Monday 6. April 2020
#139 - Juni 2011

 

„Die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs“

 

In ihrer unlängst verabschiedeten Empfehlung macht sich die Parlamentarische Versammlung des Europarats (PACE) für eine neue Art der „Partnerschaft für Demokratie und Menschenrechte“ zwischen öffentlichen Institutionen, religiösen Gemeinschaften und nicht-religiösen Gruppen stark. Diese Partnerschaft soll die Form einer „stabilen Dialogplattform“ annehmen und „eine neue Kultur des Zusammenlebens“ schaffen.

 

Am Dienstag, dem 12. April 2011, hatte die PACE zu einer ungewöhnlichen Sitzung nach Straßburg eingeladen, an der nicht weniger als fünf hochrangige Vertreter der drei monotheistischen Religionen teilnahmen, um einen Beitrag zur Debatte über „die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs“ zu leisten: Patriarch Daniel aus Rumänien, Kardinal Jean-Louis Tauran, Professor Mehmet Görmez, Vorsitzender des Amtes für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, Berel Lazar, Oberrabbiner Russlands sowie Prälat Bernhard Felmberg, Vertreter des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands.

 

Der interkulturelle Dialog gehört zu den Prioritäten der Türkei, die zurzeit den halbjährlich rotierenden Vorsitz des Ministerkomitees innehat. Das Thema gehört allerdings seit einiger Zeit zu den Schwerpunkten des Europarats, der bereits im Mai 2008 ein „Weißbuch über den Interkulturellen Dialog - Gleichberechtigt in Würde zusammenleben“ verabschiedet hat.

 

Kernpunkt der Empfehlung ist die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs. Unter Verweis auf Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention, der „jeder Person das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“ garantiert, heißt es in der Empfehlung, das europäische Modell sei per definitionem multikulturell und habe die aus den verschiedenen historischen Hintergründen resultierenden Unterschiede zu berücksichtigen. Diese Forderung ist nicht selbstverständlich; „das Problem liegt oftmals in unserer Einstellung zum Thema Diversität“. Aus diesem Grunde fordert die PACE die Menschen auf „zu lernen, positiv mit den zwischen ihnen bestehenden Unterschiede umzugehen und den anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren, um Gesellschaften aufzubauen, die Zusammenhalt beweisen, offen für Vielfalt sind und die Würde des Einzelnen respektieren“. Genau hier kommt die „Bedeutung der religiösen Dimension des interkulturellen Dialogs“ zum Tragen, nicht nur als „Zusammenwirken religiöser Gemeinschaften zur Förderung der Werte, die das gemeinsame Herz unserer europäischen Gesellschaften und jeder demokratischen Gesellschaft“ ausmachen. Das Ziel ist letztendlich, „eine neue Kultur des Zusammenlebens“ zu entwickeln.

 

In der Empfehlung wird ferner die Rolle des Staates bei der Förderung einer „dynamischen und produktiven Partnerschaft zwischen öffentlichen Institutionen, religiösen Gemeinschaften und Gruppen mit einer nicht-religiösen Weltanschauung“ angesprochen, wobei die Neutralität des Staates in religiösen Fragen uneingeschränkt gewahrt bleiben soll. Zu diesem Zweck wird das Ministerkomitee aufgefordert, „einen Ort des Dialogs [...] zu schaffen, eine Schnittstelle zwischen dem Europarat und hochrangigen Vertretern der Religionen und der weltanschaulichen Organisationen, mit dem Ziel, die bestehenden Beziehungen auf eine stabile und offiziell anerkannte Plattform zu stellen“. Für den Europarat ist dies etwas Neues, das nicht nur seinen bisherigen Stellungnahmen, sondern auch dem Willen einiger Abgeordneter widerspricht, nach deren Ansicht der Staat sich keinesfalls in religiöse Angelegenheiten einmischen sollte. Weiterer Anlass zur Sorge ist für gewisse Parlamentarier die Tatsache, dass die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit der „uneingeschränkten Akzeptanz sämtlicher in der Konvention verankerten Grundwerten“ unterworfen werden könnte (s. Nr. 4 & 10). Diese Frage wird das Ministerkomitee wohl in seiner Stellungnahme zu dieser Empfehlung beantworten.

 

Schließlich wird in der Empfehlung die „Bedeutung und die Funktionsweise des Bildungssystems für die Kenntnis und das Verständnis der unterschiedlichen Kulturen – darunter auch die damit einhergehenden Glaubensrichtungen und Überzeugungen – sowie für das Erlernen der demokratischen Werte und die Achtung der Menschenrechte“ unterstrichen. In diesem Zusammenhang legt das Dokument in äußerst umsichtig formulierter und ausgewogener Weise den Schwerpunkt auf „die religiöse Erziehung in den Schulen“, vorausgesetzt, „die religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen der Eltern werden nicht verletzt“.

 

In einer Zeit, in der in vielen Ländern Europas nationalistische Bewegungen an Boden zu gewinnen scheinen, ist der Ruf nach einer „neuen Kultur des Zusammenlebens“, in der religiöse Überzeugungen vollumfänglich berücksichtigt werden, ohne dass die uneingeschränkte Achtung nicht-religiöser Überzeugungen darunter leiden würde, begrüßenswert. Mit Spannung erwarten wir die Stellungnahme des Ministerkomitees.

 

Hervé Pierre Guillot SJ

Jesuit European Office (OCIPE)

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

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