Monday 19. April 2021
#137 - April 2011

 

Der arabische Frühling

 

Zu Beginn des arabischen Frühlings schien es große Ähnlichkeiten zwischen den Ereignissen in Tunis bzw. Kairo und den politischen Umwälzungen 1989 in Mitteleuropa zu geben. Tausende von Menschen versammelten sich im Rahmen öffentlicher Gebete zu friedlichen Demonstrationen. Die Diktatoren mussten gehen. Nun sind einige Wochen vergangen und es zeigt sich ein völlig anderes Bild. Die Situation in Tunesien hat sich zwar beruhigt, doch in zahlreichen anderen arabischen Ländern erleben wir neue Gewaltausbrüche; in Libyen muss man sogar von Krieg sprechen. In Ägypten wurden im Rahmen einer Volksabstimmung Verfassungsänderungen vorgenommen, doch bleibt Artikel 2 der Verfassung bestehen, in dem die Rechte der Gläubigen anderer Religionen als dem Islam eingeschränkt werden.

 

Ist ein Vergleich mit Mitteleuropa gerechtfertigt? Ich denke, es gibt zumindest zwei entscheidende Unterschiede. Zum einen handelt es sich um eine Region, aus der ein Drittel der weltweiten Produktion von flüssigen Brennstoffen stammt. Libyen verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölvorkommen in ganz Afrika. Nahezu 85 % der libyschen Erdölexporte gehen nach Europa, allem voran nach Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien. Gleiches gilt für das Erdgas. Die im Februar in Libyen ausgebrochenen Unruhen haben zu einem Produktionsrückgang beim Erdgas um 90 % geführt. Der Export von Erdgas nach Italien über die Gaspipeline Greenstream wurde Ende Februar komplett eingestellt. Der zweite Unterschied besteht darin, dass die Menschen, die auf den öffentlichen Plätzen beteten, ihren Blick nicht nach Rom, sondern gen Mekka richteten.

 

In seiner Analyse der Rolle, die die Religion im Wandlungsprozess in Mitteleuropa spielt, kommt Edmund Wnuk-Lipiński zum Schluss, dass die Entwicklung in den postkommunistischen Staaten, in denen die Kultur des westlichen Christentums vorherrscht, immer auf Freiheit und Demokratie ausgerichtet war. In den Staaten, die sich kulturell eher am orthodoxen Christentum orientierten, war dieser Prozess komplizierter. Hierzu gehören einerseits die Ukraine, Serbien, Russland und Weißrussland mit hybriden Regimes und andererseits Bulgarien und Rumänien, die heute vollwertige Mitglieder der Europäischen Union und der Nato sind. In allen postkommunistischen Ländern, in denen der Islam die Hauptreligion ist, haben sich heute nicht-demokratische Strukturen etabliert. Die Religion selbst scheint also Einfluss auf die Politik zu nehmen (ohne jedoch entscheidend zu sein), doch auch die Art der Religion ist ein wichtiger Faktor, da nicht jede Religion die gleiche Rolle spielt.

 

Das heißt nicht, dass die Länder, in denen der Islam vorherrscht, keine demokratische Perspektive hätten. In den Analysen des amerikanischen Instituts Freedom House erscheinen auf der Liste der Länder, in denen die Freiheit der Bürger gewährleistet ist, immer auch zwei oder drei islamische Länder. Das sind rund 4 % aller Länder der Welt. Diese Zahl belegt, dass zwar Staaten mit islamischer Kultur auch demokratisch werden können, jedoch mit Schwierigkeiten.

Nur unter Vorbehalt sollte man zudem die Türkei als Modell für den Wandel anführen. Vor einhundert Jahren nämlich, zu einer Zeit, als das Land den Weg des Laizismus einschlug, stellten die Christen rund 30 % der Bevölkerung. Heute sind es weniger als 0,3 %. Seltsame Koinzidenz: Es waren hauptsächlich die Christen, die dem radikalen Säkularisierungsprozess in der Türkei folgten.

 

Im Hinblick auf den arabischen Frühling sollte man sich also vor voreiligen Schlüssen hüten. In dieser Frage bräuchte die EU Instanzen, die systematisch und ohne säkularistische Vorurteile die Rolle der Religion im politischen Prozess analysieren.

 

Piotr Mazurkiewicz

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

Teilen |
europeinfos

Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Editors-in-Chief: Martin Maier SJ

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of the Jesuit European Office and COMECE.
Display:
https://www.europe-infos.eu/