Samstag 26. Mai 2018
#211 - Januar 2018

Europäisches Jahr des Kulturerbes und die Kirche

Die Europäische Kommission hat für 2018 ein „Europäisches Jahr des Kulturerbes“ ausgerufen. Das erinnert an den Jean Monnet zugeschriebenen Satz: „Wenn man alles noch einmal machen müßte, würde ich mit der Kultur anfangen.“

Monnet hat das so nie gesagt. In Wirklichkeit hat Europa mit der Kultur angefangen, und zwar in Verbindung mit seiner Christianisierung. Dafür steht das Europa der Klöster im ersten Jahrtausend, die Zentren der Kultivierung und der Zivilisation waren. Dafür steht das Europa der Universitäten im Mittelalter, die einzigartige Foren des wissenschaftlichen Austauschs und der Begegnung waren. Dafür steht das Europa der Aufklärung, wo die länderübergreifende geistige Interaktion so lebendig war wie nie.

 

Stefan Lunte hat in einer früheren Ausgabe von Europe Infos zurecht das geistig-religiöse Erbe als den Grundpfeiler des europäischen Kulturerbes bezeichnet. In der Präambel des Vertrags über die Europäische Union (EUV) heißt es, dass die Unterzeichner aus dem „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas schöpfen“.

 

Die kulturelle Vielfalt ist eine der größten Ressourcen Europas. Gegen die neuen Identitätsdiskurse kann das Europäische Jahr des Kulturerbes zeigen, dass das Fremde, das Andersartige nicht eine Bedrohung unserer Identität, sondern eine Bereicherung ist. Das gilt für alle Bereiche von Kultur und Kunst. So ist beispielsweise das musikalische Werk von Georg Friedrich Händel die Frucht einer schöpferischen Synthese der deutschen, italienischen und englischen Musiktradition. Ohne den fast zweijährigen Aufenthalt des jungen Händel in Italien würde sein „Messias“ sicher nicht so klingen, wie wir ihn schätzen und lieben.

 

Zur Vielfalt Europas gehört auch seine Vielsprachigkeit, in der seine wahre Einheit begründet ist. Umberto Eco drückte es so aus: „Die Sprache Europas ist die Übersetzung.“ Das wird im Europäischen Parlament erfahrbar, wo jedes Mitglied in seiner Muttersprache reden kann. Nicht hoch genug zu schätzen ist die Arbeit der Dolmetscher, die die Beiträge in die verbleibenden 23 offiziellen EU-Sprachen übersetzen.

 

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in seiner großen Europa-Rede in der Sorbonne im September des vergangenen Jahres die Einrichtung von zehn vollwertigen europäischen Universitäten vorgeschlagen. Wäre auch die Gründung einer europäischen katholischen Universität vorstellbar? Zumindest könnte man nach Wegen suchen, die bestehenden europäischen katholischen Universitäten besser untereinander zu vernetzen.

 

Macron erklärte auch seine Absicht, die Erasmus-Programme weiter auszubauen, damit mindestens die Hälfte der jungen Menschen in Frankreich bis zu ihrem 25. Lebensjahr sechs Monate in einem europäischen Land verbracht hat. Auch hier gäbe es im Netzwerk der katholischen Schulen und Internate in Europa noch viele Potentiale, Austausch und Kooperation zu intensivieren.

 

Bereits 1983 stellte Milan Kundera fest, daß für Polen, Tschechen oder Ungarn der Begriff Europa keine geographische, sondern eine geistige Konnotation hat. Die Förderung des kulturellen Austauschs zwischen Ost und West in diesem Jahr des Kulturerbes könnte dazu beitragen, die neu aufgerissenen politischen Gräben zu überbrücken.

 

Martin Maier SJ

JESC

 

Auf der Internetseite der Europäischen Kommission zum Europäischen Jahr ist es möglich, sich über Veranstaltungen und Projekte zu informieren und einen Newsletter zu abonnieren.

 

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