Freitag 20. Oktober 2017
#189 - Januar 2016

Ein europäisches Rahmenprogramm für die Palliativpflege

Angesichts des wachsenden Bedarfs an palliativer Versorgung ist ein besseres Verständnis ihrer ethischen Implikationen unerlässlich.

Der aktuelle Alterungsbericht der Europäischen Kommission für 2015 (The 2015 Ageing Report) geht davon aus, dass im Jahre 2060 in der EU28 der Bevölkerungsanteil der über 80-Jährigen von 5 % auf 12 % steigen wird, während die Gruppe der 15- bis 64-Jährigen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung schrumpfen wird; ihr Anteil wird nach dieser Prognose von 66 % auf 57 % sinken. Vor diesem Hintergrund sollte die steigende Nachfrage nach Palliativversorgung mit einem wachsenden Angebot an qualitativ hochwertigen Palliativleistungen einhergehen, die von besser ausgebildeten und speziell fortgebildeten Fachkräften erbracht werden. Darüber hinaus ist es unabdingbar, das Bewusstsein der Bevölkerung in Bezug auf den Zugang zu den Angeboten der Palliativversorgung zu stärken.

 

Was ist Palliativpflege?

Palliativpflege wird von der Weltgesundheitsorganisation definiert als ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, Einschätzen und Behandeln von Schmerzen sowie anderer belastender Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.” Besonderes Augenmerk verdient hier der letztgenannte Aspekt.

 

Die Kirche trägt der Bedeutung dieses Themas in besonderer Weise Rechnung. In seiner Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben, die im März 2015 stattfand und sich dem Thema „Altenpflege und Palliativmedizin” widmete, erklärte Papst Franziskus: „Die Palliativpflege ist Ausdruck der spezifisch menschlichen Fähigkeit, füreinander Sorge zu tragen, besonders für die Leidenden. Sie bezeugt, dass die menschliche Person immer wertvoll bleibt, auch dann, wenn sie von Alter und Krankheit gezeichnet ist.

 

Das Thema „Palliativpflege“ gewinnt derzeit auf EU-Ebene deutlich an Dynamik; so wirkt die Europäische Kommission gegenwärtig an einem europäischen Rahmenprogramm mit, das nicht nur die Anliegen ihrer Arbeitsgruppen zu den Themen Krebs, Demenz und seltene Krankheiten berücksichtigt, sondern auch die Schlussfolgerungen verschiedener Forschungsprojekte einschließlich eines gemeinschaftlichen, im Rahmen des EU-Gesundheitsprogramms geförderten Projekts, in dem europaweit die besten Verfahren in der Palliativversorgung identifiziert werden sollen (s. Europall-Projekt).

 

Im September 2014, während der italienischen Ratspräsidentschaft, kamen die EU-Gesundheitsminister zu einem informellen Treffen zum Thema Schmerztherapie und Palliativversorgung zusammen (s. diesbezügliche Dokumente); zuvor wurde eine Studie des EU-Parlaments zu diesem Thema veröffentlicht (Palliative care in the European Union); darüber hinaus wurden erst kürzlich mehrere „Anfragen zur schriftlichen Beantwortung“ von Mitgliedern des Europäischen Parlaments an die Kommission gerichtet.

 

Die Frage nach dem Sinn menschlichen Leids

Eine Beschäftigung mit der Palliativversorgung wirft wichtige ethische Fragen auf. Bereits die Begriffsbestimmung ist problematisch, und das gilt nicht nur für die Palliativpflege selbst, sondern auch für einige ihrer Bestandteile. Es muss unterschieden werden zwischen Palliativversorgung und anderen, das Lebensende betreffende Themen wie der Sterbehilfe. Die Tatsache, dass einige offizielle EU-Dokumente im Zusammenhang mit Palliativpflege tatsächlich auf „Sterbehilfe” Bezug nehmen, erscheint besorgniserregend.

 

Weitere relevante Aspekte, die es bei der Palliativpflege zu berücksichtigen gilt, betreffen die Beurteilung der klinischen Situation und der angemessene Zeitpunkt für die Einleitung von Palliativmaßnahmen, die Verhältnismäßigkeit und die Grenzen der Behandlung, die palliative Sedierung, die Ungleichheiten im Zugang zu qualitativ hochwertiger Versorgung sowie die Einbindung der Familie, um nur einige wenige zu nennen. Doch die wichtigste und grundlegende Frage ist anthropologischer Art und berührt den Sinn menschlichen Leids.

 

Im Rahmen des kirchlichen Lehramts gibt es vielfältige und fruchtbare Überlegungen, in denen diese Themen aus christlicher Sicht beleuchtet wurden. So heißt es beispielsweise in Paragraph 222 des Kompendiums der Soziallehre der Kirche: „Wenn ältere Menschen sich in einer Situation des Leids und der Abhängigkeit befinden, sind sie nicht nur auf medizinische Pflege und entsprechende Versorgung, sondern vor allem auf eine liebevolle Behandlung angewiesen.“

 

Die Kirche kann auch eine lange und beeindruckende Erfahrung bei der Pflege von Alten und Kranken in die europäische Debatte einbringen; man denke hier beispielsweise an die Arbeit der Barmherzigen Brüder vom Heiligen Johannes von Gott und vieler anderer Pflegeorden wie den Irish Sisters of Charity (Irische Schwestern der Barmherzigkeit) und den Bon-Secours-Schwestern.

 

Die COMECE-Arbeitsgruppe „Ethik in Forschung und Medizin“ hat bei ihrem Treffen im Oktober 2015 das Thema „Palliativpflege“ gründlich analysiert. Eine Stellungnahme zu diesem Thema wird derzeit ausgearbeitet.

 

Es bleibt zu hoffen, dass der von der Europäischen Kommission initiierte Prozess, der Anfang 2016 mit der Einleitung öffentlicher Konsultationen weitergehen soll, seinen krönenden Abschluss in der Ausgestaltung eines wissenschaftlich fundierten, sozialverträglichen und ethisch verantwortlichen europäischen Rahmenprogramms für die Palliativpflege finden wird.

 

José Ramos-Ascensão

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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