Mittwoch 15. August 2018
#210 - Dezember 2017

Gebete und Denkanstöße: der Beitrag der Christen zur Gewährleistung eines auf den Menschen ausgerichteten Europas

In ihrer Einführungsrede anlässlich einer Konferenz in der Brüsseler Kapelle für Europa sprach die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Mairead McGuinness, über den Beitrag des Glaubens zur europäischen Vision.

In seiner Abschiedsrede anlässlich seiner Amtsniederlegung erklärte der erste US-Präsident George Washington: „Von allen Ansätzen und Verhaltensweisen, die zu politischem Wohlergehen führen, sind Religion und Moral die unentbehrlichsten Elemente“.

 

Ich betone immer wieder, dass die EU auch ohne rechtliche Verpflichtung keine andere Wahl hat, als auf der Grundlage der guten Regierungsführung den Dialog mit den Kirchen und religiösen Gemeinschaften zu suchen. Man kann keine gute öffentliche Politik gestalten, die das Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger beeinflusst, ohne mit Letzteren in einen Dialog über die Themen einzutreten, die für sie von Belang sind. Es ist eine Tatsache, dass selbst in den am stärksten säkularisierten Gesellschaften einiger europäischer Länder die Religion nach wie vor eine wichtige Rolle im Leben von Millionen Europäerinnen und Europäern spielt.

 

Glaube und Vernunft arbeiten Hand in Hand

 

Vor kurzem war ich im Vatikan, um an einer bedeutenden, anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge gemeinsam von der COMECE und dem Heiligen Stuhl organisierten Konferenz mit dem Titel „Europa neu denken“ teilzunehmen. An den Diskussionen beteiligten sich auch Vertreter anderer christlicher Konfessionen – eine erfreuliche ökumenische Geste in diesem Jahr, in dem wir den 500. Jahrestag der Reformation feiern.

 

In den Kirchen kommen die Menschen bekanntlich zum Gebet zusammen. Umso schöner ist es, der Welt zu zeigen, dass Menschen in den Kirchen auch zum gemeinsamen Gedankenaustausch zusammenkommen. In Zeiten von Krisen und Nöten brauchen wir gewiss alle das Gebet, doch ist es der Kirche im Laufe der Geschichte auch immer gelungen, die klügsten Köpfe zusammenzubringen, um deren Talente in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Glaube und Vernunft müssen Hand in Hand arbeiten, so wie dies auch für religiöse und weltliche Instanzen gilt.

 

An der zweitägigen Konferenz im Vatikan nahmen Verantwortliche aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft teil, um über den Beitrag der katholischen Kirche zum europäischen Aufbauwerk nachzudenken und zu diskutieren und sicherzustellen, dass wir gemeinsam ein Europa erschaffen, das dem Wohle aller Europäerinnen und Europäer dient, ein Thema, das dem ähnelt, das wir für den heutigen Abend gewählt haben.

 

Die Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzten, lauteten beispielsweise: Wie können wir innerhalb der einzelnen EU-Mitgliedstaaten und zwischen ihnen Brücken bauen, welches Wirtschaftsmodell braucht Europa in einer sich verändernden Welt, wie steht es um die Demokratie in Europa?

 

Höhepunkt der Konferenz war die Abschlussrede von Papst Franziskus, der deutliche Worte zur Rolle der Christen fand und die Teilnehmer daran erinnerte, dass Europa keine Anhäufung von Zahlen und Institutionen sei, sondern aus Menschen bestehe. Zudem kritisierte der Papst jede Form von öffentlicher Ordnung, die vergisst, dass der Mensch stets im Mittelpunkt der Politik zu stehen hat. So betonte er: „Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen. Die konkrete menschliche Person wird so auf ein abstraktes Prinzip reduziert.“

 

Durch ihren Einsatz für die Armen, Obdachlosen, Hungernden und Migranten versuchen die christlichen Kirchen über rein technokratische Ansätze hinaus einen Beitrag zur Lösung der sozialen Probleme zu leisten. Sie sehen die Gesichter der Menschen, lächeln sie an und bemühen sich darum, auch ihnen trotz all ihrer Leiden ein Lächeln zu entlocken.

 

So schrieb Papst Benedikt XVI. in seinem Buch über Europa: „Die Politik ist nicht nur ein Ort, an dem man nach technischen Lösungen sucht, denn die Bestimmung eines jeden Staates und damit das ultimative Ziel jeder Politik ist moralischer Natur; mit anderen Worten, sie besteht in der Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit.“

 

Papst Franziskus strukturierte seine Rede rund um Begriffe wie „Person und Gemeinschaft“, „ein Ort des Dialogs“, „ein Raum der Solidarität“, „eine Friedensverheißung“ und „Seele Europas sein“.

 

Menschliche Politik

 

Vielleicht können wir von diesem menschlichen Blick auf Europa lernen, von diesem Ansatz, der das Denken der aufeinanderfolgenden Päpste und damit die allgemeine christliche Vision Europas wiederspiegelt. Wenn die Kirchen das europäische Projekt immer unterstützt haben, dann, weil sie der Überzeugung sind, dass es das Leben der Menschen verbessern kann. Papst Franziskus unterstrich: „Person und Gemeinschaft sind also die Fundamente des Europas, zu dessen Aufbau wir als Christen beitragen wollen und können. Die Mauersteine dieses Baus heißen: Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden“.

 

 

Ich unterstütze diese Sichtweise voll und ganz und bin überzeugt, dass im gleichen Maße, in dem die Christen vor über 60 Jahren in den Personen der Gründungsväter eine Schlüsselrolle beim Aufbau des europäischen Projekts gespielt haben, auch heute das Engagement der Christen für dieses Aufbauwerk gefordert ist. Die Christen sind ein Volk der Hoffnung. Die Europäische Union ist immer wieder mit Krisen konfrontiert und ihre Bürger müssen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können.

 

Der verstorbene Papst Johannes XXIII. widersprach in seiner Eröffnungsrede des Zweiten Vatikanischen Konzils den, wie er sie nannte, „Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen“. Weiter sagte er, die Christen sollten „gleichzeitig jedoch auch der Gegenwart Rechnung tragen und auf die gewandelte Lage und die neuen Lebensformen, die in die moderne Welt Eingang gefunden haben und die dem apostolischen Auftrag neue Wege geöffnet haben, eine Antwort geben“.

 

Mairead McGuinness

Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

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