Donnerstag 14. Dezember 2017
Januar Ausgabe #200

Entvölkerung des ländlichen Raums – Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter

Als Antwort auf die immer lauter werdenden Forderungen nach einer Generalüberholung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) haben Europaabgeordnete vor Kurzem für Maßnahmen zur Unterstützung von Kleinerzeugern gestimmt. In diesem Artikel lässt Umweltjurist Henry Longbottom SJ (JESC) in einer Debatte über die öffentliche Förderung landwirtschaftlicher Tätigkeiten eine Reihe unterschiedlicher Stimmen zu Wort kommen.

Wohl kaum jemand würde die Bedeutung der Landwirtschaft für die europäische Identität in Frage stellen. Wenn unsere Landschaften bunten Flickenteppichen ähneln, so ist dies eine Folge jahrhundertelanger behutsamer Interaktion zwischen Mensch und Natur. Seit Urzeiten nährt das Land Körper und Seele der Menschen gleichermaßen. Allerdings sind wir uns auch seit einiger Zeit sehr wohl der Tatsache bewusst, dass eine verantwortungsvolle Nutzung unserer landwirtschaftlichen Flächen nicht nur die Wasserqualität sichert, sondern auch Überschwemmungsrisiken mindert und zum Schutz wild lebender Tiere beiträgt.

 

Landflucht

Aber der europäische Agrarsektor befindet sich in einer Krise. Für Landwirte wird es zunehmend schwieriger, von ihrem Land zu leben. Dies zeigen auch aktuelle Statistiken. In den 1960er Jahren war noch ein Fünftel der europäischen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig; heute liegt der Anteil bei unter 4 %. Zwischen den Jahren 2000 und 2012 gingen etwa 4,8 Mio. Arbeitsplätze im europäischen Agrarsektor verloren, wobei die Gruppe der unter 35-Jährigen am stärksten betroffen ist. Auf diese Altersgruppe entfallen derzeit nur 6 % der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Um es kurz und knapp zu sagen: Der ländliche Raum leidet unter einer regelrechten Bevölkerungsimplosion.

 

Angesichts dieser trostlosen Situation mehren sich die Stimmen derjenigen, die eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) – eines Programms, das happige 40 % des EU-Jahresbudgets verschlingt – fordern. Trotz ihrer enormen Ausgaben stößt die GAP europaweit bei Landwirten auf große Unzufriedenheit. Es ist bezeichnend, dass trotz der Tatsache, dass mehr als die Hälfte des Einkommens eines durchschnittlichen Bauernhofs in Großbritannien aus GAP-Subventionen stammt, englische und walisische Landwirte mit großer Mehrheit für den Brexit gestimmt haben.

 

Klein, aber fein?

Diese Unzufriedenheit erklärt sich vor allem dadurch, dass kleinere und arbeitsintensivere Betriebe unter der Fokussierung der GAP auf die Nahrungsmittelproduktion leiden. Man geht davon aus, dass zwischen 2005 und 2010 mehr als 2,5 Mio. bäuerliche Kleinbetriebe aufgegeben wurden. Kritiker bemängeln, dass die EU im Endeffekt Großbetriebe finanziell unterstützt, und verweisen darauf, dass 10 % der größten landwirtschaftlichen Betriebe fast 75 % der GAP-Zahlungen erhalten.

 

Hier betritt nun der sozialistische Europaabgeordnete Éric Andrieu aus Frankreich die Bühne. Andrieu zeichnet verantwortlich für den „Bericht über die Frage, wie mit der GAP die Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten verbessert werden kann”. Als führender Kritiker der Fixierung der EU auf externe Wettbewerbsfähigkeit fordert Andrieu, dass der alarmierende Aderlass junger Menschen in der Landwirtschaft gestoppt werden müsse.

 

Sein Bericht, der von den EU-Parlamentariern am 27. Oktober 2016 mit knapper Mehrheit angenommen wurde, präsentiert eine ganze Palette von Vorschlägen, einschließlich Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Ausbildung von Junglandwirten, finanzieller Hilfen für Neulandwirte und einer gerechteren Verteilung von Direktzahlungen an Landwirte. Kleinbetriebe sollten bei der Vergabe von Fördermitteln bevorzugt werden, und Besitzern landwirtschaftlich nutzbarer, aber nicht bewirtschafteter Flächen sollten keine Direktzahlungen mehr gewährt werden. Die Europaabgeordneten befürworteten auch Maßnahmen, die darauf abzielen, kürzere Versorgungsketten zu schaffen und die ökologische Nahrungsmittelproduktion auszuweiten.

