Donnerstag 14. Dezember 2017
December issue #199

Die US-Wahlen – böses Erwachen in Europa

Die Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten am 9. November fiel auf den Tag genau auf den 27. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Wird davon ein vergleichbarer weltpolitischer Bruch ausgehen?

Ähnlich wie nach dem britischen Referendum im Juni gab es in Europa nach der US-Wahl für viele ein böses Erwachen. In Brüssel ging für das Jahr 2016 das Wort vom „Annus horribilis“ um. Wie beim Brexit war die US-Wahl Ausdruck einer Ablehnung der etablierten Politik und der herrschenden Eliten. Sie war das Ergebnis einer gesellschaftlichen Spaltung und politischen Polarisierung: Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten, Weißen und Schwarzen, Hispanics und Anglos, Stadt und Land, Jung und Alt, Amerikaner mit und ohne höhere Bildung und sogar zwischen Männern und Frauen. Polarisierungen gab es in den Fragen von Einwanderung, Steuern, Mindestlohn, Freihandelsverträgen, Klimawandel und Abtreibung.

 

Trump griff die mit diesen Faktoren verbundene Anti-Establishment-Stimmung in seiner Wahlkampfrhetorik auf. Die politische, soziale und wirtschaftliche Marginalisierung vieler Wähler war das Leitmotiv seiner Kampagne. Amerikas Wirtschaftskraft und die Zahl der Arbeitsplätze ist in den Jahren der Obama-Präsidentschaft zwar gewachsen, doch die Einkommensverteilung ist ungleich. Die Zahl der „working poor“ hat zugenommen. Trump propagierte eine protektionistische Handelspolitik, ausländerfeindliche Migrationspolitik bis hin zu einer aktiven Deportationspolitik, eine autarke Klimapolitik bis hin zur Aufkündigung geschlossener Verträge. Bleibt abzuwarten, inwieweit er dies als Präsident auch umsetzen wird.

 

Europas Rechtspopulisten feierten die Wahl. Marine Le Pen beglückwünschte Trump enthusiastisch und verstand seinen Sieg als Rückenwind für ihre eigenen Ambitionen auf die Präsidentschaft in Frankreich. Nigel Farage sprach vom Jahr 2016 als dem Jahr „zweier großer politischer Revolutionen“. Geert Wilders twitterte: „Die Amerikaner holen sich ihr Land zurück.“ Bleibt zu fragen: von wem?

 

Unter den Muslimen, den Latinos und den Migranten ohne Dokumente breitet sich Angst aus. Wenn Trump ernst macht mit seinen Ankündigungen im Wahlkampf, müssen sie mit Ausweisungen rechnen. Trotz aller Befürchtungen, die sich mit der Wahl Trumps verbinden: das Amerika von heute ist nicht mit dem Weimar der 30er Jahre zu vergleichen. Doch es bleibt abzuwarten, inwieweit das System der Checks and Balances auch einem Präsidenten Trump Grenzen setzen vermag.

 

Das Wahlverhalten der Katholiken trug entscheidend zum Sieg Trumps bei: 52 Prozent stimmten für ihn, während nur 45 Prozent Hillary Clinton wählten. Ein ausschlagender Faktor scheint dabei die Abtreibungsfrage gewesen zu sein. Von den weißen Evangelikalen, die 26 Prozent der Wählerschaft ausmachen, stimmten sogar 81 Prozent für Trump.

 

Mit Blick auf die katholische Kirche läßt sich fragen, ob sie der Sündenbockrhetorik Trumps genügend entgegengesetzt hat und ob sie nicht mehr als Sprecherin derjenigen hätte hervortreten können, die von der Globalisierung abgehängt wurden. So bemerkte der apostolische Nuntius Erzbischof Christophe Pierre bei der Herbstvollversammlung der US-Bischofskonferenz kurz nach den Wahlen am 12. November: „Der Papst ist prophetischer als die hiesigen Bischöfe heute.”

 

Zumindest nach den Wahlen könnte die katholische Kirche eine wichtige Rolle im Prozess der jetzt notwendigen Versöhnung spielen. Ihr gehört etwa ein Viertel der US-Bevölkerung an und sie ist die größte einzelne Glaubensgemeinschaft. Sie umfaßt fast etwa gleich viele Republikaner wie Demokraten, Hispanics, Schwarze, Weiße und Menschen aus allen Bildungsschichten und sozialen Milieus. Der Metapher von Papst Franziskus von der Kirche als einem Feldlazarett entsprechend könnte sie dazu beitragen, die aufgerissenen Wunden zu heilen.

Martin Maier SJ

JESC

 

Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/