Wednesday 3. June 2020
#138 - Mai 2011

 

Hoffnungszeichen: Die COMECE-Bischöfe begrüßen den arabischen Frühling

 

Schwerpunktthema der Frühjahrsvollversammlung der COMECE war die Situation der christlichen Kirchen in Maghreb und Mashrek.

 

Obwohl es bereits seit einiger Zeit in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas gärt, haben doch die wenigsten mit den Revolutionen und Systemwechseln in Tunesien, in Ägypten und in Libyen gerechnet. In seiner Eröffnungsrede im Rahmen der Vollversammlung erklärte der Präsident der COMECE, Mgr. Adrianus van Luyn: „Als das COMECE–Präsidium Anfang Januar beschloss, dass sich die nächste Vollversammlung mit dem Nahen Osten beschäftigen sollte, da stand es noch ganz unter dem Eindruck der blutigen Anschläge gegen christliche Kirchen in Ägypten und im Irak.  Die bedrückende Situation der Christen in diesen Ländern (...) schien uns wichtig genug um uns einmal ausführlicher in unserem Treffen damit zu beschäftigen. Trotz der Entwicklungen der letzten Wochen bleibt die Lage der religiösen Minderheiten – nicht nur der Christen – prekär.“ Angesichts der diversen Volksaufstände in den letzten Monaten sind viele Hoffnungen, aber auch Fragen rund um die Situation der Christen im Mittleren Osten aufgekommen: Welche Entwicklungen können wir nach der Vertreibung bzw. dem Abtreten der alten Machthaber erwarten? Hat die Demokratie nach westlichem Vorbild in jenen Ländern wirklich eine Chance, da sie, anders als bei der Wende des Jahres 1989 nicht auf eine demokratische Tradition zurückgreifen können? Welche Aufgaben kann der neuerrichtete Europäische Diplomatische Dienst hier leisten?

 

Antworten auf diese Fragen erhofften sich die Bischöfe der COMECE auf ihrer Tagung von Berichten verschiedener Experten der europäischen Einrichtungen, insbesondere aus dem neuen Europäischen Diplomatischen Dienst der EU. Darüber hinaus hatten die Bischöfe den Professor für Geopolitik, Nabil Kamal Khalife, den maronitischen Erzbischof von Zypern und Sekretär der letzten Synode zum Mittleren Osten, Mgr. Soueif, sowie den koptisch-katholischen Patriarchen von Alexandria, Kardinal Antonios Naguib, zu ihrer Tagung eingeladen, um mehr über die Lage in der arabischen Welt zu erfahren.  Alle drei Würdenträger hatten zuvor in Straßburg im Rahmen der April-Vollversammlung des Europäischen Parlaments vor Europaabgeordneten und Medienvertretern über die Situation der Christen in der arabischen Welt berichtet.

 

Sorgen und Hoffnungen angesichts des arabischen Frühlings

In seinem Beitrag vor den COMECE-Bischöfen ging Kardinal Naguib insbesondere auf einige problematische Punkte in Bezug auf die ägyptische Verfassung ein. In den Artikeln 40 und 46 sei verankert, dass alle Bürger vor dem Recht gleich seien, unabhängig von ihrer Rasse, Sprache oder Religion, und dass der Staat die Gewissensfreiheit und die freie Religionsausübung garantiere. Parallel hierzu lege Artikel 2 der ägyptischen Verfassung den Islam als Staatsreligion, die arabische Sprache als Amtssprache und die Scharia (islamische Rechtsprechung) als Hauptbezugspunkt der Gesetzgebung fest. Dieser Artikel 2 nehme in der ägyptischen Verfassung mit ihren 211 Artikeln eine vorrangige Stellung ein. Alle folgenden Artikel seien ihm untergeordnet. Die Praxis belege, dass die Gerichte des Landes die Gleichheitsgrundsätze der islamischen Scharia unterordneten. Zudem habe die Einhaltung der Scharia Auswirkungen auf den Umgang Ägyptens mit internationalen Verträgen, was deren Wirkung zuweilen zunichtemache. Dies gelte etwa für das 1982 von Ägypten ratifizierte Internationale Übereinkommen über bürgerliche und politische Rechte.

 

Trotz dieser Vorbehalte äußerte sich Kardinal Naguib optimistisch: „Die Revolution vom 25. Januar hat die Hoffnung geweckt, dass es zu einer Verfassungsänderung kommen wird. Angesichts der instabilen Verhältnisse nach der Revolution haben die Kirchen beschlossen, die Frage nach Artikel 2 nicht zu thematisieren. Unser vorrangiges Ziel ist es, den im Rahmen der Revolutionsbewegung entstandenen nationalen Zusammenhalt zu fördern. Wir werden dieses wichtige Thema allerdings zu einem späteren Zeitpunkt aufgreifen, wenn die Frage nach einer Verfassungsänderung aufkommt.“

 

