Sonntag 22. April 2018
#214 - April 2018

Europa und Israel – Austausch zwischen einem Rabbiner und einem Diplomaten

Der israelisch-palästinensische Konflikt bleibt weiterhin ein Schlüsselelement im Unruheherd Naher Osten.

Dies ist die Aussage des Buches „Europe et Israël : deux destins inaccomplis“, (Europa und Israel: zwei unvollendete Schicksale), Frucht der Zusammenarbeit zwischen dem Rabbiner David Meyer, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, und dem ehemaligen EU-Diplomaten Bernard Philippe. Das Buch knüpft an die gemeinsame Geschichte zwischen Europa und Israel an und fragt, ob nicht jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, das Wagnis einzugehen, diese Geschichte neu zu gestalten, ein neues Gewand zu weben und damit eine neue Schicksalsgemeinschaft im Dienste des Friedens zu schaffen.

 

Gewalt in Frieden verwandeln

 

Im ersten Teil mit dem Titel „Europa und Israel: zwei unvollendete Schicksale“ verweist Bernard Philippe auf die dringende Notwendigkeit eines neuen europäischen Engagements, das jedoch eine andere Form als bislang haben müsste. Europa muss seine Beziehungen zu Israel überdenken, ohne dabei die eigenen Grundlagen weiter auszublenden. Es sollte somit das teilen, was es tief in sich trägt: seine Erfahrung, Gewalt in Frieden umzuwandeln, eine Erfahrung, die das Wesen seines eigenen Aufbaus ausmacht. Diese Erfahrung des Friedens steht am Ende jahrhundertelanger blutiger und unaufhörlicher Kämpfe in Europa, die in Millionen von Opfern des Zweiten Weltkriegs und in der Vernichtung der europäischen Juden in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ihren Höhepunkt fanden.

 

Ein derartig radikaler Wandel war nur über den Weg des Rechts – des Gesetzes – und die Schaffung gemeinsamer Institutionen möglich. Und damit stellt sich eine Frage, die alle Überlegungen durchdringt: Kann das, was Europa in die Lage versetzt hat, sein eigenes Schicksal umzukehren, zum Schlüsselelement einer europäischen politischen und philosophischen Reflexion mit Blick auf den bislang unlösbaren Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern werden? Es liegt hier eine spezielle, nur Europa eigene Komponente vor, ein Schlüsselelement, das weder die Amerikaner noch die arabischen Länder oder Russland beitragen können, das aber für den Frieden im Nahen Osten unerlässlich ist. Unverzichtbar auch für den Aufbau eines Europas, dessen Geschichte noch nicht geschrieben ist.

 

Eine rabbinische Reflexion über Israel

 

Im zweiten Teil des Buches mit dem Titel „Israël: tout autre chose“(Israel: eine ganz andere Sache) veranschaulicht David Meyer den hohen Preis, den das jüdische Denken angesichts seiner eigenen Ausweglosigkeit in der Bekräftigung seiner bedingungslosen Beziehung zu Israel zahlt. In seiner Unfähigkeit, eine Lesart der Geschichte zu finden, mit der eine religiöse Vision von Israel das jüdische Volk zusammenbringen und eine Dynamik des Friedens in der Region entstehen könnte, versinkt die jüdische Tradition zunehmend in der Illusion eines messianischen und mystischen Denkens mit Blick auf den jüdischen Staat, der das Heilige Land und die jüdische Souveränität, seine Armee und seinen Staatsapparat vergöttlicht. Nach Ansicht des Autors sind diese Überzeugungen eine Art Schutzschild vor den Unsicherheiten der Gegenwart. In Wirklichkeit aber sperren sie Israel in eine Logik des territorialen Besitzes ein, die Gewalt und Segregation rechtfertigt, die keine lebensfähige Zukunftsvision in sich birgt und damit die geistige Lebendigkeit des Judentums zerstört.

 

Sollte das Judentum angesichts dieses Scheiterns und dieser ausweglosen Lage nicht das Wagnis eingehen, im Lichte der europäischen Kühnheit, aber auch seiner eigenen früheren Courage, eine rabbinische Reflexion über Israel radikal neu zu formulieren, fernab der üblichen Ansätze, die heute die jüdischen Gemeinschaften untergraben? Wie könnte eine solche innovative und mutige jüdische Vision Israels aussehen? Die Autoren wollen in diesem Kapitel den Grundstein für ein Umdenken der jüdischen und rabbinischen Theologie mit Blick auf den Staat Israel, insbesondere für eine theologische Akzeptanz eines binationalen (und nicht mehr nur jüdischen) Staates Israel durch das Judentum und das jüdische Volk legen. Denn dies scheint ein unverzichtbarer Schlüssel für jede zeitgenössische Reflexion über Israel, Palästina und den Nahen Osten zu sein.

 

Im dritten Kapitel mit dem Titel „Le retour de Jethro sur la scène du conflit israélo-palestinien“ (Die Rückkehr Jethros auf die Bühne des israelisch-palästinensischen Konflikts) knüpfen die Autoren ausgehend von der Figur des Jethro (Schwiegervater von Moses, der im Judentum als Begründer des Rechtswesensgilt) eine Verbindung zwischen vermeintlichen Gegensätzen, dem jüdischen Gesetz und dem internationalen Recht und skizzieren damit die Voraussetzungen für die Entstehung einer kreativen Spannung zwischen Recht und Gesetz im Dienste des Friedens.

 

Martin Maier SJ

JESC

 Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Europe et Israël : deux destins inaccomplis, regards croisés entre un rabbin et un diplomate“ (Europa und Israel: zwei unvollendete Schicksale, Austausch zwischen einem Rabbiner und einem Diplomaten), Editions Lessius, 2017.

 

 

 

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