Partnern unmöglich machen würde. Die Montanunion war die erste einer Reihe von Gemeinschafen, die für alle Zeit die Völker Europas aneinander binden würde.

 

Das verbindende Ziel des Gemeinwohls

Welche Form sollte nun das vereinte Europa annehmen? Darauf hatten sie keine Antwort. Und es spielte für sie auch keine allzu große Rolle. Was für sie zählte, war, dass sie sich gemeinsam auf den Weg machten. Und wichtig war es auch, die Herzen der Europäer zu erreichen, so dass sie zu einer echten Gemeinschaft zusammenwachsen würden. In Schumans Worten hieß dies: „Die Gemeinschaft schlägt jedem Partner das gleiche Ziel vor, das in der Philosophie des Heiligen Thomas von Aquin ‚Gemeinwohl’ lautet. Dieses existiert fernab jeglicher egoistischer Motive. Das Wohl jedes Einzelnen ist das Wohl aller und umgekehrt." *

 

Als Alcide De Gasperi (Italien) und Paul-Henri Spaak (Belgien) von diesem Plan hörten, wollten sie bei dem Abenteuer dabei sein. Trotz eines unterschiedlichen politischen Hintergrunds (Spaak war Sozialdemokrat, Adenauer, Schuman und De Gasperi Christdemokraten) sahen sie sich in der moralischen Pflicht, den Lauf der Geschichte mitzugestalten. Sie setzten Europa über alle nationalen oder partikulären Interessen.

 

Der Mensch im Mittelpunkt

Sie alle hatten zwei Weltkriege erlebt und waren über 60 Jahre alt. Sie waren bereit, ihre eigene politische Karriere und ihren Ruf aufs Spiel zu setzen, um den zukünftigen Generationen ein Vermächtnis zu hinterlassen. Inspiriert von personalistischen Philosophen wie Jacques Maritain und Emmanuel Mounier, wollten sie eine auf Menschenwürde, Achtung der Freiheit und Demokratie basierende neue Gesellschaft errichten und gleichzeitig ein humanes Wirtschaftssystem schaffen, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht.

 

Durch den Holocaust waren sie sehr realistisch geworden, was die Dauerhaftigkeit von guten Absichten betrifft. Gesellschaften verfallen allzu schnell in Hass und Egoismus. Daher sollte ein Verhandlungssystem institutionalisiert werden, durch das Länder und Menschen derart voneinander abhängig würden, dass ein Krieg schlichtweg unmöglich würde.

 

Das Fiasko der europäischen Armee

Doch diese Männer wollten in zu kurzer Zeit zu viel erreichen, und nur zwei Jahre, nachdem die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, Montanunion) in Kraft getreten war, gründeten sie die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Dabei stellten sie sich eine gemeinsame Armee unter einer einzigen Führung vor. Zur Ernennung des Obersten Befehlshabers wollten sie eine Europäische Politische Gemeinschaft errichten (EPG). Sie entwarfen die Verträge und unterzeichneten den ersten.

 

Die europäische Geschichte hätte einen ganz anderen Lauf genommen, hätte die französische Nationalversammlung nicht gegen die Ratifizierung des EVG-Vertrags gestimmt. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft scheiterte, ohne dass es einen Plan B gab. Die Gründerväter waren erschüttert, denn sie befürchteten ein Stagnieren der EGKS und schließlich einen Rückfall Europas in den früheren Nationalismus. De Gasperi verstarb kurz nach dem Fiasko der europäischen Armee, Schuman wurde im französischen Außenministerium ersetzt, und Adenauer hielt den europäischen Traum für geplatzt und wandte sich stattdessen den Vereinigten Staaten zu.

 

Die Idee des gemeinsamen Marktes

Doch dann brachte der niederländische Liberale Johan Willem Beyen, inspiriert durch die enge Kooperation innerhalb der Benelux-Staaten, die Idee eines gemeinsamen Marktes auf. Gleichzeitig arbeitete Monnet an einem anderen Plan, um den „Gemeinschaftsgeist” neu zu beleben: die Schaffung einer Institution, dank derer die friedliche Nutzung der Atomenergie gemeinsam bewerkstelligt werden könne. Die sechs Partner diskutierten beide Projekte. Frankreich mochte den gemeinsamen Markt nicht, und Monnet war überzeugt, dass dieser Vorschlag eines gemeinsamen Marktes verfrüht sei. Deutschland hingegen wollte nichts mit Atomenergie zu tun haben und lehnte daher zunächst Monnets Plan ab.

 

Letztendlich fanden die sechs einen Kompromiss und billigten beide Projekte in unterschiedlichen Verträgen. Am 25. März 1957 wussten die Unterzeichner, dass sie Geschichte schrieben. Auf den Straßen Roms waren die Menschen voller Freude und Hoffnung; den Grund dafür konnte man überall in der Stadt auf Plakaten lesen: „Sechs Völker, eine Familie, zum Wohle aller“. Es sollte keine Gewinner und Verlierer, keine Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Nord und Süd geben – nur den Traum, dass diese Familie noch weiter wächst, indem der „Gemeinschaftsgeist“ immer wieder neu entfacht wird. Die Entscheidung darüber, wie dieses Streben nach einem immer enger werdenden Bund fortgesetzt werden könne, sollte bei den künftigen Europäern liegen.

Victoria Martín de la Torre

 

Autorin des Buches: Europe, a Leap into the Unknown – A Journey Back in Time to Meet the Founders of the European Union, Verlag Peter Lang (2016)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

* François Roth:  Robert Schuman. Du Lorrain des frontières au père de l'Europe, Paris 2008 (S. 536).

 

DE- Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Social Centre dar.

Teilen |
Agenda

> 6. Juni
Die EU-Kommission wird zusammen mit dem EMCDDA den Europäischen Arzneimittelbericht 2017 veröffentlichen, mit einer umfassenden Analyse der jüngsten Entwicklungen der Arzneimittelsituation in Europa.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll das Diskussionspapier zur Zukunft der Europäischen Verteidigung bis 2025 veröffentlichen.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll die Mitteilung zur “Stärkung der Resilienz in Drittstaaten” veröffentlichen als Teil der Umsetzung der Globalen Strategie der EU  
 
> 15.-16. Juni
Eine hochrangige Veranstaltung über die EU-Arktis-Politik wird in Oulu, Finnland, stattfinden.

europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/