Freitag 18. August 2017

Die Rolle der Christen im heutigen Europa

Am 20. Januar 2016 sprach der ehemalige Präsident der Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, in der Auferstehungskapelle in Brüssel über die Werte der Europäischen Union.

Die Europäische Union wurde in erster Linie als Wertegemeinschaft und nicht als ökonomisches Projekt gegründet. Sie war unsere Antwort auf die Grausamkeiten und die Barbarei des Zweiten Weltkrieges und aller vorangegangenen Kriege. Die Union beruht auf den Grundsätzen der Versöhnung zwischen den Nationen, der Wiederherstellung der Menschenwürde und des einzigartigen Wertes eines jeden Menschen. Auf Rache wurde verzichtet. Indem wir andere entmenschlichen, entmenschlichen wir zwangsläufig auch uns selbst in einer nicht enden wollenden Spirale von Gewalt und Hass. Die EU setzte dieser fatalen Entwicklung ein Ende.

 

Eine Union der Werte

Auch der Fall der Berliner Mauer war werteorientiert. Er stand für den Sieg über das Unrecht, über die Diktatur, über die Nichtbeachtung der Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Ein Mensch war lediglich ein Millionstel von einer Million. Er war lediglich ein Teil des Ganzen. Der Union beitreten hieß, sich die Werte, die wir die europäischen Werte zu nennen pflegen, zu eigen zu machen.

 

Beim Aufbau dieser Union haben die Christen eine wichtige Rolle gespielt. Vergessen wir nicht, dass die beiden Ideologien, die für die meisten Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts verantwortlich waren, nichts mit Religion oder mit dem Christentum zu tun hatten. Christen sollten die stärksten Verfechter des europäischen Gedankens bleiben. In unserer heutigen Welt sind wir mit neuen großen Herausforderungen konfrontiert, die weitreichende ethische Auswirkungen haben.

 

Meine Devise lautet: „Eine Zivilisation, viele Kulturen“. Unsere westliche Zivilisation basiert auf den Grundsätzen der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Nichtdiskriminierung, der Trennung von Staat und Kirche und der sozialen Marktwirtschaft. Innerhalb dieses Rahmens sollte Raum für viele Überzeugungen und Kulturen sein. Wir brauchen Vielfalt. Sobald man dieses Modell akzeptiert, verliert die Anzahl von Moslems oder Andersgläubigen an Bedeutung. Allerdings besteht Einigkeit darüber, dass wir noch nicht soweit sind.

 

Auf jeden Fall sollten Christen weiterhin den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Der Mensch hat eine angeborene Würde, die niemals relativiert oder eingeschränkt werden kann. Somit haben weder unsere Mitmenschen noch die Gesellschaft das Recht, diese zu unterdrücken oder zu verletzen. Der Mensch lebt in Beziehungen und der Mensch ist ein Wesen, das Verpflichtungen eingeht, ein Wesen, das aus freien Stücken Verantwortung für sein eigenes Leben, aber auch für das Leben seiner Mitmenschen und für die Gemeinschaft als Ganzes übernimmt.

 

Christen sollten niemals vergessen, dass ihre Mitmenschen, vor allem die Notleidenden, konkrete Personen sind. Angesichts der Flüchtlinge, die mitten im Winter das Mittelmeer überqueren, der Kinder, die auf der Flucht erfrieren oder in Calais in Zelten leben, werden wir zu engagierten, moralisch engagierten Menschen. Ein Blick in die Gesichter dieser Menschen kann unsere Einstellung und unser Verhalten ändern.

 

Im Gegensatz zu vielen anderen Ideologien erhebt der Pesonalismus keinen Anspruch darauf, eine Antwort auf alle Herausforderungen und Probleme, vor denen wir als Gesellschaften und Individuen stehen, zu haben. Es gibt kein Buch, das alle Antworten parat hält. Vielmehr verfügen wir über eine Sammlung von Grundsätzen und Leitlinien, an denen wir uns ausrichten können in unserem Bemühen, herauszufinden, wie wir miteinander umgehen und welche Rolle der Staat bzw. die anderen Institutionen in unseren Gesellschaften spielen sollten.

 

Christen können eine andere Wahrnehmung der Wirtschaftspolitik, der Sparpolitik oder der Umsetzung struktureller Reformen, der Missstände in unseren Gesellschaften oder der Art und Weise haben, wie wir den Klimawandel in den Griff bekommen können. Christen können Werte wie Verantwortung und Solidarität mit anderen Inhalten füllen.

