Monday 19. April 2021
#138 - Mai 2011

 

Arabischer Frühling: die Länder des Maghreb im Fokus

 

Der Beauftragte für die Beziehungen mit dem Islam der französischen Bischofskonferenz, Pater Christophe Roucou, hat mehrere Bischöfe interviewt, die in den Maghrebländern (Marokko, Algerien, Tunesien und Ägypten) leben. In den Gesprächen, die  zwischen dem 21. und 27. März 2011 aufgezeichnet wurden, äußern die Bischöfe ihre Erwartungen gegenüber den Kirchen und Bürgern Europas.

 

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die jüngsten Entwicklungen in den Ländern des Maghreb viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Am 2. Februar erklärten die Bischöfe der Regionalen Bischofskonferenz für Nordafrika (CERNA) im Rahmen ihrer Sitzung: „Die Bischöfe der CERNA erkennen in den Unruhen, die derzeit Tunesien, Ägypten (...) erschüttern, die Forderung nach Freiheit und Würde, insbesondere von Seiten der jungen Generation. Darin spiegelt sich der Wille wider, als Staatsbürger und verantwortungsbewusste Bürger anerkannt zu werden. (...) Zweifellos werden die Fragen der Gewissensfreiheit und der Staatsbürgerschaft zunehmend im Mittelpunkt des Dialogs zwischen muslimischen und christlichen Gläubigen, die im Maghreb leben, stehen.“

 

Mgr. Claude Rault, Bischof von Laghouat-Gardhaïa (Algerien) erklärt: „Vorreiter des Wandels waren in erster Linie die Jugendlichen. Ihre Mobilisierung war erstaunlich. Als erste Opfer einer beraubten Zukunft haben sie die modernen Kommunikationsmittel genutzt, die von keiner Macht kontrolliert werden können: Sie haben Facebook und Mobiltelefone in den Dienst eines wahren Netzwerks der Solidarität und der gemeinsamen Konzertation gestellt. Generell hat die Informationsrevolution in der arabischen Welt, die mit dem Nachrichtensender Al-Jazira Mitte der 1990er Jahre ihren Anfang nahm, dazu beigetragen, dass die offiziellen Wahrheiten heute durch zahlreiche pluralistische und konkurrierende arabische Fernsehsender hinterfragt werden.

Die Protestbewegungen haben im Übrigen eine erstaunliche Reife bewiesen. Abgesehen von einigen wenigen örtlich begrenzten Ausschreitungen und dem Ausnahmefall Libyen ist bei dieser flächendeckenden Protestbewegung eine Art kollektiver Intelligenz am Werk, die gewaltlos, aber konsequent die Proteste begleitet und tief greifende Reformen im Hinblick auf die Regierungsführung und die soziale Gerechtigkeit fordert.

Auch wenn diese Aufstände in arabischen Ländern stattfinden, wurden sie nicht durch den Druck islamistischer Kräfte ausgelöst. Ihr Auslöser scheint eher in den Tiefen des menschlichen Bewusstseins zu liegen, im Verlangen nach Würde, Respekt, Gerechtigkeit und Demokratie. Es scheint sich um eine Art kollektiven klaren Bewusstseins zu handeln, dem es weder an Intelligenz noch an Weisheit mangelt. Auf dem Tahrirplatz in Kairo haben wir Muslime und Christen solidarisch vereint erleben können.“

 

Der Erzbischof von Tunis, Mgr. Maroun Lahham, sieht ähnliche Entwicklungen in Tunesien:

„Die islamistische Bedrohung wird thematisiert, denn nunmehr darf jeder seine Meinung sagen. Ist diese Bedrohung aber tatsächlich vorhanden? Sie lässt sich weder bestätigen noch völlig ausschließen. Die islamistische Partei (Ennahda) existiert, ihr Parteichef ist aus dem Exil zurückgekehrt. Bislang hält er moderate Reden, was zuversichtlich stimmt. Tunesien ist zudem nicht Somalia. Der Süden und das Landesinnere mit seinen benachteiligten „Schattenzonen“ sind allerdings empfänglicher für islamistische Botschaften als die Großstadt Tunis. Wir werden sehen. Mit Blick auf unsere Kirche mache ich mir keine besonderen Sorgen.

