Dienstag 26. September 2017

Europa neu denken

Unter Teilnahme von Papst Franziskus organisiert die COMECE Ende Oktober im Vatikan den Rom-Dialog zur Zukunft der Europäischen Union.

Am Anfang der europäischen Einigung war die Idee. 1923 schrieb Richard Coudenhove-Kalergi sein programmatisches Buch „Pan-Europa“, in dem er einen europäischen Staatenbund von Polen bis Portugal vorschlug. Jacques Maritain entwickelte 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, die Vision eines föderalistischen Europas auf christlichem Fundament. Prophetisch sagte er voraus: „Ein föderalistisches Europa kann nur leben durch den Geist des Christentums. Es ist offenkundig, dass alle großen Ideale verraten werden können; aber es ist ebenso klar, dass die Hoffnung auf dieses Ideal die einzige ist, die uns noch bleibt. Und es sind Anzeichen genug vorhanden, um mit Recht behaupten zu können, dass die Hoffnung Wirklichkeit wird, trotz aller Fehlschäge und Armseligkeiten, die mit menschlichen Dingen nun einmal verbunden sind, und vielleicht auch trotz eines immer wieder von neuem Anfangenmüssens.“

 

Zu den Visionären eines geeinten Europas zählt auch der vor kurzem verstorbene frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. 2012 schrieb er: „Meine Vision für Europa war und bleibt die Vision der Gründerväter Europas: Es ist die Vision des geeinten Europas, das heißt eines immer engeren Miteinanders auf unserem Kontinent.“ Jean-Claude Juncker bezeichnete ihn bei dem europäischen Trauerakt im Europaparlament von Straßburg als einen deutschen aber auch einen europäischen Patrioten. Der frühere US-Präsident Bill Clinton sagte, Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit mehr gilt als Konflikt: „Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand dominiert.“ EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani hob hervor: „Stets und überall verteidigte er die Würde des Menschen gegen Mauern, gegen eiserne Vorhänge und gegen totalitäre Regime.“

 

In diese weite Perspektive schreibt sich der Rom-Dialog ein, den die Comece zusammen mit dem Heiligen Stuhl vom 27. bis zum 29. Oktober 2017 anläßlich des 60. Jahrestag der Römischen Verträge im Vatikan organisiert. Er steht unter dem Thema: „(Re)Thinking Europe. Ein christlicher Beitrag zur Zukunft der Europäischen Union.” 350 Teilnehmer aus Kirche und Politik werden (neu) über die Herausforderungen der EU heute nachdenken.

 

Kürzlich wurde auf einer Dialogveranstaltung zwischen den Kirchen und der Europäischen Kommission zum Weißbuch über die Zukunft der EU bemängelt, daß die hier nur bis 2025 in den Blick genommene Perspektive viel zu kurz sei. Die Gründerväter der europäischen Einigung hätten in Zeiträumen von mehreren Jahrzehnten vorausgedacht.

 

Ähnlich argumentierte ein im Frühjahr 2011 in der französischen Kulturzeitschrift „Esprit” erschienener Artikel unter der Überschrift „Les labyrinthes du politique” – „Die Labyrinthe der Politik”. Darin wird zwischen zwei unterschiedlichen Zeitlichkeiten in der Politik unterschieden: eine kurzfristige Zeitlichkeit, die der Diktatur der Dringlichkeit und dem Druck der Wahlen und der Medien gehorcht, und eine langfristige Zeitlichkeit, die die großen politischen Probleme des Klimawandels, der öffentlichen Schulden, der globalen Ungleichheit und der demographischen Herausforderung aufgreift. Der Autor: Emmanuel Macron, heutiger Präsident Frankreichs.

 

Die Kirche denkt aufgrund ihrer langen Geschichte und ihrer politischen Unabhängigkeit seit jeher in einer langfristigen Zeitlichkeit. Natürlich kann man fragen, was die vielen Reflexions- und Diskussionsveranstaltungen zur Zukunft Europas realpolitisch letztlich bringen. Der deutsche Kulturphilosoph Georg Simmel (1858-1918) vertrat: „Es ist nie was in der Welt so gekommen, wie die Propheten und Führer meinten und wollten, aber ohne die Propheten und Führer wäre es überhaupt nicht gekommen.“ Das trifft auch auf die Geschichte und die Zukunft der Europäischen Union zu.

 

  Martin Maier SJ

JESC

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Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

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