Samstag 24. Juni 2017
#185 - September 2015

Eine Sommeruniversität für Europa – und darüber hinaus

Die COMECE-Sommeruniversität entwickelt sich zu einem jährlichen Think-Tank-Treffen von jungen und von arrivierten Wissenschaftern.

Die Förderung des Gesprächs über das « Projekt Europa » und seine Ziele ist seit jeher ein Teil des Selbstverständnisses der COMECE, aber: warum eine « Sommeruniversität »? Am Anfang stand die Idee, (jungen) Mitarbeitern der Mitgliedsbischofskonferenzen der COMECE in einer anspruchsvollen, doch informellen Form die Möglichkeit zu bieten, den europäischen Integrationsprozess näher kennenzulernen und mit KollegInnen in anderen Mitgliedsstaaten darüber zu diskutieren. Nach drei ersten sommerlichen Treffen in den Jahren 1999-2001 war deutlich, dass das Bedürfnis an einem solchen Austausch in den « zukünftigen Mitgliedsstaaten » größer war als in den alten Mitgliedsstaaten und dass deren Fragen und Erwartungen die Diskussion bestimmten. Folgerichtig fanden die Treffen der Jahre 2002-2004 in den Kandidatenländern Slowenien, Ungarn und der Slowakei statt. Die damit verbundene Absicht war, nicht nur über diese Länder und ihre Probleme zu reden, sondern sie auch selbst zu besuchen und kennen zu lernen.

 

Die EU-Erweiterung als Herausforderung

Die Erweiterung der EU vom Mai 2004 stellte die Frage nach der Aufgabe und den Zielen einer Sommeruniversität neu. Mit der Diözese Graz-Seckau und der Universität Graz fand COMECE zwei Partner, mit denen diese Fragen weiter ausgearbeitet werden konnten, um schließlich im September 2006 ein Programm für eine zweiwöchige akademische Sommeruniversität für etwa 80 Studenten in Seggau durchzuführen. In den Vorlesungen und Seminaren wurden EU-Recht, Wirtschaft, Geschichte, Politik und Gesellschaft Europas behandelt, aber ebenso Kunst, Medien, Philosophie und Religion.

 

Trotz des Anliegens des Austauschs zwischen « West und Ost »wurde schnell deutlich: einem großen Interesse in den neuen Mitgliedsstaaten steht ein ebenso mageres in Westeuropa gegenüber. Die Sommeruniversität wurde so zu einem Treffpunkt der « good old Balkan- family », wie es eine montenegrinische Studentin ausdrückte. Sie bot jungen Menschen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien die Möglichkeit, einander zu treffen, kennenzulernen und die bestehenden Vorurteile abzubauen. Entsprechend breiten Raum nahmen daher auch der Krieg der 90-er Jahre und seine traumarisierenden Folgen im Programm der Sommeruniversität ein.

 

Mit der Thematisierung dieses Krieges erfüllte Seggau eine wichtige Aufgabe bei seiner Bearbeitung, die allerdings nicht immer mit der Zustimmung von Teilnehmern aus anderen Teilen Europas rechnen konnte: zuviel Balkan! Interessant war zu beobachten, wie sich die politischen Entwicklungen, etwa die Unabhängigkeit des Kosovo, in den Diskussionen zwischen den Teilnehmern widerspiegelten. Für manche von ihnen war die Sommeruniversität ein Anstoß für einen « privaten Perspektivenwechsel »: sie beschlossen, einen Teil ihres weiteren Studiums im Ausland, ja im « verfeindeten » Nachbarland, zu verbringen.

 

Amerika in den Blick nehmen

Durch die Teilnahme von einigen Studenten aus Nordamerika entstand die Idee, Europa und die EU nicht nur um sich selbst kreisen zu lassen, sondern im transatlantischen Kontext zu studieren: Was eint, was trennt Europa und Amerika?

 

Seit 2013 ist Seggau « transatlantisch » ausgerichtet. Das wirkt sich auf die Themen und auf die Zusammensetzung der Teilnehmer aus – neben den Europäern und einigen Studenten aus Asien und Afrika nimmt ein Kontingent von amerikanischen Studierenden aus den USA, Kanada, Mexico, der Karibik und Lateinamerika teil. Ebenso kommen einige Lehrende von amerikanischen Partneruniversitäten der Uni Graz. Dabei fällt es nicht immer leicht, aus der großen Zahl von Anmeldungen – in diesem Jahr fast 400 – die richtigen 80-90 Teilnehmerinnen auszuwählen.

 

Prof. Christine Neuper, Rektorin der Universität Graz, hat in einem Gespräch erstaunt festgestellt: « Seggau entwickelt sich immer mehr von einer klassischen Sommeruniversität zu einem jährlichen Think-Tank-Treffen von jungen und von arrivierten Wissenschaftern». Die Weiterführung der einmal entstandenen Kontakte wird durch ein eigenes « Alumninetzwerk » gefördert.

 

Zehn Jahre

Die Sommeruniversität 2015 war die zehnte Sommeruniversität in dieser Kooperation von Kirche und Universität. Durch Bischof und COMECE, aber auch durch Akzentsetzungen im wissenschaftlichen Programm und durch ein tägliches spirituelles Angebot sind Kirche und Glaube auf der Sommeruniversität präsent. Gleichzeitig richtet sich die Sommeruniversität bewusst nicht ausschließlich an Katholiken: von Anfang an versteht sie sich als von der Kirche mit getragene « Dialogermöglichung », als Ort der Begegnung, des Austausch und der Diskussion über Europa.

 

So ist sie, ganz im Sinn von Papst Franziskus, in unserer pluralen und säkularen Gesellschaft ein Dienst der Kirche am europäischen Integrationsprojekt und seiner globalen Dimension, und an allen, die dieses Projekt in Zukunft tragen. Im Sinn dieses « überschreitenden Dienstes » ist es nur folgerichtig, dass als Thema für 2016 « Transgression/Überschreitung » gewählt wurde.

 

Michael Kuhn

COMECE

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Die EU-Kommission soll das Diskussionspapier zur Zukunft der Europäischen Verteidigung bis 2025 veröffentlichen.
 
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> 15.-16. Juni
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