 

Die GAP: Ein Koloss, der erschlagen werden muss?

Während Andrieus Vorschläge auf der Annahme basieren, dass die GAP so reformiert werden kann, dass Kleinerzeuger von einer gerechteren Verteilung der Agrarsubventionen profitieren, schlagen andere die gänzliche Abschaffung des in ihren Augen schon im Ansatz fehlerhaften und unreformierbaren „Kolosses“ vor.

 

Dies ist auch die Ansicht von Professor Dieter Helm, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Oxford. Laut Helm ermöglicht der Brexit dem Vereinigten Königreich, seine Agrarpolitik von Grund auf neu zu gestalten und dabei aus den Fehlern der GAP zu lernen. Auch wenn Helm eigentlich in der ökonomischen Tradition der freien Marktwirtschaft steht, so ist er sich dennoch im Klaren darüber, dass landwirtschaftliche Tätigkeiten nie ohne öffentliche Unterstützung auskommen werden. Gleichzeitig vertritt er die Auffassung, dass öffentliche Gelder Anreize zur Förderung „öffentlicher Güter“ – wie er sie nennt – bieten sollten, anstatt lediglich die Nahrungsmittelproduktion zu subventionieren. Eine öffentliche Debatte über die Frage, was als „öffentliches Gut” gelten soll, ist seines Erachtens notwendig; dabei würde sicherlich auch dem ökologischen Wert und dem Erholungswert des nicht-urbanen Raums Rechnung getragen werden.

 

Mehr als nur Erträge

Trotz ihrer unterschiedlichen methodischen Ansätze sind sowohl Helm als auch Andrieu der Auffassung, dass das „Kapital” des ländlichen Raums weit mehr als nur der finanzielle Wert der von Landwirten produzierten materiellen Güter ist. Beide kritisieren die Europäische Wirtschaftspolitik, die den Wert des ländlichen Raums lediglich über seinen wirtschaftlichen Nutzen definiert. Die GAP übersieht die wichtige Rolle, die Kleinbetriebe bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und beim Schutz traditioneller Kulturlandschaften spielen. Gemäß Andrieu und Helm sollten öffentliche Gelder – sowohl bei Subventionen als auch bei Anreizen zur Förderung „öffentlicher Güter“ – im Sinne eines größeren gesellschaftlichen Nutzens und einer ökologischer Nachhaltigkeit eingesetzt werden, und nicht nur zur Belohnung der Nahrungsmittelproduktion.

 

An dieser Stelle lohnt es sich, auf eine dritte Person hinzuweisen, die ebenfalls einen wertvollen Beitrag zu dieser Debatte leisten kann. Papst Franziskus hat schon oft auf die Gefahren eines Wirtschaftssystems verwiesen, das – insbesondere im Agrarsektor – Großbetriebe mit industrieller Massenproduktion begünstigt. In seiner Enzyklika Laudato Si macht er daher deutlich, dass die Verantwortungsträger „das Recht und die Pflicht [haben], Maßnahmen zu ergreifen, um die Kleinproduzenten und die Produktionsvielfalt klar und nachdrücklich zu unterstützen“ (LS, 129). In der philosophischen Sprache der Enzyklika sind derartige Maßnahmen erforderlich, um einen zerstörerischen instrumentellen und technologischen Umgang mit der Umwelt zu verhindern, aber auch, um Beschäftigungsmöglichkeiten zu schützen: „Seit unserer Erschaffung sind wir zur Arbeit berufen“ (LS, 128).

 

Aus jeder dieser unterschiedlichen Stimmen, die für eine Reform der Agrarpolitik eintreten, können wir den Wunsch heraushören, den ländlichen Raum als facettenreiches Gemeingut anzuerkennen. Die „Ernte“ besteht nicht nur aus Erträgen, sondern auch aus dem intrinsischen Wert des Landes und dem intrinsischen Wert seiner Arbeiter.

 

Henry Longbottom

JESC (Europäisches Sozialzentrum der Jesuiten)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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