Mittwoch 23. Mai 2018
#212 - Februar 2018

Europäisches Kulturerbe: das Interesse an anderen Kulturen wecken

Das Europäische Jahr des Kulturerbes soll dazu beitragen, mehr Menschen dazu zu bewegen, das Kulturerbe Europas zu entdecken und wertzuschätzen. Gedanken des apostolischen Nuntius bei der EU, Mgr. Alain Paul Lebeaupin.

Welche Perspektiven eröffnet das Jahr des Kulturerbes für Europa und für die Kirche?

 

Es sollte Europa in die Lage versetzen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wieviel die Europäerinnen und Europäer eigentlich über die kulturelle Vielfalt Europas wissen. Das Europäische Jahr des Kulturerbes 2018 bietet der EU die Möglichkeit, sich die Frage nach seiner kulturellen Dimension und seiner Identität zu stellen.

 

Im Rahmen des Europäischen Jahres sollte aber nicht nur über den Schutz des europäischen Kulturerbes nachgedacht werden. Das Jahr sollte vielmehr Anlass sein, sich konkret mit dem Kulturerbe und der damit verbundenen Notwendigkeit auseinanderzusetzen, dass die Menschen gerade in der heutigen Zeit mehr über ihr Kulturerbe, insbesondere über die europäische Geschichte erfahren müssen. Das Europa von heute scheint gefangen in anderthalb Jahrhunderten Geschichte. Doch wir müssen unsere Nachbarn auch vor dem Hintergrund ihrer weiter zurückliegenden Geschichte kennenlernen.

 

Liegt das Ziel allein im Schutz des Kulturerbes oder auch in seiner Weitervermittlung?

 

Es liegt in unserer Verantwortung, das Kulturerbe weiterzugeben. Allerdings kann man nur das weitergeben, was man kennt. Umso wichtiger ist es, dass unsere Kinder in den Schulen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit entwickeln, die europäischen Nachbarn und ihre Kulturen kennenzulernen.

 

Das Europäische Jahr des Kulturerbes sollte auch in der Bildungspolitik seinen Niederschlag finden. In diesem Bereich, in dem die Kirche, insbesondere die katholische Kirche, einen wichtigen Lehrauftrag erfüllt, sollte sie sich für eine Kulturpolitik des gegenseitigen Kennenlernens stark machen. Warum sind gerade die Bildungseinrichtungen so wichtig? - Weil man bei den jungen Menschen ansetzen muss. Für das Europäische Jahr des Kulturerbes stehen Mittel zur Verfügung, doch ist es nicht allein eine Frage des Geldes. Wichtig ist auch, bei den Menschen in Europa das Interesse dafür zu wecken, die Kultur der anderen Europäer zu entdecken und kennenzulernen.

 

All dies muss auf Ebene der Schulen erfolgen. Die Staaten sollten Schulprogramme fördern, die neugierig auf die Kultur der anderen machen und somit die Lust wecken, sich diese zu eigen zu machen. Ziel ist nicht die Schaffung einer kulturellen europäischen Union, sondern einer europäischen kulturellen Gemeinschaft, was etwas ganz anderes ist. In der Gemeinschaft bringt jeder ein, was er hat und was er ist, und wird gleichzeitig durch die Kultur des anderen bereichert. In der Union besteht zuweilen der Eindruck, alles werde vereinheitlicht und die eigene Identität gehe verloren.

 

Häufig ist es eine Elite, die die Mittel zum Reisen hat und sich des gemeinsamen Kulturerbes bewusst ist…

 

Tatsächlich darf das Europäische Jahr nicht zur Angelegenheit einer Elite werden. Den europäischen und nationalen Verantwortlichen muss klar sein, dass sie das gegenseitige Kennenlernen zwischen den Völkern fördern müssen.

 

Dank der modernen Kommunikationsmittel verfügen wir über nie dagewesene Möglichkeiten der unmittelbaren Kommunikation und augenblicklichen Kenntnis. Paradoxerweise aber machen uns diese Möglichkeiten, obwohl wir hinter unseren Bildschirmen permanent über Internet verbunden sind, immer mehr zu Individualisten.

 

Die Menschen von heute mögen gebildeter sein als früher, doch heißt dies nicht, dass sie heute besser miteinander leben können als früher. Der Wunsch, die Kultur des anderen zu kennen, bedeutet auch, sich nicht auf die eigene Kultur zu beschränken. Der Wunsch, die Kultur des anderen kennenzulernen, heißt, sich mit der eigenen nicht zufrieden zu geben; dabei geht es um das Gefühl, daß man diese andere Kultur kennenlernen möchte, weil man ohne ihre Kenntnis ärmer wäre und so auch den anderen nicht kennen würde.

 

Geht es allein darum, unsere Kulturen zu kennen oder auch darum, Brücken zu bauen?

 

Es wäre falsch, das Europäische Jahr des Kulturerbes allein auf die Verteidigung der Kultur zu reduzieren. Es sollte ihm vielmehr eine Dynamik verliehen werden, indem wir uns sagen: „Ich kenne etwas nicht, will es aber kennenlernen“. Mit diesem Wissen könnten wir sicherlich so manche Reaktionen, Vorgehens-, Verhaltensweisen und Traditionen unserer Nachbarn besser verstehen.

 

Mehr über die Kultur unserer Nachbarn zu wissen, würde uns auch vor vorschnellen Urteilen und der Versuchung der identitären Abschottung bewahren. Es ist möglich, stolz auf die eigene Kultur und sich gleichzeitig ihrer Grenzen bewusst zu sein. Diesen Gedankenansatz gilt es, auf europäischer Ebene zu verankern - eine Aufgabe, bei der auch die Kirchen eine wichtige Rolle spielen, wie sie es bereits in der Vergangenheit getan haben.

 

Was erwünschen Sie sich von diesem Europäischen Jahr des Kulturerbes?

 

Wir müssen lernen, den kulturellen Reichtum der anderen zu entdecken. Nur so werden wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und den Frieden, der den Gründervätern Europas so sehr am Herzen lag, bewahren können.

 

Möge dieses Europäische Jahr – insbesondere bei denen, die nicht das große Privileg haben zu reisen – die Lust wecken, die Kultur des anderen kennenzulernen und sie davon überzeugen, dass sie diese Kenntnis brauchen, insbesondere, wenn sie eine Gesellschaft des Friedens aufbauen möchten.

 

Das Gespräch führte Johanna Touzel

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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