Tuesday 19. October 2021
#184 - Juli/August 2015

Der Schrei der Armen und der Natur

Zur Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Seit Monaten erwartet, von vielen schon im voraus kommentiert und kritisiert, ist am 18. Juni die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus erschienen. Ihre zentralen Botschaften: Der gefährliche Klimawandel und die skrupellose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen bedrohen die Zukunft unseres Planeten. Die ökologische Frage ist eine Gerechtigkeitsfrage. Es steht in der Macht der menschlichen Gemeinschaft, umzusteuern und die fatale Dynamik aufzuhalten. Ein besonderes Potential dafür kommt aus der jüdisch-christlichen Tradition und den Religionen insgesamt. Insofern ist die Bewahrung der Schöpfung ein zentrales ökumenisches und interreligiöses Thema.

 

Papst Franziskus hat schon mit seiner Namenswahl die Bewahrung der Schöpfung zu einem zentralen Anliegen seines Pontifikats gemacht. Dementsprechend hat er als Titel für seine Enzyklika den Anfang des Sonnengesangs des heiligen Franziskus gewählt: „Gelobt seist Du“, in dem der Poverello Gott für die Schönheit der Schöpfung preist und dankt. Der Untertitel „Über die Sorge um unser gemeinsames Haus der Schöpfung“ ergänzt das Dur des Schöpfungsgesangs mit einer Molltönung. Im ersten Kapitel des Schreibens, mit dem sich der Papst nicht nur an die Katholiken, sondern an alle Erdenbewohner richtet, wird der Konsens der Wissenschaftler zusammengefaßt: Der gefährliche Klimawandel ist weitgehend vom Menschen verursacht und zu verantworten. Neben der globalen Erwärmung kommen auch die Frage des Wassers und der Verlust der Biodiversität zur Sprache. Die Diagnose ist eindeutig: „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so misshandelt und geschädigt wie in den beiden vergangenen Jahrhunderten.“

 

Im zweiten Kapitel skizziert der Papst eine Theologie und eine Spiritualität der Schöpfung. Ein Grundgedanke ist, dass die Schöpfung den Menschen als ein Geschenk Gottes anvertraut ist, das es zu schützen und zu bewahren gilt. Wir sind Verwalter unserer gemeinsamen Welt. Theologisch gesprochen ist die gestörte Beziehung des Menschen zu Gottes Schöpfung Ausdruck von Sünde. Von daher ergibt sich der Imperativ zu einer „ökologischen Bekehrung“, den schon Papst Johannes Paul II. formuliert hat.

 

Durchgängig wird die ökologische Frage als eine Gerechtigkeitsfrage verstanden. Das kommt in der Parallelisierung des Schreis der Armen und des Schreis der Natur zum Ausdruck. Auch hier kann sich der Papst auf Franziskus von Assisi berufen: Bei ihm waren die Sorge um die Schöpfung und die Sorge um die Armen und Verlassenen eng verknüpft. Die Verursacher von gefährlicher Erwärmung und Umweltzerstörung sitzen mehrheitlich in den industrialisierten Ländern des Nordens, diejenigen, die am meisten unter den Folgen zu leiden haben, in den armen Ländern des Südens. Von daher macht sich der Papst das Prinzip der „unterschiedlichen aber gemeinsamen Verantwortung“ zu eigen, auf das sich die UN-Länder auf ihrem Weltgipfel in Rio 1992 verständigt haben: Die Industrieländer sind die hauptsächlichen Verursacher der globalen Umweltkrise und tragen deshalb eine größere Verantwortung für den Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung.

 

Weitere Themen, die sich durch die ganze Enzyklika ziehen, sind: die intergenerationelle Gerechtigkeit, die Kritik am herrschenden Technologie-, Wirtschafts- und Fortschrittsparadigma, die Überzeugung, dass ökologische, ökonomische und soziale Fragen in einem inneren Zusammenhang stehen, das Konzept der globalen Gemeingüter wie Wasser, die Ozeane, die Wälder und die Atmosphäre, der Eigenwert jeder Kreatur, die Notwendigkeit neuer Produktions- und Konsummuster.

 

In seiner Modernitätskritik ist der Papst deutlich von Romano Guardinis Buch „Das Ende der Neuzeit“ beeinflusst: die ökologische Krise ist die äußere Erscheinung der ethischen, kulturellen und spirituellen Krise der Moderne. Doch er verfällt dabei nicht in einen Kulturpessimismus, sondern erkennt differenziert auch die positiven Seiten der Moderne und des technischen Fortschritts an.

 

Mit dieser Enzyklika legt Papst Franziskus seine ökologische Magna Charta vor, auf die er sich sicher in seinen Ansprachen vor dem US-Kongress und vor den Vereinten Nationen im September dieses Jahres beziehen wird. Manche hätten sich vielleicht noch konkretere Handlungsvorschläge erwartet. Doch der Papst sagt ausdrücklich, dass er keine Entscheidungen über wissenschaftliche Fragen treffen und auch die Politik nicht ersetzen, sondern zu einer ehrlichen und transparenten Debatte einladen möchte. „Laudato si“ ist reich genug, um sowohl die internationale Politik als auch den ökumenischen und interreligiösen Dialog und die konkrete Arbeit in den Gemeinden zu inspirieren und zu befruchten. Ein Leitprinzip für die Umsetzung könnte sein: „Global denken – lokal handeln“.

Martin Maier SJ

JESC

Teilen |
europeinfos

Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Editors-in-Chief: Martin Maier SJ

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of the Jesuit European Office and COMECE.
Display:
https://europe-infos.eu/