Samstag 24. Juni 2017
#195 - Juli-August 2016

Die Rolle der Kirche bei der Wahrung der Menschenrechte

Beim jüngsten Forum der EU-Agentur für Grundrechte ging es um die Themen Inklusion, Schutz von Flüchtlingen und digitales Zeitalter. Zu den aktiven Teilnehmern zählte auch die COMECE.

Die EU-Grundrechteagentur beschreibt ihr Grundrechte-Forum als „...inklusive und innovative Plattform zur Mobilisierung von Beitraggebern, darunter führende Experten, politische Entscheidungsträger sowie Akteure aus allen Lebensbereichen“. Das Forum 2016 bot den passenden Rahmen für einen Beitrag der Kirche. Die COMECE wurde vom Vertreter der niederländischen Bischofskonferenz bei der COMECE und Präsident der Kommission für Rechtsangelegenheiten, S. E. Msgr. Theodorus C.M. Hoogenboom, vertreten. In diesem Artikel geben wir einen kurzen Überblick über seinen Workshop-Beitrag zum Thema „Der gemeinsame Raum zwischen religiösen Traditionen und Menschenrechten“.

 

Bezugspunkte des Forums

Angesichts der Tatsache, dass in der heutigen Zeit „Religion und Menschenrechte“ gerne, so doch nicht weniger irreführend mit „Teilung und Unterschied“ in Verbindung gebracht werden, betonte Hoogenboom gleich zu Beginn die Schlüsselrolle, die die religiösen Überzeugungen im Rahmen der Gestaltung der Menschenrechtsprinzipien spielen. Als wichtigste Bezugspunkte in diesem Bereich nannte er zum einen Artikel 17 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU (AEUV), in dem festgelegt ist, dass die Union sich nicht in die einzelstaatlichen Beziehungen zwischen Kirche und Staat einmischt und mit den Kirchen und weltanschaulichen Verbänden bzw. Gemeinschaften einen Dialog führt; zum anderen bezog er sich auf das Konzept der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, welches zu einem der Grundprinzipien einer demokratischen Gesellschaft erklärt worden sei, eines, das für Gläubige lebenswichtig, da identitätsstiftend und richtungsweisend sei.

 

Christentum und Ursprung der Menschenrechte

Hoogenboom verwies darauf, dass uns unser Glaube an Jesus Christus gemäß der katholischen Tradition dazu ermutigt und drängt, für die Würde und die natürlichen Rechte des Menschen einzustehen und den interreligiösen Dialog zu fördern. Christliche Philosophen hätten sich mit der Würde des Menschen, mit seinen Rechten und Pflichten auseinander gesetzt und so dazu beigetragen, vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind, eine ganzheitliche Betrachtung der gleichberechtigten transzendenten Würde, eines freien und verantwortungsvollen Bewusstseins sowie von Brüderlichkeit vorzunehmen. Daher seien viele Begriffe, Grundsätze und Konzepte im Zusammenhang mit den Menschenrechten im Christentum verwurzelt oder im christlichen Kontext entwickelt worden.

 

Die Quelle und Synthese der natürlichen Rechte sei die Religionsfreiheit: das Recht in der Wahrheit des persönlichen Glaubens und in Übereinstimmung mit der transzendenten Würde als Mensch zu leben. Die Achtung dieses Rechts sei ein Zeichen für „den wahren Fortschritt des Menschen in einem jeden Regime, in jeder Gesellschaft, in jedem System und in jeder Lage“, so Hoogenboom. Ausgehend hiervon sei es wichtig daran zu erinnern, dass der Staat unter Vermeidung aller extremen Formen von Fanatismus und Säkularismus ein harmonisches soziales Klima und einen adäquaten Rechtsrahmen fördern müsse, der es jedem Einzelnen und jeder religiösen Konfession erlaubt, seinen bzw. ihren Glauben frei zu leben, diesen Glauben im öffentlichen Raum zum Ausdruck zu bringen und über angemessene Mittel und Möglichkeiten zu verfügen, um das Leben der Nation spirituell, moralisch und gesellschaftlich zu bereichern. Religion dürfe zudem nicht als Problem bzw. Hindernis, sondern vielmehr als Zugewinn für unsere Gesellschaften erachtet werden.

 

Hintergründe und Vorteile des interreligiösen Dialogs

Hoogenboom zufolge gibt es viele gute Argumente, die dafür sprechen, dass der interreligiöse Dialog zu den „Pflichten und Verantwortungen“ der Kirche zählt. Christen glauben, dass Gott der Schöpfer der gesamten Menschheit ist und dass Er möchte, dass jeder Mensch ein würdiges Leben auf Erden führt und zum Heil gelangt. Ihre Aufgabe sei es, Zeugnis dafür abzulegen, dass alle Menschen – Männer wie Frauen – als Ebenbild Gottes geschaffen sind und somit Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft verdienen, die gleiche Würde und die gleichen natürlichen Rechte genießen und von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod in Würde und Rechten gleichberechtigt sind. Vor diesem Hintergrund sei der Aufruf des Zweiten Vatikanischen Konzils zum interreligiösen Dialog heute aktueller denn je zuvor.


Aufforderung zu einer entschlossenen und korrekten Auslegung von Artikel 17 AEUV

Als von Gott geschaffene Einheit sei die Kirche von Natur aus keine NGO. In diesem Zusammenhang verwies Hoogenboom auf die besondere Bedeutung des in Artikel 17 AEUV geforderten Dialogs. Dieser stelle sicher, dass der besondere Charakter des Beitrags der Kirche zur Leitung der europäischen Gesellschaften und der Europäischen Union vollumfänglich berücksichtigt werde. Dialogseminare seien eine solide und gute Praxis, doch impliziere der Begriff „Dialog“ auch, dass die EU-Institutionen regelmäßige Ad-hoc-Konsultationen mit den Kirchen und religiösen Gemeinschaften oder Verbänden veranstalten, insbesondere wenn es um Gesetzesvorschläge gehe, die eindeutige und grundlegende Auswirkungen auf ihre Aktivitäten und ihren Status hätten.

 

Im aktuellen europäischen Kontext solle auch verdeutlicht werden, dass Artikel 17 AEUV in der Tat einen verpflichtenden Dialog zwischen den EU-Institutionen und den Kirchen bzw. religiösen Gemeinschaften oder Verbänden vorschreibt. Es gehe weder darum, einen interreligiösen Dialog „vorzusehen“ noch darum, eine Rechtsgrundlage für die EU-Institutionen zur Veranstaltung interreligiöser Dialoge zu schaffen. Darüber hinaus dürfe Artikel 17 AEUV auch nicht mit dem davon deutlich zu unterscheidenden Dialog zwischen der EU und der Zivilgesellschaft verwechselt werden.

 

Alessandro Calcagno, José Luis Bazán

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

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