Freitag 18. August 2017

Die US-Wahlen und die Stimmen der Katholiken

Nachdem die katholische Wählerschaft von den Medien nahezu während der gesamten Wahlperiode ignoriert wurde, sind Letztere wenige Wochen vor dem 8. November 2016, dem Tag der US-Präsidentschaftswahlen, endlich aufgewacht und haben erkannt, wie wichtig die Katholiken sind.

Die einzige religiöse Gruppe, über die bislang berichtet wurde, sind die amerikanischen Evangelikalen. So wurde minutiös analysiert, ob und in welchem Ausmaß sie Donald Trump unterstützen, wohingegen es niemanden kümmerte, wie die amerikanischen Katholiken in den Vorwahlen abgestimmt haben.

 

Die Medien hatten wohl vergessen, dass die republikanischen Katholiken mit ihrer tatkräftigen Unterstützung einen wesentlichen Beitrag zur Nominierung von Mitt Romney und John McCain geleistet hatten. Dieses Jahr jedoch weiß niemand, wie die katholischen Republikaner in den Vorwahlen abgestimmt haben, weil sie nicht befragt wurden. Am Wahltag wurden lediglich die Evangelikalen nach ihrer Meinung gefragt.

 

Es scheint, als hätten die Reporter nur dem ersten Teil der Aussage des amerikanischen politischen Kommentators E. J. Dionne zugehört, als er sagte „Es gibt keine katholischen Stimmen“, ohne auf den zweiten Teil zu achten, in dem Dionne hinzufügte: „doch sie sind wichtig“. Was er meinte, war, dass die Katholiken zwar nicht einheitlich wählen, jedoch in der Lage sind, das Wahlergebnis zu entscheiden. Immerhin stellen sie ein Viertel der gesamten amerikanischen Wählerschaft.

 

Katholiken haben seit 1932 bei nahezu allen Präsidentschaftswahlen für den Wahlsieger gestimmt. Verlieren die Demokraten katholische Stimmen, können sie die Wahl nicht gewinnen.

 

Was die Aufmerksamkeit der Medien schließlich erregte, war eine Reihe jüngerer Umfragen, im Rahmen derer katholische Wähler nach ihrer politischen Gesinnung und dem Kandidaten gefragt wurden, dem sie ihre Stimme geben würden.

 

Eine neue Umfrage des Institute for Public Policy Research (IPPR) zeigt, dass die Mehrheit der katholischen Wähler Hillary Clinton unterstützen. So sprechen sich 55 Prozent für Clinton und nur 32 Prozent für Trump aus, ein Vorsprung für Clinton von 23 Punkten. Ein ähnliches Ergebnis erbrachte eine Umfrage der Washington Post-ABC News: Ihr zufolge führt Clinton bei den amerikanischen Katholiken mit 27 Punkten (61 Prozent im Vergleich zu 34 Prozent) vor ihrem republikanischen Gegenkandidaten.

 

Dies ist ein riiiesiger (O-Ton Trump: „huuuge“) Vorsprung, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, welches Ergebnis der amtierende US-Präsident Barack Obama vor vier Jahren unter den Katholiken erzielte. Clinton liegt in der gesamten US-Wählerschaft vier Punkte vor Obama seinerzeit, innerhalb der katholischen Wählerschaft jedoch hat sie laut Umfrage der Washington Post-ABC 25 Punkte Vorsprung vor Obama. Dies ist die größte Gesinnungsänderung, die je innerhalb einer Wählergruppe verzeichnet wurde.

 

Die einzige andere Gruppe, bei der ein vergleichbarer Sinneswandel festzustellen ist, ist die der weißen Hochschulabsolventinnen, über deren Distanzierung von Trump in den Medien umfassend berichtet wurde. Es ist sogar davon auszugehen, dass das Ergebnis, würden die Meinungsforscher die Katholikinnen unter den weißen Hochschulabsolventinnen befragen, noch deutlicher ausfallen würde.

 

Die Katholiken wählen nicht einheitlich

Vor dem Hintergrund der einwanderungsfeindlichen Rhetorik gewisser republikanischer Politiker, allem voran Trump, haben sich viele hispanoamerikanische Katholiken den Demokraten zugewandt. So ist es nicht verwunderlich, dass Clinton der IPPR-Umfrage zufolge von 76 Prozent der nicht weißen Katholiken (zumeist Hispanoamerikaner) unterstützt wird, während Trump lediglich 13 Prozent erzielt.

 

Dies reicht jedoch nicht als Erklärung dafür aus, dass Trump bei den Katholiken so viel schlechter abschneidet als seinerzeit Romney. Vor vier Jahren stimmten die hispanoamerikanischen Katholiken nämlich noch mehrheitlich republikanisch.

 

Eindeutig verschoben hat sich das Meinungsbild der weißen Katholiken, die laut Umfrage der Washington Post vor vier Jahren noch mit 19 Punkten Vorsprung vor Obama für Romney stimmten und sich dieses Jahr mit sechs Punkten Vorsprung für Clinton entscheiden. Unter den weißen Katholiken, die laut Washington Post-Umfrage im März noch mit 56 Prozent für Trump und nur 29 Prozent für Clinton gestimmt hatten, sich nun aber mit 51 gegenüber 45 Prozent für Clinton aussprechen, wächst die Zustimmung für die demokratische Kandidatin. 

 

Wie kommt es zu diesem Sinneswandel?

Den meisten Kommentatoren zufolge ist diese Entwicklung weniger der Beliebtheit von Hillary Clinton geschuldet, als der Sorge vor einem Donald Trump. Je mehr die Katholiken von ihm zu hören bekommen, desto stärker wenden sie sich von ihm ab. Seine einwanderungsfeindlichen Äußerungen verärgern nicht nur die hispanoamerikanischen Katholiken, auch unter den weißen Katholiken, die erkannt haben, dass die meisten Einwanderer wie sie Katholiken und damit ihre Brüder und Schwestern sind, wächst die Ablehnung gegen den republikanischen Kandidaten.

 

Es kommt hinzu, dass sie an die Geschichten über die Diskriminierung erinnert werden, unter der ihre eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern leiden mussten, als sie in die USA kamen.

 

Und schließlich kommen die Katholiken, wie viele andere Amerikaner auch, mit Näherrücken der Wahl zum Schluss, dass Trump zwar amüsant anzuschauen, aber wahrlich kein Präsidentschaftskandidat ist. 

 

Sollte Clinton mit einem Kantersieg gewinnen, so deshalb, weil es ihr gelungen sein wird, weiße Katholiken für das demokratische Lager zurückzugewinnen. Diese Wähler werden auch in den traditionell unentschiedenen Wahldistrikten und Bundesstaaten, den so genannten „Swing Districts” und „Swing States“ eine Rolle spielen, welche letztlich die Zusammensetzung des Repräsentantenhauses und des Senats bestimmen.

 

Nachdem die Stimmen der Katholiken über ein Jahr lang ignoriert wurden, ist es erfreulich zu sehen, dass sie mittlerweile von den Medien wieder ernst genommen werden.

 

Fr. Thomas J. Reese sj

2014 wurde Pater Reese von Präsident Obama zum Mitglied der amerikanischen Kommission für Internationale Religiöse Freiheit ernannt. Im Juni 2016 wurde er für ein Jahr zum Präsidenten dieser Kommission gewählt.

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der amerikanischen Zeitschrift National Catholic Reporter veröffentlicht.

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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