Wednesday 27. January 2021
#185 - September 2015

Europa auf dem Prüfstand

Die dominierenden Themen dieses Sommers in Europa waren die Griechenlandkrise und das Flüchtlingsdrama.

In beiden Krisen stellt sich letztlich dieselbe Herausforderung: Solidarität innerhalb der EU und Solidarität mit Menschen, die vor Krieg, Diskriminierung und Elend fliehen. Auf den griechischen Ägäis-Inseln begegnen sich sozusagen beide Krisen. Mit der Verabschiedung eines neuen Hilfspakets scheint der Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone zumindest bis auf weiteres abgewendet. Allerdings zeigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Interview am 16. August davon überzeugt, dass die Frage nach dem Umgang mit Flüchtlingen Europa auf Dauer mehr beschäftigen wird als die Frage Griechenlands und die der Stabilität des Euro.

 

Die Zahl von Menschen, die in Europa Zuflucht oder Asyl suchen, hat neue Höchststände erreicht. Doch gleichzeitig ist zu sehen, dass weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind und nur knapp vier Prozent von ihnen in Länder der EU gelangen. 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer werden neue Mauern und Zäune in Europa errichtet: an den Grenzen von Ungarn zu Serbien, von Bulgarien zur Türkei, in Calais auf der französischen Seite des Eurotunnels. Doch Abwehr- und Abschreckungsmaßnahmen sind keine Flüchtlingspolitik. Es ist ein Armutszeugnis, dass sich die EU-Staaten nicht einmal auf eine verbindliche Quote zur Verteilung von 40 000 Flüchtlingen einigen konnten.

 

Die weltweiten Fluchtbewegungen sind das Symptom einer tieferliegenden Krankheit. In Frage steht das globale System. Dies hat Papst Franziskus auf seiner Ansprache vor den sozialen Bewegungen am 10. Juli 2015 in Bolivien in eindrücklicher Weise deutlich gemacht. Er wandte sich gegen ein System, „das die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken.“ Dieses System sei nicht mehr hinnehmbar; es bedürfe einer Veränderung der Strukturen.

 

Der Papst prangerte den alten wie den neuen Kolonialismus an, der die armen Länder zu bloßen Rohstofflieferanten und Zulieferern kostengünstiger Arbeit herabwürdige und Gewalt, Elend und Zwangsmigration erzeuge. Menschliches Leid hat ein Gesicht: „das Gesicht des bedrohten Campesinos, des ausgeschlossenen Arbeiters, des unterdrückten Ureinwohners, der obdachlosen Familie, des verfolgten Migranten, des arbeitslosen Jugendlichen, des ausgebeuteten Kindes; das Gesicht der Mutter, die ihren Sohn in einer Schießerei verloren hat, weil das Quartier vom Drogenhandel eingenommen war; das Gesicht des Vaters, der seine Tochter verloren hat, weil sie der Sklaverei unterworfen wurde; wenn wir an diese ‚Gesichter und Namen’ denken, zerreißt es uns das Herz vor so viel Leid, und wir sind erschüttert.“

 

Papst Franziskus schildert hier die Lebenswirklichkeit, die Menschen in die Flucht treibt. Um die Welt gegangen ist im August das Photo von Laith Majid, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist und sich auf der griechischen Insel Kos an den Strand schleppt. Weinend trägt er seine kleine Tochter auf dem Arm. Flüchtlinge haben Namen und Gesichter. Hin und wieder ist es angebracht, an die Charta der Grundrechte der Europäischen Union zu erinnern, in deren Präambel es heisst: „In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“ Dies betrifft auch und besonders Flüchtlinge und Asylsuchende.

 

Martin Maier SJ

JESC

 

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