 

Wir können nicht einfach weiter endlos private und öffentliche Schulden anhäufen, unsere Umwelt zerstören und die Rohstoffe bzw. die nicht erneuerbaren Energien ausbeuten. Dies hieße, nur an die eigene Generation zu denken. Wir sollten nicht nur unsere eigenen Kinder, sondern alle Kinder lieben. Es genügt nicht, unseren Nächsten zu lieben. Alle lebenden und noch ungeborenen Menschen sind unsere Nächsten. So einfach ist das. Wir sollten keine Risiken eingehen. Die Zukunft der Menschheit aufs Spiel zu setzen ist der größte Fehler, den man sich vorstellen kann.

 

Bei der Klimaschutzkonferenz in Paris hat die Europäische Union eine Führungsrolle übernommen. In der Vergangenheit – seit Beginn der Industriellen Revolution – haben wir „gesündigt“, doch haben wir unsere Politik geändert. Es darf nicht auf ein „zu wenig und zu spät“ hinauslaufen.

 

 

Christen engagieren sich in unseren Mitgliedstaaten, deren Entwicklungen weitgehend unabhängig von denen der EU als Ganzes sind. Wie steht es um unser Sozialkapital, um Einsamkeit, Unzufriedenheit, unser Familienkapital, die Einkommensverteilung, um unsere Entwicklungshilfe, die Rolle der Bildung, dem Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben, zwischen Produktivität und Lebensqualität? In all diesen Bereichen brauchen wir eine menschliche Dimension, selbst in einer globalen, äußerst wettbewerbsorientierten Wirtschaft. Es gibt keine eindeutigen Antworten, doch was zählt, ist der Ansatz. Personalismus ist der einzig gangbare Weg.

 

Wir leben in säkularen Gesellschaften. Dies ist keine Bedrohung für Christen. Ganz im Gegenteil, es ist eine echte Chance. Wir müssen unsere eigenen Entscheidungen treffen, andere überzeugen und mit gutem Beispiel vorangehen. Seit dem Einzug des Islam in Westeuropa haben die alten Rivalitäten zwischen Christen und Nichtgläubigen an Bedeutung verloren. Die Landschaft ist vielfältiger geworden. Einerseits wird Religion allgemein für die Verbrechen der Extremisten verantwortlich gemacht. „Religion bedeutet Krieg“. Andererseits spielt Religion wieder eine Rolle in unseren Gesellschaften.

 

Die Notwendigkeit des Dialogs

Dialog ist dringender erforderlich als je zuvor, nicht nur im Rahmen unserer Suche nach gemeinsamen Werten, sondern auch mit Blick auf die Wahrnehmung der unterschiedlichen Inhalte dieser Werte. Hierzu brauchen wir einen echten Dialog. In den zwischenmenschlichen Beziehungen unterscheidet sich der andere von dem, was ich bin. Wir leben mit Menschen zusammen, wir lieben Menschen, die niemals so sein können wie wir. Unterschiede sind Teil des Lebens. Zusammenleben aber bedeutet, nach einer gemeinsamen Basis zu suchen, auf der wir in gutem Einvernehmen leben können. Dialog führt zu Annäherung. Dialog ist Teil der Kultur. Integration ist nicht gleich Assimilation, vielmehr ist das Paradigma des „eine Zivilisation, viele Kulturen“ nach wie vor gültig.

 

Vor dem Hintergrund der technologischen und biotechnologischen Entwicklung, von Wohlstand, medizinischem Fortschritt, der Globalisierung, der Einwanderung usw. verändern sich unsere Gesellschaften von Grund auf. Am schlimmsten wäre es, wenn wir uns auf uns selbst zurückziehen und uns von der Angst beherrschen lassen. Dies führt zu Konflikten und Gewalt. Wir müssen weiterhin positiv in die Zukunft blicken („Wir schaffen das“, „yes, we can“), uns auf die Seite des Eros, dem Gott der Liebe, und nicht auf die des Thanatos, dem Gott des Todes, stellen. Die Christen müssen zu diesem gesellschaftlichen Wandel beitragen, selbst aus einer Position des „Restes Israels“.

 

Herman Van Rompuy

 

Ehemaliger Präsident der Europäischen Rates

 

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung einer Rede, die Herman Van Rompuy anlässlich einer Konferenz am 20. Januar 2016 in der Auferstehungskapelle in Brüssel gehalten hat.

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

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