Sunday 12. July 2020
#185 - September 2015

Papst Franziskus: ein Umweltpopulist?

In seiner Enzyklika Laudato si stellt Papst Franziskus die vorherrschende Rolle des Marktes in Frage und schafft damit eine enge Verbindung zwischen den umweltpolitischen und sozialen Fragen.

Kaum eine Enzyklika hat je für ein derartiges Aufsehen gesorgt wie Laudato si

. Das päpstliche Schreiben wurde mehrheitlich sehr positiv aufgenommen, doch gibt es auch heftigen Widerstand. Der australische Publizist Paul Kelly (The Australian, 24. Juni) findet deutliche Worte: „Jede einzelne Seite [dieser Enzyklika] zeigt, dass Franziskus und seine Berater Umweltpopulisten und Wirtschaftsideologen quasi-marxistischer Tendenz sind. [...] Franziskus ist blind gegenüber der befreienden Macht der Märkte und der Technologien.“ In den Vereinigten Staaten wurden zahlreiche konservative, darunter auch katholische Stimmen laut, die in die gleiche Richtung gehen.

 

Wogegen richtet sich dieser Zorn? Franziskus betont ausdrücklich die menschliche Verantwortung in der Frage des Klimawandels und der Bedrohungen, die daraus für die Zukunft der Menschheit erwachsen. Er stellt die vorherrschende Rolle des Marktes sowie eine Art Diktatur der Technologie, die vorgibt, Retter der Menschheit zu sein, in Frage; dabei stellt er eine enge Verbindung zwischen den umweltpolitischen und sozialen Fragen her.

 

Das gemeinsame Haus

Im Mittelpunkt der Enzyklika steht ein zentraler Begriff: das gemeinsame Haus. Das Haus ist der Lebensraum aller seiner Bewohnerinnen und Bewohner, ein Raum, der zum Glück aller beitragen soll. Es ist der Ort, an dem die Menschen in Eintracht miteinander leben sollen.

Angesichts der Verschlechterung der Umwelt- und Klimabedingungen sind die Menschen großen Bedrohungen ausgesetzt. In einer von tiefgreifenden Ungerechtigkeiten geprägten Welt sind es gerade die Schwächsten, die bereits heute und mehr noch in der Zukunft von den Umweltschäden betroffen sind. Dieser Zustand ist weder Produkt des Zufalls noch einer physischen oder wirtschaftlich Zwangsläufigkeit, sondern menschlicher Verantwortung. Da dieser Zustand nicht zwangsläufig gegeben ist, kann er sich ändern. Auch diese Änderung liegt in der menschlichen Verantwortung. Es besteht somit ein grundlegendes Vertrauen in die positiven Fähigkeiten des Menschen: „…denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können. […] Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen.“ (13).

 

Jeder Mensch hat „ein Recht auf Leben und Glück“ (43). Doch „die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäß angehen können, wenn wir nicht auf Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen (48).

 

Das „vorherrschende technokratische Paradigma“ (101), welches einem „hemmungslosen Größenwahn“ Raum gibt (114), stützt sich auf einen praktischen Relativismus, „bei dem alles irrelevant wird, wenn es nicht den unmittelbaren eigenen Interessen dient. […] Darin liegt eine Logik, die uns verstehen lässt, wie sich verschiedene Haltungen gegenseitig bekräftigen, die zugleich die Schädigung der Umwelt und die der Gesellschaft verursachen“ (122). „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise“ (139).

 

Eine kulturelle Revolution

Die Enzyklika fordert umfassende politische Entscheidungen und eine Änderung des Systems. In einer demokratischen Gesellschaft kann ein politscher Wandel jedoch nicht ohne die Unterstützung der Bevölkerung erfolgen. Somit ist eine kulturelle, ethische aber auch spirituelle Umkehr erforderlich. Alle Menschen sind aufgerufen, Sorge für das gemeinsame Haus zu tragen.

 

Vor diesem Hintergrund setzt Laudato si den Schwerpunkt auf zwei Leitbilder: das Gemeinwohl und die gegenseitige Abhängigkeit. Ziel des Gemeinwohls ist, dass alle Menschen glücklich sein können, dass niemand unter unwürdigen Bedingungen leben muss, weder aus ökologischen oder klimatischen Gründen noch aus Gründen der Armut oder nicht hinnehmbarer Ungleichheiten. Der Begriff des Gemeinwohls bezieht auch die zukünftigen Generationen mit ein. Alle, das sind sowohl die Menschen von heute als auch die von morgen. Niemand – weder der Einzelne, noch Gemeinschaften – lebt auf einer Insel, denn es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Lokale, von einzelnen Personen oder Gesellschaften getroffene Entscheidungen haben Auswirkungen auf die gesamte Menschheit von heute und morgen.

 

Mit der Veröffentlichung von Laudato si nimmt Franziskus seine Aufgabe als Stimme der Kirche in der Gesellschaft wahr. Er hat sich auf eine kompetente Expertengruppe gestützt, um die Gegenwart zu analysieren (sehen) und die grundlegenden Ursachen der heutigen Situation herauszuarbeiten (urteilen). Franziskus ruft zu einem entschlossenen und raschen politischen Handeln auf. Um Gewalt zu vermeiden, muss diese Aktion mit einer Motivation der Menschen einhergehen (handeln). Die Umkehr der Herzen ist Voraussetzung für eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden für alle., Diesen Aufruf kennen wir aus dem Evangelium.

 

Ignace Berten OP

Dominikaner, Mitglied des internationalen Konvents St. Dominique in Brüssel

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