Überhaupt, welche Rolle spielt die Kirche in diesen Entwicklungen? Wir haben die Ereignisse aus nächster Nähe verfolgt. Wir waren Zeugen wunderbarer Szenen der Solidarität und des Austauschs. Wir haben bei dem, was geschehen ist, absolut keine Rolle gespielt, doch alles in unseren Gebeten mitgetragen und für die Opfer der ersten Tage gebetet. Wir sehen, dass das Land in Richtung einer freien, würdigen und demokratischen Zukunft geht. Wir wissen, dass die Demokratie eine enorme Herausforderung darstellt. (...) Die „Jasminrevolution“ fordert uns auf, gewisse Aspekte unserer Präsenz zu überprüfen, in erster Linie als Kirche und dann als Dienst und Zeugnis dessen, wofür die Kirche steht. Der Grundsatz ist klar und ändert sich auch nicht. Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils steht in der Welt, für die Welt und im Dienste der Welt. Sie bildet keine Parallelwelt und noch weniger eine Gegenwelt. Das gilt auch für uns. Wir lieben dieses Volk, wir respektieren seine Entscheidungen, wir sind bereit, ihm zu dienen. Wir erleben eine Zeit der freudigen und gespannten Erwartung.“

 

Warum ist die Situation in Algerien anders? Mgr. Claude Rault betont: „Algerien hat bereits Aufstände erlebt, auf die das furchtbare „schwarze Jahrzehnt“ folgte. Dies hat sich in den Köpfen der Menschen tief eingeprägt. Die Angst, dass Gewalt und Terror erneut aufflammen, ist verständlich. Die Algerier haben zu sehr gelitten, als dass sie einen Massenaufstand wünschten, für den sie einen hohen Blutzoll bezahlt haben. Sie wollen tief greifende Änderungen, aber nicht mittels blutiger Repressionen. Was sie fordern, sind politische und wirtschaftliche Institutionen mit weniger Verwaltung, die frei von Korruption sind und einen Wandel in der Gesellschaft bewirken bzw. zu einer Demokratie führen, die nicht zwangsläufig die gleiche sein muss wie in Frankreich...“

 

Mgr. Landel sendet aus dem marokkanischen Rabat einen Aufruf an die Christen in Europa: „Die Rede des Königs vom 9. März war eine große Überraschung und hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die große Schwierigkeit aller unserer Länder, insbesondere Marokkos ist aber, dass wir Gefahr laufen, alles zu schnell zu wollen. Wir wollen politische und gleichzeitig gesellschaftliche Reformen. Hoffen wir, dass die Eile den Reformprozess letztendlich nicht ausbremst.

Was mir besondere Sorge bereitet, ist die Art und Weise, wie die Immigranten aus Tunesien, Ägypten und Libyen behandelt werden... Wann endlich wird Europa dem Maghreb und Afrika wirklich helfen? Die Ursache all dessen, was vor sich geht, liegt in der Diskrepanz zwischen dem, was ihr in Europa erlebt und was wir in Afrika erleben.... Freiheit, Gerechtigkeit und Würde – ihr kennt das alles, doch wie werdet ihr uns helfen, damit auch wir das alles erfahren?

Wir sind uns auch dessen bewusst, dass wir ein Ort der Begegnung zwischen Christen und Muslimen sind. Es sind Begegnungen im Leben, die uns zur Achtung, zur Wertschätzung und zur Liebe führen. Ich weiß nicht, wie weiter vorzugehen ist, doch ich bin bestürzt über die Angst des Westens vor den Muslimen. Wie können wir die Einstellung der Menschen ändern?“

 

Die Interviews führte P. Christophe Roucou

Beauftragte für die Beziehungen mit dem Islam der französischen Bischofskonferenz

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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