Mittwoch 21. November 2018
#213 - März 2018

Ecclesia in Europa

Zum Ende seines Mandates als Präsident der ComECE blickt Kardinal Reinhard Marx zurück auf seine Erfahrungen und zeigt eine Leitlinie der Zusammenarbeit der Kirche in Europa auf: das gemeinsame Zeugnis der Kirche aus der Kraft des Evangeliums und zum Wohl der Menschen in Europa.

Schon recht kurz nach meiner Bischofsweihe 1996 war ich in Brüssel, um die Arbeit der ComECE kennen zu lernen. Besonders war dann für mich, als ich im April 2004 an der Wallfahrt nach Santiago de Compostela teilgenommen habe, die die ComECE aus Anlass der Erweiterung der Europäischen Union um zehn Staaten aus Mittel- und Osteuropa durchgeführt hat. Glücklich und dankbar über die endlich erreichte Zusammenführung von Ost und West gingen wir damals den alten europäischen Pilgerweg. Der Heilige Johannes Paul II. sprach von zwei Lungenflügeln, mit denen Europa atmen müsse. Damit hat er bildlich klargemacht, dass Ost und West aufeinander angewiesen sind und sich zu einem Ganzen zusammenfügen. Viele Menschen sprachen 2004 auch nicht von einer Osterweiterung der Europäischen Union, sondern von einer Wiedervereinigung Europas.

 

Wenn wir heute auf das Miteinander in Europa schauen, insbesondere das Miteinander von Ost und West, dann ist eine deutliche Ernüchterung eingetreten. Kritisch beäugen einander die Gesellschaften und die Politik in den unterschiedlichen Regionen Europas. Viele Westeuropäer kritisieren den Verlust von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in wichtigen Staaten Mittel- und Osteuropas. Viele Osteuropäer bezichtigen den Westen der Selbstaufgabe und der mangelnden Verwurzelung in christlichen Werten und verstehen die Europäische Union manchmal sogar als eine neue Fremdherrschaft.

 

In dieser Situation der politischen Anspannung und des gesellschaftlichen Unverständnisses füreinander hat die Kirche eine wichtige Rolle zu spielen. Sie ist Brückenbauerin zwischen Ost und West, zwischen Menschen und Meinungen. Insbesondere die Bischöfe sind aufgerufen, immer wieder solche Brücken zu bauen, das Gemeinsame zu suchen und im Dialog zu bleiben. Denn bei aller starken Verbundenheit mit unseren Ländern und Kulturen müssen wir als universale Kirche doch ein gemeinsames Zeugnis ablegen und können nicht nur in nationalen Kategorien denken. So trägt auch das Nachsynodale Schreiben von Johannes Paul II. aus dem Jahr 2004 eben den Titel „Ecclesia in Europa“, nicht „Ecclesiae in Europa“. Dies ist eine Verpflichtung für uns als Bischofskonferenzen in Europa.

 

Dass es auch auf der politischen Ebene die Kirche in Europa gibt und nicht Kirchen in Europa, dafür ist die ComECE der Garant. Sie bildet die Plattform, in der der Dialog zwischen den Bischofskonferenzen geführt wird. Vielleicht müssen wir das in Zukunft noch viel mehr verstärken. Die Arbeit der ComECE ist jedenfalls wichtiger denn je, wenn wir als Kirche gemeinsam zu den wichtigen gesellschaftlichen und sozialen Fragen Position beziehen wollen. Dazu hat uns auch Papst Franziskus bei seiner Rede 2014 im Europaparlament verpflichtet, als er „die Bereitschaft des Heiligen Stuhls und der katholischen Kirche“ betonte, „durch die Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen (COMECE) einen gewinnbringenden, offenen und transparenten Dialog mit den Institutionen der Europäischen Union zu pflegen.“ Ich habe mich in all den Jahren sehr gerne an diesem Dialog beteiligt und werde es weiter tun.

 

Dazu muss die Kirche in Europa aber auch hinreichend europapolitische Kompetenz haben. Dies gilt einerseits für inhaltliche Kompetenz, für die das Sekretariat der ComECE in Brüssel, aber auch das Engagement der einzelnen Bischofskonferenzen in europäischen Fragen so wichtig ist. Dies gilt andererseits aber auch für Strukturen: Die Bischofskonferenzen in Europa müssen sich fragen lassen, wie sich die Doppelstruktur der beiden europäischen Zusammenschlüsse ComECE und CCEE noch besser und fruchtbringender verbinden lässt. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Osterweiterung der EU von 2004 und die weiteren noch anstehenden Erweiterungsrunden.

 

Lassen wir uns als Kirche in Europa jedenfalls nicht auseinanderbringen, sondern gemeinsam Zeugnis ablegen, auch und gerade in den politischen und sozialethischen Fragen. Die katholische Kirche hat eine deutliche europäische Orientierung.

 

 

+ Kardinal Reinhard Marx

Präsident der COMECE

 

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