Für Kardinal Naguib gibt es im arabischen Frühling zwei entscheidende Trümpfe: Die Bewegung ist multikonfessionell und von der Jugend getragen. „Es war für uns eine große Freude, während dieser Revolution Harmonie und völlige Einigkeit zwischen Muslimen und Christen erleben zu dürfen. Wir haben die Ägypter rund um eine Sache und mit einem Ziel versammelt gesehen. Kopten und Muslime haben sich an den Händen gefasst und gemeinsam Hosni Mubarak zum Abdanken aufgefordert. Die bunte Menge hat „Wir sind eins“ gesungen und Korane und Kreuze geschwenkt.“

Auch die Jugend ist für Naguib ein wichtiger Hoffnungsträger. Tatsache ist, dass die Träger „der Wende 2011“ jung sind (60 % der Menschen in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sind jünger als 30 Jahre), vergleichsweise gut ausgebildet und mit dem Internet und seinen Möglichkeiten bestens vertraut sind. Was ihnen fehlt, sind echte Zukunftsperspektiven.

 

Naguib rief deshalb die COMECE-Bischöfe auf, diese Bewegung der Hoffnung zu unterstützen, indem insbesondere die jüngere Generation dazu befähigt wird, eine politische und demokratische Kultur zu entwickeln und eine führende Rolle zu übernehmen.

 

Unter Berufung auf die Schlussfolgerungen der Synode über den Mittleren Osten erklärten die COMECE-Bischöfe zum Abschluss ihrer Vollversammlung, sie seien überzeugt davon, dass die Christen in diesen Ländern, genauso wie alle anderen Bürger, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehören, verantwortungsbewusste Bürger und wesentlicher Bestandteil der Gesellschaften ihres Landes seien. Die Bischöfe rufen die Christen dazu auf, auf der Grundlage ihres Glaubens an der Seite ihrer Mitbürger zum demokratischen Wandel in ihren Ländern beizutragen.

 

Die COMECE-Bischöfe haben zudem folgende Empfehlungen an die EU ausgesprochen:

- Dringend bedarf es mehr und konkretere Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten der EU, um den Zustrom von Migranten und Flüchtlingen zu bewältigen wie es in der Richtlinie 2001/55/EC über Mindestnormen für die Gewährung vorübergehenden Schutzes im Falle eines Massenzustroms von Vertriebenen aus Drittländern vorgesehen ist.

-Die EU sollte dabei helfen, die äußerst bedauernswerte Situation in diesen Ländern zu verbessern, durch die Entwicklung neuer Instrumente, die die Modernisierung und Demokratisierung dieser Gesellschaften nachhaltig unterstützen.

-Im Kontext des Wandels in der arabischen Welt sollte die EU die Bedeutung der Gewährung gleicher  Rechte für alle Bürger, unbeschadet ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft, einschließlich der Christen, in diesen Länder unterstreichen.

 

Die Bischöfe haben ihrerseits die folgenden möglichen Aktionen in Erwägung gezogen:

- ein regelmäßiger Austausch mit den Bischofskonferenzen in Nordafrika und im Mittleren Osten um die Erwartungen der lokalen Bevölkerung an die EU besser zu kennen.

- die Ermutigung zur gemeinsamen Reflexion von Christen und Muslimen aus Nordafrika und dem Mittleren Osten über „Demokratie und Religion“.

- die Förderung der sozialen und politischen Bildung junger Menschen in Nordafrika und im Mittleren Osten.

 

Die Bischöfe haben ebenfalls einen Brief an ihre Amtsbrüder im Mittleren Osten und in Nordafrika verfasst, in dem sie ihre Solidarität und die Gemeinschaft im Gebet zum Ausdruck bringen.

 

Die wachsende Unsicherheit und Bedrohung, denen christliche Minderheiten in der arabischen Welt zunehmend ausgesetzt sind, dürfen nicht toleriert werden. Zugleich sind die COMECE-Bischöfe äußerst besorgt darüber, wie religiöse Minderheiten in Europa gelegentlich behandelt werden.  Sie rufen deshalb alle Bürger, insbesondere die Christen, und die politischen Verantwortungsträger in Europa dazu auf, den Dialog der Kulturen und Zivilisationen in Europa wie in der ganzen Welt zu fördern.

 

Mgr. van Luyn räumte ein, dass auch die katholische Kirche keine kohärenten Strategien, Aktionspläne oder festen Antworten auf diese Herausforderungen habe. Was sie anbieten könne, sei die Bereitschaft, bei der Suche nach Lösungen mitzuwirken. Die COMECE-Bischöfe haben damit einige wichtige Weichenstellungen mit Blick auf die Unterstützung der Hoffungsbewegung in der arabischen Welt vorgegeben und aus der Analyse der Situation entscheidende Lehren für uns Europäerinnen und Europäer gezogen: die Verpflichtung der Mehrheiten gegenüber den Minderheiten in Europa sowie die Notwendigkeit, den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften zu suchen.

 

Johanna Touzel

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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