Mittwoch 19. September 2018
#215 - Mai 2018

Europäisches Gedenken: Zur Integration unserer gemeinsamen Vergangenheit

2018 wird von einer Reihe von Gedenkveranstaltungen zum Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren geprägt. Damit die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht schwindet, ist es unabdingbar, sich der Lücken in einem kollektiven europäischen Bewusstsein anzunehmen – so der EU Botschafter beim Heiligen Stuhl Jan Tombinski.

Geschichte wird zumeist von Siegern geschrieben, doch die Erinnerung der Opfer an widerfahrenes Leid hält jahrhundertelang an und trägt zur Identitätsstiftung bei. Wenn vergangenes Leid nicht öffentlich thematisiert wird, kommt dies oft populistischen und anti-europäischen Bewegungen zugute, die mit Stereotypen und Ideen agieren, die auf einer bestimmten Darstellung der Vergangenheit und der daraus abgeleiteten moralischen Wertung gründen.

 

Trotz aller Investitionen in Bildung, in den allgemeinen Zugang zum Wissen und in die globale Verbreitung von Forschungsergebnissen wirkt die Vergangenheit spalterisch. Eine unüberwindbare und kontrovers interpretierte Vergangenheit könnte eine gemeinsame Zukunft gefährden.

 

Eine Asymmetrie zwischen Ost und West

 

Seit Ende des Ersten Weltkrieges hat es in den Ländern des europäischen Kontinents ganz unterschiedliche Nationalgeschichten gegeben. Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges wurden daher auch unterschiedlich in den jeweiligen Bildungssystemen erklärt und in öffentlichen Diskussionen interpretiert, und zwar mit dem Ziel, die eigene nationale Identität – oft auf Kosten anderer – zu stärken, und nicht in der Absicht, Feindseligkeiten der Vergangenheit zu überwinden. Die deutsch-französische Rivalität prägte die westliche Geschichtserzählung, während in Mittel- und Osteuropa die Bedrohung durch die Bolschewiken und die kommunistische Revolution die Vermittlung von Geschichte dominierten. Künstlerische Darstellungen haben die kollektive Erinnerung überzeugender und eindrucksvoller eingefangen als Geschichtsbücher und reine Fakten.

 

Eine deutliche Asymmetrie in der Darstellung des Ersten Weltkrieges in europäischen Ländern war leicht auszumachen. Verdun, Ypern oder die Marne waren Kindern in Ländern, die weit weg von der deutsch-französischen Front lagen, besser bekannt als Fakten aus derselben Zeit über die eigene Heimatstadt, -region oder -nation, und die westlichen Länder interessierten sich nicht für die Folgen und das Leid des Krieges im Osten.

 

In Mitteleuropa führte das Ende des Ersten Weltkrieges zur Entstehung bzw. Wiederherstellung mehrerer Staaten und zum gleichzeitigen Verschwinden dreier großer Imperien auf dem Kontinent, wobei über den Grenzverlauf in den darauffolgenden Jahren weiterhin gestritten wurde. Neue Mythen ersetzten die frische Erinnerung an den Krieg; diese Erinnerung wurde in den Familiengeschichten und Archiven, auf Friedhöfen, Denkmälern und in Ruinen wachgehalten.

 

Darüber hinaus gab es in Mitteleuropa keine eindeutige „Hoheit“ über die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, da der Krieg zwischen früheren Imperien geführt worden war und als nunmehr irrelevant für das Schicksal der neu gegründeten Staaten erachtet wurde. Menschen und Landstriche waren von kriegsbedingten Wunden und Leid gezeichnet, doch all dies wurde als Teil der Geschichte vergangener politischer Gebilde betrachtet. Viele Fronten des Ersten Weltkrieges verschwanden somit aus der kollektiven Erinnerung.

