Thursday 29. October 2020
#138 - Mai 2011

 

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Überwindung der demografischen Krise

 

Am 1. April 2011 fand in der ungarischen Stadt Gödöllö ein informelles Treffen der für Demografie und Familienpolitik zuständigen Minister statt. Im Vorfeld des Treffens hatte die Föderation der katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE) einen Appell an die ungarische EU-Präsidentschaft gerichtet, in dem sie für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf plädiert und auf eine vom Dreiervorsitz (Spanien, Belgien und Ungarn) sowie Polen erarbeitete Erklärung über die Auswirkungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die demografische Entwicklung verweist.

 

Der unlängst von der Europäischen Kommission und Eurostat veröffentlichte demografische Bericht 2010 zeigt, dass die Fertilitätsrate in der EU im Jahre 2003 zu steigen begann, 2008 einen Durchschnittswert von 1,6 erreichte, insgesamt aber noch immer unter der Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau liegt. Dabei liegt laut einer Studie von Eurobarometer der Kinderwunsch der Europäerinnen und Europäer (in der EU der 25) durchschnittlich bei 2,3 Kindern. Insofern klafft hier eine Lücke zwischen „Reproduktionsintention“ und tatsächlicher Kinderzahl; es gibt also sogenannte „ungeborene Wunschkinder“. Indessen steigt die Lebenserwartung weiter an, sodass Europa vor einem „demografischen Winter“ steht. Die gegenwärtige Situation stellt die EU und ihre Mitgliedstaaten vor erhebliche Herausforderungen, insbesondere mit Blick auf die Nachhaltigkeit des europäischen Gesellschaftsmodells: Immer weniger Berufstätige sehen sich immer mehr Rentnerinnen und Rentnern gegenüber.

 

Die ungarische EU-Präsidentschaft, die die Bevölkerungskrise als eine der größten Herausforderungen der heutigen EU identifiziert hat, veranstaltete vom 28. März bis 3. April 2011 in Budapest eine Aktionswoche zum Thema Demografie und Familienpolitik unter dem Motto „Europa für Familien – Familien für Europa“. Zum Auftakt der Woche fand eine Konferenz über die Auswirkungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die demografische Entwicklung unter Teilnahme der EU-Mitgliedstaaten, europäischer Institutionen sowie von Experten und NGOs statt.

 

Die Familienpolitik fällt in den nationalen Zuständigkeitsbereich der EU-Mitgliedstaaten; dies wurde in einer Rede der FAFCE, einer europäischen NGO, die Familien aus 16 europäischen Ländern vertritt und sich für Familien und ihre Interessen auf europäischer Ebene einsetzt, vor dem ungarischen Staatsminister für soziale Angelegenheiten, Familie und Jugend, Miklós Soltész, unterstrichen. Die FAFCE betonte, das Subsidiaritätsprinzip im Bereich der Familienpolitik müsse gefördert werden, da jedes Land seine eigene Geschichte und Kultur habe, welche die Entscheidungen der Familien und ihren Wunsch, in einem bestimmten Land zu leben, beeinflussten. Familienpolitik ziele darauf ab, die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Familie und ihre Mitglieder ihrer Rolle in der Gesellschaft, deren Grundeinheit sie bilden, gerecht werden könnten. Ferner verwies die FAFCE darauf, dass Nähe ein Schlüsselfaktor für die Unterstützung und Förderung der Familie durch die Politik darstelle.

Doch auch die EU selbst verfügt über gewisse Zuständigkeiten, mit denen sie auf familienpolitische Bereiche Einfluss nehmen kann (wie etwa bei den Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten). Mit ihrer Strategie Europa 2020 verfolgt die EU das Ziel eines intelligenten, nachhaltigen und integrativen Wachstums; dazu gehört auch eine Beschäftigungsquote von 75 % für Frauen und Männer zwischen 20 und 64 Jahren. Dieses Ziel hat unmittelbaren Einfluss auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

 

Die Erklärung des Dreiervorsitzes und Polens enthält mehrere Punkte, die mit Blick auf die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Familie verbesserungswürdig sind (flexible Arbeitszeiten, Anpassung von Öffnungs- und Arbeitszeiten im öffentlichen Sektor sowie Ermutigung des privaten Sektors, sich diesen Maßnahmen anzuschließen). In der Erklärung heißt es u. a., dass „Karriere und Kinder miteinander vereinbar sein sollten“. Dies sind notwendige Schritte auf dem Weg zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, vor allem im Bereich Elternurlaub für Mütter und Väter bei der Geburt ihres Kindes und während der gesamten Erziehungszeit ihrer Kinder. Diese Aspekte könnten aber auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, aus dem der Familie, im Sinne eines „family mainstreaming“.

 

„Familie zuerst“ ist ein Schlüsselkonzept, das den politischen Entscheidungsträgern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Leitlinie dienen kann. Anstatt dass sich der Entschluss, eine Familie zu gründen, nach den Arbeitsbedingungen richtet, sollte es die Familie sein, die bei der Ausplanung der Arbeitsbedingungen im Zentrum steht. Auf Arbeitsbedingungen und -zeiten zurückzuführender Druck und Stress wirken sich negativ auf die Stabilität von Ehe und Familie aus. Familien brauchen finanzielle Sicherheit, angemessene Betreuungsmöglichkeiten und Zeit. Glückliche und stabile Familien, die den Reichtum und die Zukunft Europas ausmachen, benötigen zudem Entscheidungsfreiheit; nicht nur wirtschaftlich gesehen, sondern auch mit Blick auf die Weitergabe der Grundwerte, die das Fundament Europas bilden: Solidarität, Einheit und Frieden. Die Familie bietet ferner Raum für Solidarität zwischen den Generationen und leistet auf diese Weise einen Beitrag im Rahmen des sozialen Netzwerks von Hilfe und Unterstützung. Die angemessene Berücksichtigung der Familie im Rahmen des „family mainstreaming“ ist von ausschlaggebender Bedeutung für ein Europa, das zuversichtlich in die Zukunft blicken möchte.

 

Maria Hildingsson

Generalsekretärin der FAFCE

 

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