Samstag 24. Juni 2017

Europa, sein Gedächtnis und seine Zukunft

Am 25. März haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Rom getroffen, um den 60. Jahrestag der Römischen Verträge zu feiern und einen neuen Prozess der Reflexion über die Zukunft der EU der 27 in Gang zu setzen.

Veranstaltungen dieser Art wohnt immer die Gefahr inne, die Vergangenheit zu verklären. Victoria Martín de la Torre hat in ihrem Artikel in der Märzausgabe 2017 von Europe-Infos gezeigt, dass die Römischen Verträge bei weitem nicht den eigentlichen Plan widerspiegelten, sondern ein Versuch waren, „eine dahinsiechende Gemeinschaft mit etwas Sauerstoff zu revitalisieren“. Die Geschichte der Europäischen Union ist die Geschichte von Krisen und ihrer Überwindung.

 

Papst Franziskus hat in seiner Rede zu Verleihung des Karlspreises im Juni 2016 eine andere Weise des Erinnerns angeregt. Mit Blick auf die Ursprünge der Europäischen Union sprach er von einer „Transfusion des Gedächtnisses“. Er bezog sich dabei auf den kürzlich verstorbenen Elie Wiesel, den großen Zeugen der Shoah. Elie Wiesel ist als junger Mann durch die Hölle von Auschwitz gegangen. Dort war sein Vater ermordet worden.

Nach zehn Jahren des Schweigens begann Elie Wiesel über seiner Erinnerungen zu schreiben. Das Erinnern kann verhindern, die Vergangenheit, ihre Fehler und Verbrechen zu wiederholen. Die Erinnerung ist eine minimale Form der Gerechtigkeit gegenüber den Opfern. Als schöpferische Treue gegenüber den Ursprüngen kann die Erinnerung auch zukunftsgerichtet sein.

 

Die „Transfusion des Gedächtnisses“ erinnert an die Bluttransfusion. Es gehört zu den Wundern der menschlichen Biologie, daß Blut von einem Organismus in einen anderen übertragen werden kann, in diesem zirkuliert und ihm neues Leben gibt. In diesem Sinn ist die Transfusion des Gedächtnisses nicht als bloße Erinnerung zu verstehen, sondern als ein schöpferischer Akt. Ziel dieser Transfusion des Gedächtnisses ist für Papst Franziskus ein neuer europäischer Humanismus, der bestimmt ist von der Fähigkeit zur Integration, zum Dialog und zur Kreativität.

 

Der Papst erinnerte dabei an die Gründerväter Europas, die es verstanden, „in einem von den Wunden des Krieges gezeichneten Umfeld nach alternativen, innovativen Wegen zu suchen“. Sie einigten sich darauf, ihre Konflikte am Verhandlungstisch und nicht mehr auf dem Schlachtfeld zu lösen. Auf Jahrhunderte von Kriegen folgten sieben Jahrzehnte Frieden. Bei allen Schwierigkeiten droht diese weltgeschichtliche Errungenschaft aus dem Blick zu geraten.

 

Die EU heute ist nicht mehr mit den Anfängen der sechs Gründerstaaten zu vergleichen. Doch der Geist, der zur Gründung der EU geführt hat, ist derselbe. In einer analogen Weise geht es darum, heute aus dem Geist der Versöhnung, der Solidarität und des Friedens die Idee Europas zu aktualisieren. Wichtige aktuelle Prüfsteine sind die Aufnahme und die Integration der Flüchtlinge, und im Blick auf den gefährlichen Klimawandel die Gestaltung eines nachhaltigen und zukunftsfähigen Produktions- und Konsummodells.

 

Die Aktualisierung der Idee Europas ist auch das Ziel des Weissbuchs zur Zukunft Europas, das Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Anfang März vorgelegt hat. Er möchte damit einen Prozess anstoßen, in dem Europa selber über seinen Weg in die Zukunft entscheidet. Dabei soll es um neue Antworten auf die alte Frage gehen: „Welche Zukunft wollen wir für uns, unsere Kinder und unsere Union?“ Europe-Infos wird sich in den kommenden Monaten mit einer Reihe von Beiträgen aus christlicher Perspektive an dieser Debatte beteiligen.

 Martin Maier SJ

 JESC

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Agenda

> 6. Juni
Die EU-Kommission wird zusammen mit dem EMCDDA den Europäischen Arzneimittelbericht 2017 veröffentlichen, mit einer umfassenden Analyse der jüngsten Entwicklungen der Arzneimittelsituation in Europa.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll das Diskussionspapier zur Zukunft der Europäischen Verteidigung bis 2025 veröffentlichen.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll die Mitteilung zur “Stärkung der Resilienz in Drittstaaten” veröffentlichen als Teil der Umsetzung der Globalen Strategie der EU  
 
> 15.-16. Juni
Eine hochrangige Veranstaltung über die EU-Arktis-Politik wird in Oulu, Finnland, stattfinden.

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