 

Instrumentalisierung des Gedenkens

 

Um zu verhindern, dass Ereignisse der Vergangenheit missbräuchlich instrumentalisiert werden und dabei Emotionen in Bezug auf das individuelle oder kollektive Leid geschürt werden, sollte in Europa der Erinnerungskultur größere Aufmerksamkeit gewidmet werden, damit die gemeinsame Zukunft nicht aufs Spiel gesetzt wird. Denn eine falsche Geschichte ist die Meisterin einer falschen Politik, wie schon vor 200 Jahren der berühmte polnische Historiker Józef Szujski erkannte.

 

Jede Gesellschaft, jede Person möchte am liebsten entweder von der eigenen Vergangenheit als einer glorreichen Zeit sprechen oder aber unter Verweis auf den eigenen Opferstatus Ansprüche geltend machen, die auf dem „moralischen Recht” auf Entschädigung für in der Vergangenheit erlittene Wunden und erlittenes Leid basieren. Eine umfassende Kenntnis des Sachverhalts zeigt jedoch, dass Schwarz-Weiß-Denken niemals richtig ist und dass die Geschichte jeder Nation glorreiche und weniger glorreiche Seiten enthält.

 

In seiner Rede in Krakau am 28. Juli 2016 widmete sich Papst Franziskus der Frage verschiedener Erinnerungskulturen: „Im täglichen Leben jedes Einzelnen wie jeder Gesellschaft gibt es jedoch zwei Arten von Erinnerung: die gute und die schlechte, die positive und die negative." Wenn man eine zukünftige friedliche Koexistenz anstrebt, ist ein behutsamer Umgang mit den Feindseligkeiten der Vergangenheit erforderlich, wobei weder Erinnerungsverlust noch bewusstes Weglassen der richtige Weg sind.

 

Vergangene Jahrzehnte haben uns gezeigt, wie leicht die Dämonen der Vergangenheit zurückkehren und neue Konflikte entfachen können. Die Balkankriege in den 1990er-Jahren sind ein lehrreiches Beispiel für das Wiederaufleben feindseliger Einstellungen, die durch Unachtsamkeit beim Umgang mit den Wunden und Streitigkeiten aus einer gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit angefacht werden. In einigen EU-Staaten dient die Vergangenheit als Mittel, stereotype Bilder eines äußeren Feindes zu kreieren, um mit Hilfe einer nationalistischen Geschichtsschreibung die eigene politische Macht im Land zu festigen.

 

Zur Integration unserer gemeinsamen Vergangenheit

 

In welchem Ausmaß sich europäische Nationen aneinander versündigt haben, lässt sich in keiner Weise ermessen. Der europäische Kontinent war jahrhundertelang ein Schlachtfeld, das sich in alle Himmelsrichtungen und über alle möglichen Trennungslinien hinweg erstreckte. In den vergangenen siebzig Jahren haben die europäischen Länder in zunehmendem Maße gezeigt, dass sie Lehren aus der Geschichte gezogen haben und für sie eine militärische Konfrontation nicht mehr der Weg zur Lösung von Interessenkonflikten ist. Integrationsinstrumente haben dazu beigetragen, dass ein neues Kapitel von sich versöhnenden Nationen aufgeschlagen werden konnte.

 

Damit die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht schwindet, ist es unabdingbar, sich der Lücken in einem kollektiven europäischen Bewusstsein anzunehmen. Eine gemeinsame Zukunft kann aber nur dann gelingen, wenn dieser erste Schritt untrennbar mit einem zweiten verbunden ist: dem Prozess „der Integration einer gemeinsamen Vergangenheit”, basierend auf Bildung und dem gegenseitigen Respektieren der Unterschiede. Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Eingeständnis der eigenen Schuld. Man muss die Geschichte seiner eigenen Nation, seiner eigenen Gemeinschaft und seiner eigenen Familie anhand möglichst objektiver Fakten und im Lichte moralischer Kriterien überprüfen, damit man sich mit seiner eigenen Vergangenheit versöhnen und mit der der anderen auseinandersetzen kann. Versöhnung und gegenseitiges Vergeben könnten in einem letzten, auf dem Verständnis für den Sinn von Vergebung beruhenden Schritt folgen.

 

Jan Tombinski

Botschafter der Europäischen Union beim Heiligen Stuhl

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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